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Chance für die Umwelt? "Genome Editing" in der Landwirtschaft | BR24

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Weizen ohne Gluten und fäule-resistente Äpfel: Das ist womöglich mit Genome Editing möglich - einer Technik, mit der die DNA von Organismen gezielt verändert wird. Doch die Methode ist umstritten.

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Chance für die Umwelt? "Genome Editing" in der Landwirtschaft

Weizen ohne Gluten und fäule-resistente Äpfel: Das soll mit "Genome Editing" möglich werden - einer Technik, mit der die DNA von Organismen gezielt verändert wird. Doch die Methode ist umstritten.

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2012 erfanden Wissenschaftler an der Universität Berkely die Crispr/Cas Methode, auch "Genome Editing" oder Genschere genannt. Die revolutionäre Methode könnte nachhaltig verändern, wie wir Essen produzieren. Indem man zum Beispiel Pflanzen sehr gezielt so verändert, dass Bauern weniger Pestizide spritzen müssen.

"Genome Editing" kann Pflanzen resistenter gegen Schädlinge machen

Mit Crispr/Cas können Forscher gezielt ins Erbgut von Tieren oder Pflanzen eingreifen und ihre Eigenschaften verändern. Sie könnten Pflanzen also zum Beispiel resistenter gegen Schädlinge machen. Die Crispr/Cas-Methode unterscheidet sich von denjenigen gentechnischen Methoden, bei denen DNA durch Zufügung fremder Organismen verändert wird. Das passiert beim "Genome Editing" nicht.

Der europäische Gerichtshof stuft mit Crispr/Cas behandelte Pflanzen als "gentechnisch modifizierte Organismen" ein. Damit fallen sie unter die Vorschriften des europäischen Gentechnikrechts. Theologe Stephan Schleissinger beschäftigt sich seit vielen Jahren mit ethischen Fragen der Naturwissenschaften. Er kritisiert das Urteil als nicht schlüssig, weil nahezu alles, was wir essen, vom Menschen durch Züchtung verändert worden sei.

"Wir nehmen immer Kulturpflanzen zu uns. Das interessante an 'Genome Editing' ist, dass diese Form der Technik nichts Anderes macht, als das was wir mit Kulturpflanzen immer schon gemacht haben, nur dass wir es jetzt wesentlich gezielter machen." Stephan Schleissinger

Welche Folgen hat "Genome Editing" für den Menschen?

Dennoch ist die Skepsis gegenüber "Genome Editing" groß. Die berechtigte Frage ist, ob nicht auch kleine Veränderungen im Erbgut große Auswirkungen haben können, und welche Folgen diese für Mensch und Natur haben. Wie viel soll und darf der Mensch in der Natur verändern?

Skepsis gegenüber gentechnischen Methoden kommt aber nicht nur von wissenschaftlicher, sondern auch von ethischer Seite. Für viele Menschen sind Kartoffeln, Pilze oder Weizen, die mit den Methoden der Molekularbiologie behandelt wurden, schlicht "unnatürlich".

Im Essen steckt nicht nur Geschmack, sondern auch Identität

Dies könnte daran liegen, dass wir durch das Essen "uns als natürliche Wesen erleben - wie der letzte Faden, mit dem wir noch an der Natur hängen", sagt Sarah Bechold. Sie forscht an der Ludwig-Maximilians-Universität München zu den ethischen Aspekten des "Genome Editing" und beschäftigt sich auch mit der Frage, warum Natürlichkeit beim Essen für viele Menschen von Bedeutung ist.

Über das Essen drücke sich viel mehr aus, als nur der Geschmackssinn, sagt Bechtold. Man merke, "dass im Essen Identität steckt; sowohl kulturelle, als auch persönliche. Man verwirklicht seine Persönlichkeit im Essen."

Fleischersatzprodukte: Auch verändertes Essen setzt sich durch

Die Beziehung zu Nahrungsmitteln könne sich aber im Laufe der Zeit ändern, gibt Bechtold zu Bedenken. Schließlich sei es heute völlig normal, italienisch, türkisch, chinesisch oder indisch Essen zu gehen. Vor ein paar Jahrzehnten sei dies noch ganz anders gewesen. Aber auch technisch verändertes Essen kann sich durchsetzen, glaubt Bechtold:

"Das sieht man insbesondere da, wo Menschen auf Fleisch verzichten wollen und dann auf Fleischersatzprodukte zurückgreifen, die auch technisch hergestellt werden." Sarah Bechold

Hier wird der Wunsch, auf Fleisch zu verzichten, höher gestellt, als der Wunsch nach Natürlichkeit. Bei der Beurteilung von Essen ginge es nie nur um die wissenschaftliche Einschätzung eines Lebensmittels, so Bechold. In der Frage, was wir zu uns nehmen, spielten Kultur, Religion und Lebenseinstellung eine große Rolle. Wir müssten uns fragen, sagt Bechold, "ob es da auch wichtig ist - auch wenn ich keinen Unterschied sehe -, dass es für jemand anderen einen Unterschied in Bezug auf seine Lebenseinstellung macht".