BR24 Logo
BR24 Logo
BR24

Virologe Drosten: Coronavirus-Mutante verbreitet sich stärker | BR24

© BR

Virologe Christian Drosten zur schnelleren Verbreitung von Virus-Varianten

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Virologe Drosten: Coronavirus-Mutante verbreitet sich stärker

Der Virologe Drosten hat vor der Verbreitung der wohl ansteckenderen Virusvariante aus Großbritannien gewarnt. Bislang gebe es in Deutschland nur vereinzelte Ausbrüche. Daher sei es jetzt wichtig, die Hygiene- und Schutzmaßnahmen weiter zu beachten.

Per Mail sharen
Von
  • Jeanne Turczynski

Der Leiter der Virologie an der Berliner Charité, Christian Drosten, hat erneut vor der Virusvariante B.1.1.7 gewarnt. Die Variante verbreite sich stärker als der bisher bekannte Typ des Sars-Cov-2-Virus. Drosten sagte in der Bundespressekonferenz, die Datenlage sei nun besser als noch vor wenigen Wochen.

Zahlen belegen schnellere Ausbreitung der Coronavirus-Mutation

Nach ersten Vorauswertungen habe man zunächst angenommen, dass die britische Virusvariante 50 bis 70 Prozent Zusatzinfektiosität habe. Jetzt gebe es robustere Daten, die zeigen: 0,22 bis 0,35 Prozent kämen auf den aktuellen R-Wert drauf.

"So eine Mutante verbreitet sich stärker. Das ist ein Faktum, das wir akzeptieren müssen." Christian Drosten, Leiter der Virologie an der Berliner Charité

Es gebe bisher aber noch keine solide Datenbasis, um sagen zu können, wie verbreitet die Variante in Deutschland bisher ist, so Drosten. Da es keine Meldepflicht an das Konsiliarlabor der Berliner Charité gibt, habe er derzeit nur anekdotische Berichte zur Verfügung. Ob das Virus B.1.1.7 jetzt zunimmt, sei schwer zu sagen.

Drosten versicherte, Labore aller Kategorien arbeiteten daran, ein klares Datenbild zu bekommen. Noch seien die Auswertungen statistisch nicht repräsentativ, so Drosten. Für belastbare Zahlen brauche es noch Geduld.

Drosten: Aktuelle Maßnahmen sind richtig

Christian Drosten bewertete die nun beschlossene Verlängerung des Lockdowns und die Kontaktbeschränkungen als richtig. Was da gerade passiere, sei richtig für die Kontrolle der Mutante.

Er glaubt, dass die Virusvariante vor Weihnachten keine große Rolle gespielt habe, über die Weihnachtsfeiertage mit dem Reiseverkehr aus den Nachbarländern eingeschleppt worden sei. Jetzt formieren sich laut Drosten erste kleine Cluster. Das sei der richtige Zeitpunkt, das veränderte Virus noch zu kontrollieren.

"Jetzt kann man das Ganze verhindern." Christian Drosten, Virologe

Drosten: Suche nach Virusmutationen in Deutschland reicht

Zugleich widersprach Drosten dem Vorwurf, in Deutschland würde zu wenig sequenziert, um neue Virusvarianten zu erkennen. Großbritannien sei in Sachen Sequenzierung eine Ausnahme, was in Deutschland gemacht werde, sei normal. Es gebe keinen gegebenen Wert, was sequenziert werden müsse.

Die Erfahrung mit der Influenza lehre etwa, man müsse nicht viel sequenzieren, sondern breit, dann könne man räumliche Ausdehnungen von Mutanten gut verfolgen. In Deutschland habe man sich nun vorgenommen, rund fünf Prozent der ermittelten Infektionen zu sequenzieren. Das müsse jetzt organisiert werden, so Drosten.

Ähnlich sieht das auch die Virologin Ulrike Protzer von der TU München. Sie glaubt, fünf Prozent Sequenzierung "reiche ganz sicher aus". Wenn man einfach nur wissen wolle, welche Virusvarianten es gibt, reichten ein bis zwei Prozent aus. Solange man repräsentativ über das ganze Land verteilt schaue. "Wenn man dann spezifisch in Cluster schauen möchte, dann sequenziert man die zusätzlich."

Auch Roman Wölfel von der Mikrobiologie der Bundeswehr bekräftigt: "Wenn man nur etwa fünf Prozent der PCR-positiven Proben sequenzieren würde, dann würde man schon einen ganz guten epidemiologischen Überblick bekommen."

PCR-Tests stehen weiter im Mittelpunkt

Der Chef des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wiehler, bekräftigte im Hinblick auf mehr Sequenzierungen, dass der entscheidende Punkt zunächst die PCR-Tests seien:

"Sequenzierung ist dann eine nachgeordnete Technik, die PCR-Tests sind die Basis. Antigen-Schnelltests sind ein weiteres Werkzeug. Insgesamt sind das alles Maßnahmen, die die Inzidenzen reduzieren. Je näher an der Null-Inzidenz, desto besser!" Lothar Wiehler, RKI

Die Sequenzierungen würden nicht nur vom Konsiliarlabor der Berliner Charité gemacht, sondern in Laboren über ganz Deutschland verteilt, erklärt Christian Drosten.

Labore für Sequenzierung ausreichend ausgestattet

Die deutschen Labore wären mit genügend Geräten für die Sequenzierung ausgestattet - bisher hapert es aber an der Bezahlung, kritisiert Mikrobiologe Wölfel. Der Gentest für eine Probe kostet rund 200 Euro. Der BUND hat jetzt angekündigt, die Kosten für die Tests übernehmen zu wollen. Und auch die EU will die Mitgliedstaaten mit Fachwissen, Infrastruktur und Geld unterstützen. Die EU-Seuchenbekämpfungsbehörde ECDC hat alle Mitgliedstaaten dazu aufgerufen, die Entwicklung der Mutationen zu überwachen.

Christian Drosten warnte noch einmal eindringlich davor, die neuen Virusvarianten nicht ernst genug zu nehmen und zu sorglos zu agieren angesichts der jetzt sinkenden Infektionszahlen. Auch die jetzt angelaufenen Impfungen reichten nicht aus, um die Verbreitung zu verhindern, so der Virologe.

"Wenn das Virus nicht stark kontrolliert wird, dann werden die Zahlen steigen. Durch die Impfung ist das Problem nicht beendet." Christian Drosten, Virologe

Man solle nicht naiv in die Situation reingehen, sondern vielmehr mit Problemen rechnen, auf die man sich vorbereitet, so Drosten.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!