Zuckerrübenpflanzen auf einem Acker. In der Mitte des Bildes sind die Pflanzen klein, an manchen Stellen ist der Boden zu sehen

Folge von Verdichtungen: Lücken im Zuckerrübenbestand

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Bodenverdichtung: Wenn die Wurzeln waagrecht wachsen

Bodenverdichtung: Wenn die Wurzeln waagrecht wachsen

Mickrige Pflanzen auf dem Acker: Das sieht nach Dürreschäden oder Düngermangel aus, ist jedoch oft die Folge von schweren Maschinen. Denn in trockenen Jahren wirken sich Bodenverdichtungen besonders auf die Ernte aus. Fachleute fordern ein Umdenken.

Pflanzenwurzeln holen Wasser, Sauerstoff und Nährstoffe wie Stickstoff, Phosphor und beispielsweise Kalium aus dem Boden, um die Pflanzen zu ernähren. Damit das funktioniert, müssen die Wurzeln den Boden zum einen gut durchdringen können, zum anderen müssen im Boden Wasser und Luft in ausreichenden Mengen vorhanden sein. Verdichtete Böden können das nicht bieten: Die Wurzeln wachsen dann nicht in die Tiefe, Wasser und Luft sind Mangelware.

Mickrige Rübenpflanzen wegen Mähdrescher-Spuren

Ein Zuckerrüben-Acker bei Höchstädt an der Donau in Schwaben. Die Reihen sind fast geschlossen, die Blätter glänzen vital, die Rüben wachsen prächtig. Auf dem ganzen Acker? Nein. Im vorderen Teil des Feldes haben die Rübenreihen Lücken und die Pflanzen sehen im Vergleich zum Rest kümmerlich aus. Was ist da passiert?

Biobauer Max Kirner, der seinen Hof in Wertingen hat, hat den Boden immer im Blick. Er setzt auf Humusaufbau, ein vitales Bodenleben, darauf, dass der Boden fast ständig bewachsen ist. Er nimmt immer möglichst leichte Maschinen. Wenn möglich, senkt er den Druck in den Traktorreifen, sobald er auf dem Feld zugange ist. Dadurch vergrößert sich die Auflagefläche des Reifens, das schont den Oberboden. Denn es macht einen Unterschied, ob man ganz salopp gesagt mit Stöckelschuhen oder mit Gummistiefeln auf den Acker geht.

Doch letztes Jahr, als er auf dem Feld bei Höchstädt, auf dem jetzt die Zuckerrüben wachsen, Dinkel angebaut hat, war der Boden bei der Ernte einfach zu nass. Da ist es passiert: Max Kirner zeigt auf die Stellen mit den lückigen Reihen: "An den Rüben sieht man jetzt noch, wo ich mit dem Mähdrescher gewendet hab, da sieht man jetzt noch die Verdichtungen."

Schadhafte Bodenverdichtungen ein verbreitetes Phänomen

Bodenschäden durch Verdichtungen sind kein Einzelphänomen. Während Bodenkundler aus Schweden und der Schweiz in einer kürzlich veröffentlichten Arbeit davon ausgehen, dass weltweit rund 20 Prozent der Ackerflächen gefährdet seien, schätzt Joachim Brunotte vom Thünen-Institut in Braunschweig, schadhafte Bodenverdichtungen betreffen in Deutschland höchstens fünf Prozent der Ackerfläche. Dabei ist es unstrittig, dass auch weniger als fünf Prozent zu viel sind - das ist deutlich mehr als die Stilllegungsflächen in Deutschland - und, dass Bodenverdichtungen die Bodenfruchtbarkeit gefährden.

Schwere nasse Böden sind besonders gefährdet

Böden sind je nach Bodenart und Feuchtezustand mehr oder weniger anfällig für Verdichtungen. Feinkörnige Böden wie Lehm oder Schluff sind stärker gefährdet als sandige, sagt Professor Stephan Peth, Bodenkundler an der Leibniz-Universität in Hannover. Auf sehr trockenen Böden mit Schrumpfungsrissen kommt es leicht zu Verdichtungsschäden, das größte Risiko besteht jedoch auf nassen Böden. Begrünte Böden sind tragfähiger, weil lebende Pflanzenwurzeln den Boden zu einem stabilen Gefüge verbauen können.

Mais- und Rübenernte riskant

Zuckerrüben und Mais sind die Verdichtungskulturen. Sie werden im Herbst geerntet, wenn die Böden oft nass sind. Mit besonders schweren Maschinen: Maishäcksler und Riesenkipper oder Rübenernter. "Das sind die besonders kritischen Situationen, wo die Lasten nicht mehr getragen werden können", meint Stephan Peth. Ein großer Rübenroder mit vollem Bunker könne fast 70 Tonnen wiegen "mit so einer Maschine ist quasi nach der Straßenverkehrsordnung nicht mehr erlaubt, auf der Straße zu fahren". Dabei habe die Straße einen tragfähigen Asphalt- oder Beton-Belag – in Gegensatz zum Ackerboden. "Und da ist auf jeden Fall eine Grenze schon längst überschritten", so der Bodenkunde-Experte von der Uni Hannover weiter.

Wenig Druck im Reifen helfen nur dem Oberboden

Viele Landwirte regulieren den Druck in den Traktorreifen und senken ihn ab, wenn sie aufs Feld fahren, damit die Auflagefläche der Reifen größer und damit der Druck auf die Fläche geringer wird. Schwere Landmaschinen sind darüber hinaus mit besonders breiten Reifen oder gar mit Raupenfahrwerken ausgerüstet.

Doch diese Maßnahmen schonen nur den Oberboden, also den Bereich der Ackerkrume, bis zur Pflugsohle. Denn das Gewicht der Maschinen ändert sich dadurch ja nicht. "Das was quasi oben nicht kompensiert wird an Last, muss dann im tieferen Unterboden kompensiert werden", sagt Stephan Peth. Auch andere Bodenkundler weisen darauf hin, dass breite Reifen nicht helfen gegen Bodenschäden im Unterboden, dort wo der Pflug nicht mehr hinkommt.

In Bayern: Schwere Maschinen auf kleinen Flächen

Die Krux der modernen Maschinen: Mit ihnen kann man auch dann noch auf den Acker fahren, wenn es der Boden nicht mehr erträgt. Und unter Umständen sinkt die Maschine gar nicht ein, während sie im Unterboden starke Bodenschäden erzeugt.

In Bayern sind die Ackergrößen im Bundesdurchschnitt eher klein, das bedeutet, dass sich der Einsatz schwerer Maschinen häufig nicht rechnet. Das könnte günstig für den Boden sein. Doch wenn die Landwirte Lohnunternehmen mit schlagkräftigen schweren Maschinen engagieren, dann steigt die Gefahr für Verdichtungsschäden stark an. Denn auf kleinen Flächen wird ein größerer Anteil der Flächen mehrfach überfahren, unter anderem, weil mehr gewendet werden muss.

Verdichtungen zerstören die Poren

Warum sind Bodenverdichtungen überhaupt eine Gefahr für die Bodenfruchtbarkeit? Sie zerstören die Grob- und die Mittelporen in der Ackerkrume und im Unterboden nachhaltig. Die groben Poren nehmen bei Niederschlägen das Wasser möglichst schnell auf und leiten es in tiefe Bodenschichten. Wenn es nicht regnet, versorgen die Grobporen die Pflanzenwurzeln und die Mikroorganismen mit Sauerstoff. Die Mittelporen sind unter anderem dazu da, das Wasser aus den tieferen Schichten mit Kapillarkräften wieder nach oben zu befördern, damit die Pflanzenwurzeln es nutzen können.

Sind die Grob- und Mittelporen zerstört, dann kann das Wasser nicht mehr gut auf dem Feld versickern, es kommt zu Erosion und zu Wassermangel auf dem Acker. Die Pflanzenwurzeln können durch die verdichteten Schichten nicht mehr in die Tiefe dringen, sie wachsen dann waagrecht und kommen nicht an das Wasser im Untergrund.

Verdichtungsschäden kommen bei Trockenheit an die Oberfläche

Die Symptome werden insbesondere dann sichtbar, wenn das Wasser knapp ist, so Professor Stephan Peth. Dann sieht man die Bodenverdichtungsschäden aber vor lauter Wassermangel nicht und schiebt die Ertragsrückgänge auf den Klimawandel. "Aber da spielt natürlich die Art der Bewirtschaftung auch mit eine Rolle und da ist sehr wesentlich, wie stark die Unterbodenverdichtung ist."

Die Unterbodenverdichtungen führen dazu, dass die Ernten in trockenen Jahren viel stärker zurückgehen, als sie allein wegen der fehlenden Niederschläge zurückgehen müssten. Deswegen fordern Boden-Wissenschaftler ein Umdenken hin zu einer innovativen leichteren Erntetechnik und einem Maschineneinsatz, der den Unterboden schont.

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