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Besonders benachteiligt: Wie Blinde in der Corona-Krise leben | BR24

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Wie hält man Abstand, wenn man den anderen nicht sieht? Wie hört man zu, wenn der andere in einiger Entfernung durch eine Stoffmaske spricht? Die Corona-Krise stellt Blinde vor viele Herausforderungen.

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Besonders benachteiligt: Wie Blinde in der Corona-Krise leben

Wie hält man Abstand, wenn man den anderen nicht sieht? Wie hört man zu, wenn der andere in einiger Entfernung durch eine Stoffmaske spricht? Die Corona-Krise stellt Blinde vor viele Herausforderungen.

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Eine Bushaltestelle in Nürnberg. Frank Nohr steigt ein. "Guten Morgen, welche Linie ist es?" "Die Linie 44 Richtung Zerzabelshof Ost", antwortet der Busfahrer. Genau mit der will Frank Nohr fahren. Er ist blind. Erst seit Kurzem kann man in den Nürnberger Bussen wieder vorne beim Fahrer einsteigen. Wichtig für Blinde, um nach der richtigen Linie zu fragen und sich zu orientieren. Der Alltag ist in der Corona-Krise nicht gerade leichter geworden. Blinde und sehbehinderte Menschen sind darauf angewiesen, Geräusche und Sprache gut zu verstehen. "Das ist erschwert, durchaus", sagt Nohr. "Viele Verkäufer sind mit Maske hinter einem Plexiglasschutz und das macht es schwierig zu folgen."

Abstand halten zur Begleitperson

Schwieriger ist es jetzt auch, mit einer Begleitperson unterwegs zu sein. Wenn sich Blinde führen lassen, haben sie normalerweise recht engen Körperkontakt. Etwa haken sie sich beim Sehenden ein und spüren dann direkt, wenn dieser zur Seite geht oder eine Stufe nimmt. Seit Beginn der Pandemie sollen sich die Blinden nicht mehr festhalten, weil sie dann ihren Begleitpersonen zu nahe kommen und ein Infektionsrisiko besteht.

Wie aber hält man als Blinder auf belebten Plätzen oder im Supermarkt Abstand zu Fremden? "Es ist nicht möglich für einen Blinden, Abstand zu halten", sagt Niklas Leonhardt. "Ich muss hoffen, dass mich jemand anders aufmerksam macht." Niklas Leonhardt lebt in Frankfurt und ist seit seiner Geburt blind. Die Abstandsregeln machen ihm ziemlich zu schaffen. Ihm fehlen die regelmäßigen Treffen mit anderen und der Sport. "Ich fahre Tandem. Nun mussten wir bis Ende des Jahres alle Vereinsaktivitäten einstellen, weil wir als Blinde keinen Abstand halten können." Niklas Leonhard fühlt sich benachteiligt.

Gruppentreffen gibt es erst ab Herbst

Sport ist im Prinzip natürlich auch für Blinde wieder möglich. Doch Vereine und Organisationen sind vorsichtig. Auch der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund geht auf Nummer sicher, sagt Franziska Weigand, Mitglied des Landesvorstands. Persönliche Beratung ist wieder möglich, Gruppentreffen wohl erst ab Herbst. "Wir wollen, dass unsere Leute guten Kontakt haben, aber aufgrund der Risikogruppensituation müssen wir sehr vorsichtig sein, dass wir niemanden gefährden. Das wollen wir ja auch nicht."

Die Blindenverbände haben ihre Mitglieder zu ihren Wünschen in der Corona-Zeit befragt. Ein wichtiger Punkt: Markierungen mit mehr Kontrast in Läden und Supermärkten - das würde den Menschen helfen, die noch einen Rest Sehvermögen haben. "Die Hauptsorge unserer Leute ist es, etwas falsch zu machen", sagt Franziska Weigand. "Man sieht das Ende der Schlange nicht, kann keinen Abstand halten." Ihre Bitte an Sehenden: Verständnis haben. "Wenn die Leute vernünftig und freundlich mit uns reden, ist uns viel geholfen."

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