Zurück zur Startseite
Wissen
Zurück zur Startseite
Wissen

Asbest macht immer noch Menschen krank | BR24

© picture alliance / Pressefoto Ulmer

Handwerker entfernen asbesthaltige Eternitplatten von einem Dach.

1
Per Mail sharen
Teilen

    Asbest macht immer noch Menschen krank

    Der Einsatz von Asbest ist seit 1993 in Deutschland verboten. Trotzdem erkranken immer noch Menschen an asbestbedingten Krebserkrankungen. Nicht nur berufsbedingt, sondern auch durch die Asbestbelastung von Gebäuden und unsachgemäße Renovierung.

    1
    Per Mail sharen
    Teilen

    Experten schätzen, dass 90 Prozent des verbauten Asbests noch in Wohnungen und Häusern stecken. Vor allem Häuser, die in den 1960er- und 1970er-Jahren gebaut wurden. Offizielle Statistiken gibt es nicht, aber allein der Berliner Mietverein schätzt beispielsweise, dass in der Stadt rund 70.000 Wohneinheiten mit Asbest belastet sind. Solange der Asbest gebunden ist, besteht keine Gefahr. Doch sobald ein Gebäude in die Jahre kommt, bröckelt und asbesthaltige Bauteile renoviert oder saniert werden müssen, wird es gefährlich. Bei unsachgemäßer Renovierung können Asbestfasern frei werden und in die Luft gelangen. Dann besteht akute Gesundheitsgefahr.

    "Beispiel Heimwerker: Sie schlagen Eternitplatten vom Dach ihres Holzschuppens ab. Sie nehmen Radiatoren von der Wand, die mit Asbestfasern isoliert sind. Oder sie versuchen Kacheln von der Wand zu entfernen, die mit asbesthaltigem Kleber angeklebt sind. Sie atmen dann also die Fasern ein, ohne es zu wissen und können sich dann auch nicht schützen. Und deswegen geht man davon aus, dass zwar die gewerblich assoziierten bösartigen Asbesterkrankungen leicht abnehmen, aber die zunehmen, die sie sich in ihrer Freizeit, also nicht beruflich, zugezogen haben." Professorin Andrea Tannapfel, Institut für Pathologie, Ruhr-Universität Bochum

    Asbest ist ein Naturprodukt und schädlich für die Lunge

    Asbest ist ein natürlich vorkommendes feinfaseriges Mineral. Weil es hitzebeständig, kältebeständig, nicht entflammbar und ein Naturprodukt ist, galt es lange als Wunder-Baumittel und wurde in Werbespots beworben. In den 1930er-Jahren wurde es für Bremsbeläge von Autos verwendet. In den 1950er-Jahren für Bodenbeläge und später als Isoliermaterial, Klebern, Zement, Putz- und Spachtelmasse. Das Problem: Asbest ist nicht nur als Baumaterial lange beständig, sondern auch in der Lunge. Atmet man die feinen Fasern ein, bleiben sie in der Lunge oder in Nachbargewebe wie dem Bauch- und Rippenfell. Das führt zu Vernarbungen in den Organen und kann langfristig Krebs auslösen:

    "Man denkt gar nicht mehr an die Exposition, die vor 25, 30 Jahren stattgefunden hat. Die Asbestkörper und -fasern bleiben aber in der Lunge bzw. im Rippenfell, machen dort eine lang dauernde chronische Entzündung. Das ist also ein stetiger Stachel im Fleisch, der dann wie jede chronische Entzündung zu einer Tumorbildung, zu einer bösartigen Tumorerkrankung führen kann." Professorin Andrea Tannapfel, Institut für Pathologie, Ruhr-Universität Bochum

    Krebs durch Asbest

    So atmeten in den 1930er-Jahren Polizisten, die den Verkehr regelten, bevor es Ampeln gab, hochdosiert Asbest durch Bremsbeläge-Abrieb ein und starben daran, sagt Hannelore Bauer von der Asbestose-Selbsthilfegruppe Freising. Danach traf es Textilarbeiter und Handwerker, die mit asbesthaltigem Baumaterial wie Heizungen und Isoliermaterial zu tun hatten. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wusste man, dass Asbest Krebs auslösen kann. 1971 wurde Asbest in den USA als gefährliche Substanz eingestuft, ist aber bis heute nur in einzelnen Bundesstaaten verboten. In Deutschland gilt ein Verbot seit 1993. Trotzdem wird aber noch mit asbesthaltigen Produkten gehandelt - vor allem im Internet und am häufigsten mit sogenannten Katalytöfen aus DDR-Produktion. Etwa zweihundert Mal im Jahr beanstandet die Gewerbeaufsicht in Deutschland solche Angebote.

    Asbest als Berufskrankheit

    Jedes Jahr wird immer noch bei rund 2.000 Menschen eine asbestbedingte Krebserkrankung festgestellt. Etwa genauso viele Todesfälle verursacht Asbest auch im Jahr. Das seien nur die anerkannten Fälle, sagt Professor Dennis Nowak, Facharzt für Arbeitsmedizin und Lungenarzt. Es gebe eine nennenswerte Dunkelziffer. Besonders vier bösartige Krebsarten werden dem feinfaserigen Mineral zugeschrieben: das Kehlkopfkarzinom, das Rippenfell- und Bauchfell-Mesotheliom, Eierstockkrebs sowie das Lungenkarzinom.

    Für Betroffene, die mit asbesthaltigem Material gearbeitet haben, ist es wichtig, dass ihre Krankheit als berufsbedingt anerkannt wird. Doch gerade beim Lungenkrebs ist das oft schwer zu beweisen, denn auch andere schädliche Substanzen am Arbeitsplatz und Rauchen können die Lunge schädigen. Nicht selten landen solche Fälle vor dem Sozialgericht. Von 4.000 Lungenkrebs-Fällen, in denen ein Arzt einer Berufsgenossenschaft einen Verdacht auf eine berufsbedingte Erkrankung meldet, wird nur jeder fünfte Fall anerkannt.

    © picture alliance / dpa Themendienst

    Auch Nachtspeicheröfen können Asbest enthalten.

    Asbest ist weiterhin weltweit ein Problem

    Während in Deutschland immer noch jedes Jahr Tausende Menschen an den Spätfolgen einer Asbest-Belastung sterben, hat sich das Wissen um die Gefährlichkeit des Baustoffs weltweit noch nicht überall herumgesprochen. Asbest gilt in Schwellenländern weiterhin als Wundermittel und wird noch in Russland, Kasachstan, China und Brasilien abgebaut. Für Überraschung sorgte Professor Dennis Nowak bei einem Vortrag über Asbest in einem südostasiatischen Land, das er nicht genauer nennen will:

    "Ich bin auf ungläubiges Staunen gestoßen. Ich bin auf das Argument gestoßen, Asbest würde in dem südostasiatischen Land keinen Schaden anrichten. Es gäbe überhaupt keine Zahlen. Das sei offensichtlich ein rein europäisches Problem, was ja überhaupt nicht stimmt, denn auf allen Kontinenten der Welt ist die Wirkung des Asbests gleich. Das ist völlig egal, wo Sie das einsetzen. Es führt 30, 40, 50 Jahre später zu Krebs." Professor Dennis Nowak, Facharzt für Arbeitsmedizin und Lungenarzt