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Im Nationalpark Berchtesgaden wurden zwei junge Bartgeier ausgewildert, der Beginn eines Wiederansiedelungsprojekts. Jedes Jahr sollen nun zwei bis drei Tiere folgen. Die Bartgeier waren in den bayerischen Alpen vor rund hundert Jahren ausgestorben.

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Die Bartgeier Wally und Bavaria sind jetzt in Bayern zuhause

Der Bartgeier gehört zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Nach 100 Jahren soll der Aasfresser in Bayern wieder heimisch werden. Deshalb wurden jetzt die Bartgeier Wally und Bavaria im Nationalpark Berchtesgaden ausgewildert.

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Von
  • Alexandra Klockau

Mit fast drei Metern Spannweite gehört der Bartgeier (Gypaetus barbatus) zu den größten flugfähigen Vögeln der Welt. Mehr als 100 Jahre lang galt der Aasfresser in Bayern – und damit auch in ganz Deutschland, da der alpine Lebensraum sein einzig möglicher ist, als ausgestorben. Bis jetzt: In einem groß angelegten Projekt haben der bayerische Naturschutzverband LBV (Landesbund für Vogelschutz) und der Nationalpark Berchtesgaden am 10. Juni zwei junge Bartgeier aus spanischer Nachzucht in die Natur entlassen: Wally und Bavaria heißen die beiden Weibchen, deren neue Heimat jetzt das Knittelhorn im Klausbachtal ist.

Wally und Bavaria sind die ersten ausgewilderten Bartgeier in Bayern

Für das internationale Projekt zur Wiederansiedlung des Bartgeiers, Europas seltenster Geierart, in den Alpen bilden diese beiden rund 100 Tage alten Tiere den Anfang in den Ostalpen: Wally und Bavaria sind die ersten Bartgeier, die in Bayern ausgewildert wurden.

Wenn alles gut geht, werden die beiden Weibchen in einigen Wochen ihre Kreise um den Watzmann ziehen – und in den kommenden Jahren weitere Bartgeier folgen.

Noch zu wenige Bartgeier in den Ostalpen

1913 wurde der letzte Bartgeier in den Alpen getötet, die mächtigsten Flieger in den Bergen waren ausgerottet. Seit den 1980er-Jahren versucht man, sie wieder anzusiedeln. Derzeit leben im gesamten Alpenraum wohl rund 300 Bartgeier.

Während sich die Greifvögel in den West- und Zentralalpen seit 1997 auch durch Freilandbruten wieder selbstständig vermehren, sind es in den Ostalpen noch zu wenige Tiere. Deswegen hat der LBV das Projekt zur Auswilderung von jungen Bartgeiern im bayerischen Teil der Alpen angestoßen.

"Dem Geier besonders unter die Flügel greifen"

"Bartgeier werden seit 1986 in den Alpen ausgewildert. In den Ostalpen läuft die Wiederbesiedlung allerdings noch schleppend", so Roland Baier, Leiter der Nationalparkverwaltung Berchtesgaden.

"Daher möchten wir dem Geier hier ganz besonders unter die Flügel greifen mit dem Ziel, die Brücke von den Pyrenäen über die Alpen und den Balkan bis zu den Vorkommen in der Türkei zu schlagen." Der "faszinierende Vogel" komplettiere die ursprüngliche Fauna des Nationalparks und bilde als Aas- und Knochenverwerter ein wichtiges Endglied in der Nahrungskette.

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Nach 100 Jahren ist der Bartgeier wieder im Nationalpark Berchtesgaden. Zwei Exemplare des größten Greifvogels der Alpen wurden ausgewildert.

Nationalpark Berchtesgaden gut für Bartgeier geeignet

Im Nationalpark Berchtesgaden leben zwar verschiedene Aasfresser wie Steinadler, Raben und Füchse. Doch keines dieser Tiere frisst vor allem Knochen. Erwachsene Bartgeier ernähren sich nur davon.

Dass der Nationalpark Berchtesgaden ein geeignetes Zuhause ist, zeigte eine Machbarkeitsstudie, die der LBV 2019 durchgeführt hat. Sie lässt sich ganz einfach zusammenfassen: Der Bartgeier könnte sich im Nationalpark Berchtesgaden wohlfühlen, weil er in der Region auch früher schon zu Hause war.

Die verkarsteten Bergregionen mit ihrer starken Thermikbildung, vielen Gämsen und Steinböcken und wenig Infrastruktur wie Seilbahnen kommen dem Bartgeier zugute. Die Jäger dort verzichten auf bleihaltige Munition, andernorts sterben viele Bartgeier an einer Bleivergiftung, weil sie damit erlegtes Wild fressen.

Generell eignet sich die Lage auch gut dafür, einen ostalpinen Bestand aufzubauen. Die Mitarbeiter des Nationalparks haben bereits Erfahrung damit, Greifvögel mit Tierkadavern zu versorgen. Und die Berchtesgadener Bevölkerung ist durch die Salzburger Gänsegeier-Kolonie schon vertraut mit Geiern. "Bayern ist Heimat für Geier", so der LBV-Vorsitzende Norbert Schäffer. "Die Studie zeigt, der Bartgeier hat hier gelebt, er kann hier leben und er soll das auch wieder tun. Und dabei eignen sich vor allem die Ostalpen für eine Wiederansiedelung."

Zwei Spanierinnen für Bayern: Bartgeier stammen aus Andalusien

Die beiden Bartgeier Wally und Bavaria, die jetzt ausgewildert wurden, sind eigentlich Spanierinnen: Die beiden Weibchen stammen aus dem europäischen Bartgeier-Zuchtnetzwerk der Vulture Conservation Foundation. Geschlüpft sind sie im spanischen Zuchtzentrum Guadelentín, das in 1.300 Meter Höhe auf einer Bergkette in Andalusien liegt. Mitte März 2021 haben sie dort als "BG1112" und "BG1113" das Licht der Welt erblickt. Sie sind keine Geschwister und stammen nur zufällig aus derselben Zuchtstation.

"BG1112" war das zweite Küken der Bartgeier-Eltern Borosa und Toba. Ihm musste beim Schlupf am 11. März aus dem Ei geholfen werden, da es damals nur 121 Gramm wog. "BG1113" ist das Küken der Bartgeiereltern Elías und Viola und wog, als es am 14. März selbstständig schlüpfte, 159,1 Gramm. Ohne weitere menschliche Hilfe wurden sie von ihren Geier-Eltern großgezogen.

Besondere Rolle des Tiergarten Nürnberg für die Bartgeier

Eigentlich hätten die Bartgeier-Jungvögel für Bayern aus dem Nürnberger Tiergarten stammen sollen, der auch an dem europäischen Zuchtprogramm teilnimmt. Aus den Nürnberger Eiern sind jedoch keine Küken geschlüpft.

Der Nürnberger Tiergarten diente aber als Quarantänestation, wo sich die beiden Weibchen vor der Auswilderung aneinander gewöhnen sollten. Dort wurden ihnen am 9. Juni auch die Gurte mit ihren GPS-Satellitensendern angepasst und die Federn markiert.

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Bildrechte: LBV/Jörg Beckmann

In Nürnberg wurden die Bartgeier auf ihre Auswilderung vorbereitet.

Bartgeier wurden in der Kraxe auf das Knittelhorn getragen

Die beiden Bartgeier-Weibchen Wally und Bavaria waren bei ihrer Freilassung rund 100 Tage alt und sechs Kilogramm schwer, ihre Flügelspannweite betrug bereits 2,80 Meter. In zwei großen Transportboxen und mithilfe von Kraxen wurden sie am 10. Juni zu ihrem Auswilderungsplatz getragen: eine 20 Meter breite und sechs Meter tiefe, umzäunte Felsnische in rund 1.300 Metern Höhe auf dem Knittelhorn im Klausbachtal.

Dort bezogen Wally und Bavaria gegen 14.30 Uhr ihre künstlich angelegten und mit Fichtenzweigen und Schafwolle ausgepolsterten Nester. Erste Gamsknochen wurden ihnen ausgelegt. Eine Tränke, die von Wasser, das von der Felswand tropft, gespeist wird, finden die beiden Bartgeier gleich neben ihren Nestern. Jetzt sollen sie sich nach und nach aneinander, an das Klima und die Region gewöhnen. "Nach wenigen Stunden bis Tagen hüpfen die dann fröhlich auf den Felsen rum", berichtet Toni Wegscheider, Biologe und LBV-Bartgeier-Experte, von den Erfahrungen früherer Bartgeier-Auswilderungen in den Alpen.

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Diese Felsnische am Knittelhorn im Nationalpark Berchtesgaden ist das neue Zuhause der Bartgeier.

Junge Bartgeier müssen erst fliegen lernen

Eingezäunt ist ihr neues Zuhause, weil die jungen Bartgeier noch nicht fliegen können. "So ist die Nische geschützt und die Bartgeier können nicht rauspurzeln", erklärt Markus Erlwein, LBV-Pressesprecher, gegenüber dem BR.

Die Bartgeier-Weibchen werden erst in den nächsten Wochen Fliegen üben – und genau dabei beobachtet: Wenn sie etwa 200 Flügelschläge pro Tag schaffen, haben sie die Kraft, selbstständig zu fliegen und die ersten Flugversuche stehen kurz bevor. "Dann sind wir auch entspannter, wenn wir merken, dass die Flugversuche immer positiver verlaufen. Erleichtert werden wir aber erst sein, wenn man sie entspannt am Himmel kreisen sieht", sagt Erlwein. Ein Bartgeier-Erstflug wirke anfangs sehr putzig, schildert Bartgeier-Experte Toni Wegscheider. "Die beiden werden ungelenk landen, mit Purzelbaum und Überschlag. Von da an sind sie auch nicht mehr im Nest."

Bei ihren ersten Ausflügen könnte es laut Erlwein noch passieren, dass Wally und Bavaria irgendwo hin fliegen, wo sie nicht mehr wegkommen. Dann müssten die Mitarbeiter des LBV und des Nationalpark Berchtesgaden, die sie von einer nahen Beobachtungsplattform aus rund um die Uhr überwachen, eingreifen und versuchen, sie zurückbringen.

Vorerst bekommen die Bartgeier noch diskreten Zimmerservice

Bis sie aus ihrer Nische fliegen, werden die beiden Bartgeier-Damen noch gefüttert: Dafür werden ihnen heimlich, wenn sie schlafen, drei- bis viermal pro Woche Aas und Knochen über den Zaun geworfen. "Dann finden sie das Futter beim Aufwachen, verbinden es aber nicht mit Menschen", erklärt Markus Erlwein.

Ende Juni werden die jungen Bartgeier flügge sein, ihre Auswilderungsnische verlassen und zu Erkundungsflügen aufbrechen. Dann können Wally und Bavaria im Klausbachtal beobachtet werden. Danach werden sie noch bis zum Herbst häufig in der Region zu sehen sein, bevor sie sich aufmachen, den gesamten Alpenbogen zu erkunden.

"In diesem Alter speichern sie die Landschaft, die Umgebung als ihre Heimat," erklärt Toni Wegscheider. "Das ist eine Prägung, sodass wir hoffen können, dass die beiden Jahre später, wenn sie sesshaft werden, wieder in dieses Revier zurückkommen."

Bartgeier in Berchtesgaden unter Beobachtung

Die Bartgeier werden rund um die Uhr beobachtet: Von einer Infrarotkamera und einer Webcam in den Nestern. Sie selbst tragen einen GPS-Sender und sind markiert: Mit Haarbleichmittel wurden ihre Federn gebleicht – jeder Bartgeier trägt einen individuellen Strichcode im Federkleid, der dort bis zur Mauser etwa drei Jahre lang sichtbar bleibt.

Die Überlebensquote ausgewilderter Bartgeier beträgt erfahrungsgemäß im ersten Jahr 88 Prozent, im zweiten sogar 96 Prozent. Für in der Wildnis geschlüpfte Vögel sind das unerreichbare Werte. Doch später geht es rapide abwärts: "Wir nehmen an, dass im Alpenraum 30 Prozent aller Bartgeier elendig an Bleivergiftung sterben", berichtet Bartgeier-Experte Wegscheider. In Österreich treffe es sogar rund die Hälfte. "Die ersticken bei lebendigem Leib, die verhungern bei lebendigem Leib", je nachdem, welches Organ das Nervengift, das die Bartgeier beim Aasfressen aufnehmen, beeinträchtigt.

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Toni Wegscheider, LBV-Bartgeier-Experte, hält eines der Jungtiere, das am 9. Juni 2021 im Tiergarten Nürnberg markiert wurde.

Zwei bis drei Bartgeier pro Jahr für Berchtesgaden

Im Rahmen des alpenweiten Wiederansiedlungsprogramms wurden seit 1986 bereits rund 230 Bartgeier ausgewildert. Experten schätzen den Gesamtbestand in den Alpen auf gut 300 Tiere. Noch ist die genetische Vielfalt der Population aber sehr gering.

"Die 300 Bartgeier, die es jetzt im Alpenraum gibt, haben alle die gleichen circa 15 Vorfahren", erläutert Bartgeier-Experte Toni Wegscheider. Ohne weitere Stützung der Population aus gezielten Nachzuchten wäre mit einem hohen Grad an Inzucht zu rechnen. Zielgröße für eine selbsterhaltende Population sind rund 1.000 Tiere.

Bartgeier-Auswilderung in Berchtesgaden: Projekt über zehn Jahre

Für das Gesamtprojekt der Bartgeier-Auswilderung ist ein Zeitraum von zehn Jahren vorgesehen. Künftig sollen im Nationalpark Berchtesgaden jedes Jahr zwei bis drei junge Bartgeier ausgewildert werden. Die Dauerbewerbung des LBV im Zuchtprogramm läuft – nur, wie viele Bartgeier es letztlich tatsächlich werden, hängt davon ab, wie viele in den Zuchtstationen tatsächlich geboren werden.

"Im Zuchtprogramm müssen ja trotzdem genügend Vögel für die Zucht behalten werden, man kann nicht alle auswildern", sagt Erlwein. Und der LBV-Vorsitzende Schäffer erklärt: "Bei Projekten dieser Art muss man in langen Zeiträumen denken, um dauerhaft Erfolg zu haben. Das ist kein Sprint, sondern eher ein Marathon."

Zum Brüten zurück in die eigene Kinderstube

Baier vom Nationalpark Berchtesgaden und Schäffer vom LBV hoffen darauf, dass sich die beiden Bartgeier-Weibchen spätestens mit Eintritt der Geschlechtsreife im Alter von fünf bis sieben Jahren an ihre gute Kinderstube erinnern und zum Brüten in die Berchtesgadener Alpen zurückkehren.

Ihr Revier werden sie jedoch auch dann jenseits der Grenze haben: 300 Quadratkilometer umfasst der Lebensraum eines Bartgeier-Paares. Der komplette Nationalpark Berchtesgaden ist etwa 210 Quadratkilometer groß. "Es ist Lebensraum ohne Ende da, es gibt ja noch keine Bartgeier bei uns", so Bartgeier-Experte Wegscheider.

Das europäische Bartgeier-Zuchtnetzwerk

Das europäische Bartgeier-Zuchtnetzwerk wird von der Vulture Conservation Foundation (VCF) mit Sitz in Zürich geleitet. Die internationale Stiftung koordiniert die europaweiten Zuchtstationen und legt die Vergabe der Jungvögel auf die Auswilderungsorte seit 2013 fest. Mehr als 40 spezialisierte Zoos, darunter auch der Nürnberger Tiergarten, und Zuchtstationen haben sich zu einem internationalen Netzwerk, dem Erhaltungszuchtprogramm des Europäischen Zooverbands (EEP), zusammengeschlossen.

Von Berlin über Wien bis Novosibirsk und Helsinki werden Bartgeier von erfahrenen Pflegern und anderen Spezialisten gezüchtet. Der Bartgeierbestand im Erhaltungszuchtprogramm liegt derzeit bei etwa 180 Vögeln, unter denen rund 40 Paare 2021 erfolgreich gebrütet haben.

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Die zwei Bartgeier, die im Nationalpark Berchtesgaden ausgewildert werden, wurden in Schwaig bei Nürnberg auf ihren großen Tag vorbereitet.

Bartgeier erkennen

Bartgeier sind gut zu erkennen: Sie gehören mit einer Flügelspannweite von 2,90 Metern zu den größten flugfähigen Vögeln. Ihren Namen haben sie wohl von den dunklen Federn im Gesicht, die an einen Bart erinnern. Ihre Flügel laufen spitz zu, die Steuerfedern keilförmig. Oft fliegen sie sehr langsam in nur wenigen Metern Höhe.

Das Federkleid junger Bartgeier ist noch dunkelbraun, der Kopf dunkel. Auf dem Rücken befindet sich eine V-förmige Zeichnung, die ab dem dritten Jahr verschwindet. Nach der Mauser werden Brust, Bauch und Kopf weiß. Der Bartgeier "färbt sich" dann die Federn: Die hellen Gefiederbereiche werden durch das Baden in eisenoxidhaltigem Schlamm orange. Warum er das macht, ist unklar. Experten vermuten, es könnte dabei helfen, die Federn vor Abnützung zu bewahren, die Körpertemperatur zu regeln, vor Parasiten zu schützen, oder ein Statussignal sein.

Gesundheitspolizei und Müllabfuhr

Bartgeier gelten als die "Gesundheitspolizei" und "Müllabfuhr" der Natur: Sie besitzen die stärkste Magensäure im Tierreich, sie ist vergleichbar mit Batteriesäure. Der Bartgeier ernährt sich von Aas und hauptsächlich von Knochen, die davon fast vollständig aufgelöst werden. "Das kennt man sonst nur von Hyänen", sagt Erlwein.

Röhrenknochen von bis zu 25 Zentimetern Länge und einem Durchmesser von fünf Zentimetern kann ein Bartgeier am Stück verschlucken. Größere Skelettteile wirft der Bartgeier auf Felsen, um sie zu zertrümmern. Um aktiv große Beute zu schlagen, dafür sind weder sein Schnabel noch seine Krallen ausgelegt.

Der Bartgeier wurde ausgerottet, weil man ihm nachsagte, Lämmer oder sogar kleine Kinder zu packen. Für Menschen, Haus-, Nutz- und Wildtiere besteht jedoch keine Gefahr. Der Vogel gehört nicht zu den aktiven Beutegreifern. Weil seine Nahrung relativ trocken ist, muss ein Bartgeier im Gegensatz zu fleischfressenden Greifvögeln regelmäßig trinken. Er braucht also auch Quellen und Bäche in seinem Territorium.

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Merkmale des Bartgeiers auf einen Blick

Bartgeier profitieren vom Schnee

Während die meisten Vögel im Frühling Eier legen, brütet der Bartgeier mitten im Winter, egal, wie kalt es ist und wie viel Schnee liegt. Rund 50 Tage werden die Eier bebrütet – und wenn die bis zu zwei Küken dann gegen Ende des Winters schlüpfen, gibt es in den Bergen ein reichhaltiges Aas-Angebot an verunglückten Wildtieren, die der Schnee freilegt. Gämsen und Steinböcke zum Beispiel, die in Lawinen verendet sind und dann im tauenden Schnee zum Vorschein kommen.

"Dank einer Synchronisierung des Schlupfzeitraums mit der Schneeschmelze ist sichergestellt, dass genügend Tierkadaver vorhanden sind, mit denen die Eltern ihre Küken füttern können", erklärt Wegscheider.

Schlüpfen tatsächlich zwei Jungvögel, überlebt immer nur das stärkere Küken, das schwächere wird getötet. "Das ist nachvollziehbar, da bei insgesamt fast vier Monaten Nestlingszeit in der Natur und Unmengen von Futter, die solch ein heranwachsender Geier fressen muss, die Eltern niemals zwei Junge aufziehen könnten", erklärt LBV-Bartgeierexperte Wegscheider.

Dass die Vögel erst so spät geschlechtsreif werden und in freier Wildbahn pro Brut nur ein Küken großgezogen wird, sind auch die Gründe, warum sich die Bestände nur so langsam ausbreiten. Auch in der Aufzuchtstation müssen zwei Küken sofort nach dem Schlüpfen voneinander getrennt werden.

Bartgeier in Bayern beobachten

Bartgeier werden in Zoos bis zu fünfzig Jahre alt, in freier Wildbahn mehr als dreißig. Mit bayerischem Nachwuchs muss man sich noch einige Jahre gedulden, der LBV hofft jedoch, dass die beiden ausgewilderten Bartgeier-Weibchen andere Bartgeier animieren, Bayern für sich zu entdecken. Wer dabei zuschauen will, wie es den spanischen Bartgeiern Wally und Bavaria in Bayern ergeht, kann sie über die Webcam live beobachten und auf dem Bartgeier-Blog vom LBV mitlesen.

"Mit dem Bartgeier-Projekt geht uns darum, eine stabile Bartgeier-Population in Zentraleuropa zu schaffen, die sich natürlich und zuverlässig vermehrt. Und natürlich darum, die biologische Vielfalt zu erhalten. Der Bartgeier schließt außerdem eine ökologische Nische: Aasfresser gibt’s viele, aber Knochenaufräumer nicht", so LBV-Pressesprecher Erlwein.

© BR / IQ - Aus Wissenschaft und Forschung
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Über 100 Jahre lang war der Bartgeier in Bayern ausgerottet - jetzt werden erstmals zwei Jungtiere ausgewildert, in den Berchtesgadener Alpen.

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