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Kampf gegen Corona: Impfstoff verzweifelt gesucht | BR24

© dpa-Bildfunk

Das Wettrennen um einen Impfstoff gegen das Coronavirus läuft

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Kampf gegen Corona: Impfstoff verzweifelt gesucht

Das globale Wettrennen um eine Corona-Impfung ist in vollem Gange. Russland hat bereits einen Impfstoff zugelassen. Doch Experten warnen vor zu großer Eile. Wie ist der aktuelle Stand?

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"Sputnik V" – so heißt der Impfstoff, den die russischen Behörden diese Woche zugelassen haben. Die Überraschung war groß, erzählt der russische Arzt und Infektiologe Nikolay Lunchenkov: "Als Arzt und Wissenschaftler war ich wirklich überrascht und froh. Denn einen Impfstoff zu haben, ist wichtig für die ganze Welt. Es würde bedeuten, dass wir bald aus dieser Pandemie herauskommen".

Bisher keine Daten über Impfung veröffentlicht

Doch dann begannen Nikolay Lunchenkov und andere Wissenschaftler Fragen zu stellen: "Alles, was wir haben, ist eine kurze Pressemitteilung des Instituts. In der Wissenschaftswelt, gerade wenn sie klinische Studien machen, muss jeder Schritt der Studie genau erklärt und begründet werden".

Das haben die Forscher des renommierten Moskauer Gamaleya-Instituts bislang nicht getan. Darüber ärgert sich auch Peter Kremsner, der Direktor des Instituts für Tropenmedizin an der Universität Tübingen. Er leitet selbst mehrere Impfstoff-Studien gegen das Coronavirus und hat aus den Medien erfahren, dass es sich offenbar um einen sogenannten Vektorimpfstoff handelt. Bei diesen Impfstoffen werden Erbinformationen des Coronavirus in ein ungefährliches Virus verpackt. Dieses Erbmaterial baut der Körper nach der Impfung nach und reagiert darauf. So kann das Immunsystem den Erreger bei einer echten Infektion bekämpfen, erklärt Kremsner.

"Das ist ein Virus-Vektor, d.h. ein Virus, das dem Menschen nicht schadet. Und da baut man genetisch eine Zielsequenz ein von etwas, das man dann auch im Menschen haben will. Was dann auch als Zielmolekül für Abwehrreaktionen dient." Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin an der Universität Tübingen
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Russland lässt Corona-Impfstoff zu

Erprobung nur an wenigen Studienteilnehmern

Solche Vektor-Impfstoffe sind schon im Einsatz, zum Beispiel gegen das Ebolavirus. Trotzdem hagelt es jetzt von allen Seiten Kritik. Denn die russischen Forscher haben den Impfstoff offenbar nur an sehr wenigen Studienteilnehmern erprobt. Ganz ähnlich hatten es davor chinesische Wissenschaftler getan. Ihr Impfstoff bekam aber zunächst nur eine begrenzte Zulassung fürs chinesische Militär.

"Wir haben die Daten nicht gesehen. Insofern können wir nur spekulieren. Wenn es stimmt, was in der Zeitung steht, dass tatsächlich nur 30 oder 40 Menschen diesen Impfstoff bekommen haben und dann wurde er zugelassen, dann ist das sehr, sehr schlecht. So was sollte man nicht machen. Aber wer weiß, vielleicht wurden ja schon Tausende damit geprüft", erzählt Kremsner.

Mehrere Testphasen notwendig

Genau das wäre eigentlich der Normalfall, eine dritte Testphase an mehreren tausend Menschen, um herauszufinden, ob die Impfung tatsächlich wirkt und ob die Studienteilnehmer sie vertragen.

"Jeder Impfstoff und jedes Medikament hat Nebenwirkungen. Und genau das studiert man mit großen Studien, in der Regel einer großen Zulassungsstudie." Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin an der Universität Tübingen

An solchen Studien nähmen mindestens 5.000 Probanden teil, so Kremser, in der Regel sogar eher 10.000 bis zu 30.000 und 50.000 Probanden, um schwerwiegende Nebenwirkungen, die in einem Bereich von eins zu tausend auftreten, zu erkennen.

Paul-Ehrlich-Institut warnt vor übereilten Zulassungen

Auch beim Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das hierzulande Impfstoffe zulässt, war man über die Nachricht aus Russland überrascht. Institutsleiter Klaus Cichutek sagte diese Woche: "Das Paul-Ehrlich-Institut warnt im Einklang mit der WHO und internationalen Expertinnen und Experten vor zu großer Eile bei der Impfstoffzulassung." Aus Sicht des PEI sei es auch in der aktuellen Pandemie-Situation zwingend erforderlich, dass alle Prüfungen und Bewertungen mit der gleichen Sorgfalt erfolgen wie bei anderen Impfstoffen. Zugelassen werden sollte ein Impfstoffprodukt nur dann, wenn der gezeigte Nutzen mögliche Risiken überwiege.

Forschungsstudien laufen auf Hochtouren

Das herauszufinden dauert in der Regel zehn bis 20 Jahre. Jetzt, in der Corona-Pandemie, haben alle den Turbo eingelegt, sodass der Tübinger Infektiologe Peter Kremsner bald mit besser erforschten Impfstoffkandidaten rechnet.

"Und ich hoffe, dass wir demnächst auch in der EU einige - und ich denke durchaus bis zu zehn verschiedene - Impfstoffe haben werden gegen Covid19. Und die Besten werden sich durchsetzen." Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin an der Universität Tübingen

Ob der russische Impfstoff "Sputnik V" zu den langfristigen Gewinnern zählt, wird sich noch zeigen. "Und was den Impfstoff angeht, hat China die Goldmedaille gewonnen und Russland die Silbermedaille. Hoffentlich müssen sie diese Medaillen nicht zurückgeben, wenn es sich herausstellte, dass die Impfstoffe dann doch nichts taugen", so Kremsner.

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