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Aus für Streuner: Juristen wollen Freigang für Katzen verbieten | BR24

© dpa-Bildfunk/Karl-Josef Hildenbrand

Archivbild: Streunende Katze / Juristen fordern Ausgehverbot für Katzen

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    Aus für Streuner: Juristen wollen Freigang für Katzen verbieten

    Da sie angeblich die Artenvielfalt gefährden, sollen Hauskatzen nicht mehr herumstreunen dürfen. Das fordern zwei Juristen von der niederländischen Universität Tilburg. Der Naturschutzbund Deutschland sieht den Vorstoß allerdings skeptisch.

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    Hauskatzen sollten künftig nach Ansicht niederländischer Juristen nicht mehr umherstreunen dürfen. Die Tiere gefährdeten die Artenvielfalt insbesondere von Vögeln, begründen Arie Trouwborst und Han Somsen von der Universität Tilburg ihren radikalen Vorstoß. Rechtliche Handhabe für ein solches Verbot bieten demnach Richtlinien der Europäischen Union.

    Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) bewertet die Forderung skeptisch. "Das Katzenproblem muss man ernst nehmen", sagt Nabu-Vogelexperte Lars Lachmann. Ein Ausgehverbot könne bei der Gefährdung lokaler Populationen mancherorts durchaus sinnvoll sein. Flächendeckend sei eine solche Maßnahme rechtlich aber nicht begründbar.

    Katzen seien eine invasive Art und richteten riesige Schäden an

    Trouwborst und Somsen argumentieren in einem kürzlich im "Journal of Environmental Law" veröffentlichten Beitrag, Katzen seien eine invasive Art, die vor Jahrtausenden von Vorderasien nach Europa gebracht wurde. Inzwischen zählten sie global zu den am weitesten verbreiteten Räubern und richteten riesige Schäden an. Dies liege auch daran, dass die Tiere sehr zahlreich seien und eine wesentlich höhere Populationsdichte aufwiesen als Fleischfresser ähnlicher Größe. In Deutschland schätzt der Nabu ihre Zahl auf etwa 15 Millionen - davon seien ein bis zwei Millionen verwildert.

    Niederländische Juristen: "Katzen stellen eine Gefahr für 367 bedrohte Arten dar"

    "Weltweit waren Hauskatzen an der Ausrottung von mindestens zwei Reptilienarten, 21 Säugetierarten und 40 Vogelarten beteiligt - das heißt an 26 Prozent aller bekannten derzeitigen Ausrottungen in diesen Tiergruppen", schreiben Trouwborst und Somsen. "Derzeit stellen Hauskatzen eine Gefahr für mindestens 367 bedrohte Arten dar."

    Katzen erlegen pro Jahr bis zu 100 Millionen Vögel in Deutschland

    Mit Zahlen aus den USA unterstreicht das Duo die Größenordnung. Dort töteten Katzen demnach jährlich geschätzt knapp 100 bis 300 Millionen Amphibien, rund 260 bis 820 Millionen Reptilien, 1,3 bis 4 Milliarden Vögel und 6,3 bis 22,3 Milliarden Säugetiere. Nabu-Experte Lachmann schätzt, dass Katzen in Deutschland pro Jahr 25 bis 100 Millionen Vögel - bei einem Gesamtbestand von 500 Millionen - erlegen. "Das ist schon eine große Zahl."

    Forderung der Juristen: Katzen sollten nur noch angeleint nach draußen

    Trouwborst und Somsen verweisen nicht nur auf jagende Tiere: Schon die Gegenwart einer Katze verschrecke Vögel und gefährde den Bruterfolg etwa von Amseln und Rauchschwalben. Die Folgen seien für die Bestände ähnlich gravierend wie die Jagd selbst, so die Autoren. Ihr Vorschlag: Streunende und verwilderte Katzen sollten aus der Landschaft nach Möglichkeit entfernt werden, Besitzer sollten ihre Tiere nicht mehr nach draußen lassen - es sei denn angeleint oder in Gehegen.

    Juristische Grundlagen für das geforderte Streunverbot für Katzen

    Die juristische Grundlage für ein derart radikales Vorgehen liefern die Forscher mit - etwa die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie, Artikel 6 sowie 22b, dem zufolge eingeführte Arten die heimische Fauna nicht gefährden dürfen. Zusätzlich biete die Vogelschutz-Richtlinie, Artikel 2 und 5, eine Handhabe: Insbesondere Artikel 5 fordert ein Verbot des absichtlichen Störens, Tötens oder Fangens von Vögeln.

    "Die Richtlinien decken eine große Bandbreite ab", sagt Jan-Henrik Meyer vom Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt. "Die Forscher liefern das argumentative juristische Rüstzeug für ihre Durchsetzung." Ob das aber im Einzelfall juristisch standhalte, sei offen.

    Vogelexperte sieht keine Grundlage für ein generelles Ausgehverbot für Katzen

    Dass Katzen einzelne Individuen geschützter Tierarten töten, ist für Lachmann keine Grundlage für ein generelles Ausgehverbot. Dann müsse man auch gegen alle Fensterscheiben in Gebäuden vorgehen - dadurch kommen laut Nabu hierzulande jährlich rund 100 Millionen Vögel ums Leben. Wenn Katzen aber lokal Bestände geschützter Arten bedrohe, befürworte der Nabu auch strenge Maßnahmen.

    Bislang gibt es in keinem EU-Land ein Verbot von streunenden Katzen

    Trouwborst und Somsen halten es für kaum verständlich, dass Interessen von Hauskatzen über denen der von ihnen gefährdeten Arten stünden. Auch die Privatinteressen der Katzenhalter wögen nicht schwerer als das öffentliche Interesse an einem Erhalt der Artenvielfalt. Dennoch stellen sie fest: "Nach unserem Wissen hält derzeit nicht ein einziger Mitgliedsstaat Katzenhalter davon ab, ihre Haustiere streunen zu lassen" - obwohl die EU-Schutzbestimmungen dies verlangten.

    Warum kein Staat gegen Katzen vorgehe? "Wir spekulieren, dass die Zurückhaltung der EU-Mitgliedsstaaten, das Hauskatzenproblem effektiv anzugehen, zumindest teilweise von der vermutlichen Unpopularität solcher Handlungen in manchen Teilen der Gesellschaft herrührt", schreiben die Juristen und betonen, dies erkläre zwar die Untätigkeit, rechtfertige sie aber keineswegs.

    Max-Planck-Forscher: EU nimmt den Vogelschutz ernst

    Max-Planck-Forscher Meyer verweist darauf, dass die EU den Vogelschutz durchaus ernst nehme. So zog die EU-Kommission seit den 1980er-Jahren verschiedene Mitgliedsstaaten wie Belgien, Italien und Frankreich vor den Europäischen Gerichtshof und verlangte, die Vogelschutz-Richtlinie angemessen in nationales Recht umzusetzen und die Jagd auf Vögel zu unterbinden. Die Länder mussten ihre Gesetze überarbeiten. Zwar blieben Ausnahmeregelungen, doch generell ging der Vogelfang laut Meyer zurück.