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Antibiotikaresistenz: Kampf gegen die Superkeime in Bayern | BR24

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Im Landkreis Fürstenfeldbruck gibt es ein deutschlandweit nahezu einzigartiges Vorzeige-Projekt. Dort haben sich Mediziner und Apotheker im Kampf gegen diese sogenannten Antibiotika-Resistenzen zusammengetan.

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Antibiotikaresistenz: Kampf gegen die Superkeime in Bayern

Menschen, die an antibiotikaresistenten Erregern sterben: Rund 2.400 Menschen Todesfälle seien es jedes Jahr deutschlandweit, schätzt das Robert-Koch-Institut. Eine Initiative im Landkreis Fürstenfeldbruck hat nun den Kampf aufgenommen.

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In Deutschland erkranken jedes Jahr über 50.000 Menschen an Infektionen mit antibiotikaresistenten Erregern. Rund 2.400 sterben daran, schätzt das Robert Koch-Institut - Tendenz steigend. In Bayern kämpft eine Initiative im Landkreis Fürstenfeldbruck gegen die Antibiotika-Resistenzen.

Ärzte bündeln Kompetenzen

"Über die vergangenen Jahre haben die Resistenzen der Bakterien deutlich zugenommen, und sie werden auch weiter zunehmen", sagt Hermann Schubert. Der Anästhesist am Klinikum Fürstenfeldbruck ist ein sogenannter Hygienebeauftragter, er kümmert sich darum, dass sich keine gefährlichen Keime im Krankenhaus ausbreiten. Schubert hat die neue "Brucker Antibiotika Resistenz Initiative", kurz BARI, mitgegründet. Es ist ein Verbund von Klinikärzten, niedergelassenen Medizinern und Apothekern im Landkreis Fürstenfeldbruck, die den den Kampf gegen antibiotikaresistente Bakterien führen.

Bisher habe es einen Austausch nur innerhalb einzelner Kliniken gegeben, aber mit Arztpraxen ist er in der Regel nicht vorhanden, sagt Béatrice Grabein, Mikrobiologin und Hygienebeauftragte am Uniklinikum der LMU München. Sie lobt die Brucker Initiative: "Dass sich Klinikärzte und die ambulante Medizin zusammensetzen, ihre jeweiligen Kompetenzen bündeln, und gemeinsam agieren, das ist mir bis auf einen ersten Fall aus Bielefeld sonst nicht bekannt."

Ein weltweites Problem

Antibiotikaresistente Bakterien sind ein bekanntes Problem: nicht nur in Bayern, sondern weltweit. 2017 haben sich die G20-Staaten dazu verpflichtet, die Erforschung und Entwicklung neuer Wirkstoffe voranzutreiben. Inwieweit dies etwa durch Private Public Partnership-Programme, bei denen die Unternehmen durch öffentliche Gelder unterstützt werden, gelingen kann, ist aber offen.

Gesundheitsexpertinnen wie Mikrobiologin Grabein von der LMU sprechen von erheblichen therapeutischen Herausforderungen. Sie klagen darüber, dass Infektionen mit den zur Verfügung stehenden Antibiotika zunehmend schlechter behandelt werden können.

Antibiotika werden oft unnötig verschrieben

Herrmann Schubert von der Brucker Initiative bekommt immer wieder mit, dass Antibiotika oft unnötig verschrieben werden. Laut einer Untersuchung der Krankenkasse DAK war jede dritte Verordnung unnötig, etwa, weil der Patient einen Virus-Infekt hatte. Die Techniker Krankenkasse hat festgestellt, dass in Bayern mehr Antibiotika verschrieben werden als früher. Beides trägt dazu bei, dass es noch mehr resistente Bakterien gibt.

"Da muss man bei den Ärzten nochmal das Bewusstsein schärfen, dass Antibiotika nicht immer nur helfen", sagt Schubert. Er und die anderen zehn Mitglieder von BARI wollen aufklären. Sie organisieren Fortbildungsveranstaltungen. Zudem hat die Brucker Resistenz-Initiative einen Antibiotika-Pass entworfen.

"Wenn ein Patient zu einer Apotheke kommt und sich das Antibiotikum abholt, dann füllt er mit dem Apotheker zusammen kurz die Zeile aus, welches Antibiotikum er einnimmt und wie lange er es einnehmen soll", berichtet der Hygienebeauftragte vom Klinkum Fürstenfeldbruck. So könne ein Apotheker eine Verschreibung auch mal hinterfragen, etwa bei einem Virusinfekt.

"Virale Infekte machen sicherlich 90 bis 95 Prozent von den Infekten aus, die wir hier in der Praxis sehen. Und nur ein ganz kleiner Anteil ist bakteriell bedingt, also antibiotisch behandlungsbedürftig", schätzt der Mammendorfer Hausarzt Emanuel Nies, der ebenfalls "BARI" unterstützt.

Antibiotikaresistente Keime: Sterben bald Millionen Menschen?

Wenn es nach der CSU geht, dann sollen Studien klären, wie sich unnötige Verschreibungen vermeiden lassen. Ohnehin berät der Gesundheitsausschuss im Landtag aktuell über eine sinnvolle Antibiotika-Strategie. Das Szenario ist düster: Zehn Millionen Menschen, schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO, könnten 2050 jedes Jahr an Infektionen sterben, weil kein Antibiotikum mehr wirkt. Derzeit sind es 700.000.

Der CSU-Landtagsabgeordnete Bernhard Seidenath will deshalb vor allem eines erreichen: die Antibiotika-Produktion zumindest teilweise wieder nach Europa zurückholen. Pharmafirmen haben ihre Antibiotika-Produktion größtenteils nach Asien und dort vor allem nach Indien verlagert. Bei der Produktion landen wegen laxer Umweltauflagen Antibiotika-Rückstände in der Umwelt. Die Folge: Resistente Keime, die sich über Reisende schnell weltweit ausbreiten können.

Aber wie könnte man es den Pharma-Firmen schmackhaft machen, wieder zurückzukommen? Seidenath fordert, dass die Krankenkassen beim Abschluss von Rabattverträgen auch darauf achten sollen, ob die Umweltstandards eingehalten werden. "Wenn die Kassen darauf achten müssen, dann werden sie nicht den billigsten Anbieter nehmen können, sondern solche, die sich das was kosten lassen", sagt der CSU-Landtagsabgeordnete.

Neue Antibiotika: Nur noch wenige Pharmaunternehmen forschen

Kostspielig ist auch die Forschung. Nach Recherchen des NDR arbeiten nur noch vier der 25 weltgrößten Pharmaunternehmen an neuen Antibiotika. Das ist teuer und langwierig - aber absolut notwendig. Doch lukrativer sind andere Medikamente wie Blutdruck- oder Fettsenker, die Patienten in der Regel ein Leben lang einnehmen, und nicht nur ein paar Tage, wie das bei Antibiotika der Fall ist. Damit die Forschung wieder attraktiv wird, müsste deshalb der Staat nachhelfen.

Ein weiteres Problem, mit dem sich auch der Gesundheitsausschuss im Landtag befasst, ist die Tierhaltung. Dort werden massenhaft Antibiotika eingesetzt - eine mögliche Brutstätte für antibiotikaresistente Bakterien, die sich dann auf Menschen übertragen. Die Weltgesundheitsorganisation mahnt deshalb schon lange, dass Antibiotika in der Landwirtschaft dringend reduziert werden müssten. Auffällig ist, dass in Regionen mit einer hohen Dichte an Mastanlagen mehr multiresistente Keime beobachtet werden als anderswo.

© BR/Moritz Pompl

Menschen, die an antibiotikaresistenten Erregern sterben: Rund 2.400 Menschen Todesfälle seien es jedes Jahr deutschlandweit, schätzt das Robert-Koch-Institut. Eine Initiative im Landkreis Fürstenfeldbruck hat nun den Kampf aufgenommen.