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CO2-Kompensation: Ablasshandel fürs Gewissen oder doch sinnvoll? | BR24

© BR / Kontrovers 2019

Die Pariser Klimazielen sehen vor, dass niemand mehr als eine Tonne CO2 im Jahr freisetzt. Für viele Menschen ist das aber ein zu ehrgeiziges Ziel. Manche möchten deshalb das „zu viel“ kompensieren. Ein Selbstversuch von Anne Hinder.

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CO2-Kompensation: Ablasshandel fürs Gewissen oder doch sinnvoll?

Die Pariser Klimazielen sehen vor, dass niemand mehr als eine Tonne CO2 im Jahr freisetzt. Für viele Menschen ist das aber ein zu ehrgeiziges Ziel. Manche möchten deshalb das „zu viel“ kompensieren. Ein Selbstversuch von Anne Hinder.

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Ich esse kaum Fleisch, achte darauf, Produkte bio, regional und saisonal zu kaufen. Dazu fahre ich immer mit dem Rad in die Arbeit. Aber meine eigene Klimabilanz fällt nicht so positiv aus: 16,4 Tonnen.

Ein durchschnittlicher Deutscher verbraucht nach Angaben des Umweltbundesamtes ca. 11,61 Tonnen pro Jahr. Das ist weit entfernt von der einen Tonne, zu der wir laut Pariser Klimaziele bis 2030 kommen sollen. Schuld bei mir ist vor allem, dass ich gerne reise - auch mit dem Flugzeug.

CO2 kompensieren

Vom schlechten Gewissen gepackt, fahre ich mit der Bahn zum Drehen nach Berlin. Aber das alleine wird nicht reichen. Eine andere Möglichkeit: Klimaschädliche Aktivitäten wie Fliegen oder Kreuzfahrten kompensieren.

Das geht bei diversen Anbietern, die finanzieren dann zum Ausgleich mit meinem Geld CO2-sparende Projekte - meist in Entwicklungsländern. Sie heißen: Advantag, Atmosfair, myclimate, primaklima und Co. Dort soll man mit wenig Geld viel CO2 einsparen können. Die Bereitschaft der Deutschen dafür ist jedenfalls da. Bei Atmosfair zum Beispiel gingen deutschlandweit 2018 9,5 Millionen Euro an Ausgleichszahlungen ein.

💡 CO2-Verbrauch Verkehrsmittel:

  • Fliegen: 285 Gramm CO2 (pro Passagier und Kilometer):
  • Autofahren: pro Liter Benzin = 2,37 Kg, pro Liter Diesel = 2,65 Kg CO2
  • Zugfahren: Fernverkehr: 47,9 Gramm je Personenkilometer
  • Kreuzfahrt: ca. 3,5 Tonnen (pro Person auf einer 14-tägigen Reise)
  • Quellen: Europäische Umweltagentur, Umweltbundesamt, Deutsche Bahn

Wäre ich heute nach Berlin geflogen, hätte ich auch das kompensieren können. Allerdings sind die Preise für genau diese Strecke bei den Anbietern unterschiedlich hoch: Von über 30 Euro – bis zum Schnäppchenpreis von drei Euro.

Bei einem Anbieter sinkt sogar der Preis mit der Menge CO2, die ich kompensiere. Mengenrabatt für Klimasünder also? Der Anbieter erklärt: Es handle sich um eine zeitlich begrenzte Marketingaktion.

CO2-Kompensation sei "moderner Ablasshandel"

Welches dieser Angebote ist nun seriös? Biologin Jutta Kill sagt: gar keines. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit Kompensationsprogrammen – und spricht von einem modernen Ablasshandel:

"Wenn Sie sagen: ich kompensiere, dann ist das bezahlt und abgehakt. Und da bin ich immer mehr der Überzeugung, dass es die gesellschaftliche Debatte hemmt und nicht fördert, indem es uns vorgaukelt: Der bezahlte Obolus ist hier und hier ist mein Ablassschein. Da kommen wir nicht weiter." Jutta Kill, Biologin

Kritikerin: "Aufforstungsprojekt ist Landraub"

Wenn ich wirklich was für das Klima tun will, sagt Kill, soll ich mein Verhalten verändern - oder mich vor Ort für Umweltschutz engagieren. Kompensationsprojekte richten aus ihrer Sicht oft Schaden an. Aufforstungsprojekte sind ein Beispiel, weil Kleinbauern vor Ort dann bisher genutztes Land zum Teil nicht mehr bewirtschaften könnten. Biologin Kill meint:

"Wir maßen uns an, unseren Fußabdruck außerhalb Deutschlands, Europas nochmal zu vergrößern, indem wir Land woanders beanspruchen und sagen: Ihr dürft da jetzt nicht mehr Emissionen produzieren, weil die wollen wir und wir haben dafür bezahlt. Ein Aufforstungsprojekt ist im Grunde immer ein Landraub." Jutta Kill, Biologin

Diese Kritik weisen alle Projekt-Betreiber von sich. Sie verweisen auf Prüfer, Standards, Zertifizierungen, die sie im Normalfall allerdings alle selbst finanzieren.

Öfen gegen den CO2-Verbrauch

Mit Atmosfair aus Berlin, dem nach eigenen Angaben größten deutschen Anbieter für private CO2-Kompensation, möchte ich über diese Kritik sprechen. Aufforstungsprojekte böten sie gar nicht an, weil sie sie auch problematisch finden würden, sagt Gründer und Geschäftsführer Dietrich Brockhagen. Ihre Projekte sind zum Beispiel, kleine Öfen für Haushalte in Ruanda bereit zu stellen, die wenig CO2 produzieren.

Brockhagen erklärt: "Im Jahr spart so ein Ofen da zwei bis drei Tonnen CO2, so viel wie ein deutscher Mittelklassewagen verursacht." Ich frage nach: "Aber ist das in Ihren Augen dann gerechtfertigt, dass ich ein Jahr Auto fahre - dafür, dass dann in Ruanda eine Frau mit einem anderen Ofen kocht?"

Für Brockhagen ist das nur ein illustratives Beispiel, erklärt er: "Autofahren sollte man gar nicht kompensieren, da gibt es bessere Lösungen. Sie könnten Car-Sharing machen oder Elektroauto mit Grünstrom kaufen oder mit der Bahn fahren. Da gibt es andere Alternativen, zu denen wollen wir mit der Kompensation keine Konkurrenz machen."

Beste Lösung: Vermeiden statt kompensieren

Eine Autofahrt zu kompensieren, geht bei Atmosfair deshalb nicht - eine Flugreise oder eine Kreuzfahrt schon. Da würden sie aber immer darauf hinweisen, dass CO2-Kompensieren nur die zweitbeste Lösung ist - nach Vermeiden. Das sagen übrigens auch alle andere Kompensationsanbieter. Es gilt also: statt kompensieren, lieber vermeiden.

Moore speichern CO2

Ich selbst möchte mich vor Ort, in Bayern, für den Klimaschutz engagieren. Hendrik von Riewel vom Bergwaldprojekt nimmt mich mit, um gemeinsam mit anderen Freiwilligen ein Moor in Oberammergau zu renaturieren. Er erklärt: "Moore sind die effektivsten CO2-Speicher, die wir kennen."

Und auch wenn es erstmal komisch klingt: Wir fällen jetzt für den Klimaschutz Fichten – weil die eigentlich nicht ins Moor gehören. Das ist der erste Baum, den ich in meinem Leben absäge. Von Riewel erklärt: "In dem Fall ist es gut fürs Moor."

Denn das Moor speichert mehr CO2 als die Fichten und die stehen hier der Ausbreitung des Moors im Weg. Die anderen Freiwilligen arbeiten eine ganze Woche hier. Eine sagt: "Das ist eine schöne Möglichkeit, Urlaub mit einer sinnvollen Sache zu verbinden." Ein anderer Freiwilliger erklärt: "Vor allem meine Kinder haben mich in die Richtung gedrängt, meine Tochter hat hier schon dreimal mitgemacht."

Das merke auch ich - für mich ist es eine schöne und sinnvolle Alternative zum Wegfliegen.