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ARD-Themenwoche Bildung: Demokratische Schulen als Alternative? | BR24

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Viele Eltern sind unzufrieden mit dem staatlichen Schulsystem: zu viel Leistungsdruck, zu wenig Geistesbildung. Sind Demokratische Schulen eine Alternative? Sie wollen Schülerinnen und Schülern viel Freiheit lassen - und sie so fürs Leben formen.

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ARD-Themenwoche Bildung: Demokratische Schulen als Alternative?

Viele Eltern sind unzufrieden mit dem staatlichen Schulsystem: zu viel Leistungsdruck, zu wenig Geistesbildung. Sind Demokratische Schulen eine Alternative? Sie wollen Schülerinnen und Schülern viel Freiheit lassen – und sie so fürs Leben formen.

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Beim Thema Demokratische Schulen scheiden sich die Geister: Die einen sehen darin eine besondere Form der Bildung, die Schülerinnen und Schüler zu freien, selbstbestimmten Menschen macht. Die anderen wittern dahinter das blanke Chaos.

"In Demokratischen Schulen gibt es keine Vorgaben, was die Kinder lernen sollen, wann sie lernen sollen und wie sie lernen sollen. Und es gibt den Grundsatz, dass sie viel selber entscheiden und an allen Entscheidungsprozessen selber teilnehmen", sagt Markus Gloe, Politikwissenschaftler an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Das bedeutet: keine festen Stundenpläne, keine Lehrpläne und schon gar keine verbindlichen Prüfungstermine.

Lernen ohne Lehrpläne und Prüfungen

Manche dieser Schulen sehen vor, den Kindern Angebote zu machen, aus denen sie dann wählen können. So geplant ist es von den Unterstützern einer Demokratischen Schule in München. Tom Gerhard, selbst Lehrer, gehört dazu. Er ist fest davon überzeugt, dass das leistungsorientierte dreigliedrige Schulsystem in Bayern dazu führt, "dass viele Kinder in diesem Schulsystem uns komplett verloren gehen, insofern eine Kritik, ja".

Keine Demokratische Schule in Bayern

Die Demokratische Schule München ist eine Initiative, mehr nicht. In Bayern gibt es keine Demokratische Schule. Die einzige dieser Art war die Sudbury Schule Ammersee, die vor gut drei Jahren von der Regierung von Oberbayern geschlossen wurde. Begründung: Die Sudbury-Schule habe nicht nachweisen können, dass sie die Bildungsziele einer Grund- bzw. einer Mittelschule erreiche. Eltern und Schüler protestierten damals lautstark, doch es half nichts. Die Türen der Schule blieben zu. Der Verein klagte. Politikwissenschaftler Markus Gloe erklärt sich die Vorbehalte gegen diese Schulart so:

"Das hängt sicherlich ganz viel auch mit Ängsten zusammen: Zum einen, es wird nichts gelernt, dann ist die Frage, lernen sie denn das richtige, werden dort Schülerinnen und Schüler auf das Leben vorbereitet? Davor gibt es Ängste, Schülerinnen und Schülern das zuzutrauen." Markus Gloe, Politikwissenschaftler

Vorbilder in Großbritannien und den USA

Die Sudbury-Schule Ammersee orientierte sich an ihrem amerikanischen Vorbild: der 1968 in Massachusetts gegründeten Sudbury Valley School. Dort ging man am weitesten und radikalsten auf die Freiheit der Schülerinnen und Schüler ein. Entsprechend gab es in der Ammersee-Schule auch keinerlei Vorgaben.

Als erste Demokratische Schule allerdings gilt Summerhill, gegründet bereits 1921 im britischen Suffolk – vom schottischen Pädagogen A. S. Neill.

Frei denkende Menschen als Zielvorgabe

Was all diese Schulen eint: Sie wollen frei denkende junge Menschen heranwachsen sehen. Und in der Tat bestätigt Didaktik-Professor Markus Gloe, dass Schülerinnen und Schüler mit einem etwas anderen Demokratie-Verständnis aus einer solchen Schullaufbahn kommen.

"Vor allem durch die Selbstwirksamkeit, die sie in solchen demokratischen Schulen erfahren, verfügen Schülerinnen und Schüler sicherlich über eine andere Demokratiekompetenz." Markus Gloe, Politikwissenschaftler

Wie viel Beteiligung ist möglich?

Gloe würde sich wünschen, dass es in Bayern endlich auch demokratische Schulen als Alternative zum dreigliedrigen Schulsystem gebe. In Deutschland gibt es knapp 20 solcher Schulen. Und auch die Leiterin der Akademie für Politische Bildung Tutzing, Ursula Münch, meint: Von diesen Schulen ließe sich einiges lernen:

"Wo kann man Schülerinnen und Schüler beteiligen und auch darüber zu reden, wo kann man sie nicht beteiligen und aus welchem Grund. Ehrlich gesagt, fände ich allein diese Diskussion für die Schüler und Lehrkräfte was Erhellendes." Ursula Münch, Akademie für Politische Bildung Tutzing

Es sollte jedenfalls niemand Sorge haben, dass an diesen Schulen zu wenig gelernt wird. Am Ende müssen alle Schülerinnen und Schüler die gleichen Abschlüsse machen – und zwar an den staatlichen Schulen. Und da hat sich, so Politikwissenschaftler Gloe, gezeigt: Absolventen der Demokratischen Schulen schneiden mitnichten schlechter ab als andere Schüler. Sie wissen nämlich genau, wie und vor allem: Warum sie lernen!