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Windräder töten Milliarden Insekten - aber ist das schlimm? | BR24

© pa / dpa / K. Thomas

Eien Grille wird vor einer Windkraftanlage in die Höhe gehalten

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    Windräder töten Milliarden Insekten - aber ist das schlimm?

    Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) sorgt mit einer Modellrechnung für Aufregung: Demnach töten Windkraftanlagen Milliarden von Insekten - an jedem einzelnen Sommertag. Was diese Aussage genau bedeutet, ist jedoch umstritten.

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    Laut DLR-Berechnung werden in Deutschland jeden Tag von April bis Oktober Milliarden Insekten an Windkraftanlagen getötet. Dabei ermittelten die Autoren für das Jahr 2017, dass die Rotoren der rund 31.000 Windenergieanlagen eine Fläche von ungefähr 158 Millionen Quadratmetern bestrichen. Dies führt sie zu der Aussage, dass während der Insektenflugsaison etwa acht Millionen Kubikkilometer Luft durch die Anlagen wehen.

    Ein Milliarden-Gemetzel Tag für Tag

    Ein Kubikkilometer Luft enthalte etwa neun Kilogramm Insekten, so die Forscher weiter, davon überlebten rund fünf Prozent die Begegnung mit den Windkraft-Rotoren nicht. Rund 1.200 Tonnen von ihnen fielen pro Jahr rechnerisch den Windrädern zum Opfer. Das entspreche fünf bis sechs Milliarden Heuschrecken, Bienen, Wespen, Zikaden und Käfer an jedem Tag der warmen Saison.

    Die Autoren der Untersuchung machen selbst darauf aufmerksam, dass sie nicht genau sagen könnten, wie sehr sich die Verluste auf die Insektenpopulation auswirken. Auch könnten sie keine Vergleiche zu anderen potenziellen Ursachen für die rückläufige Insektendichte wie den vermehrten Einsatz von Pestiziden, die Urbanisierung oder den Klimawandel ziehen.

    Die Branche sagt: Wir sind die Lösung - nicht das Problem

    Der Bundesverband Windenergie sieht darüber hinaus methodische Schwächen der DLR-Studie und fordert, gewissermaßen eine Gesamtrechnung aufzumachen, wenn es um die Auswirkungen der Windkraft auf Insekten geht: "Windenergie erzeugt Strom, ohne CO2 und andere Emissionen auszustoßen, welche als essenzielle Gefährdung für die Insektenpopulationen anerkannt sind", sagte Geschäftsführer Wolfram Axthelm. Und in Deutschland seien durch die Windenergie allein im vergangenen Jahr 172 Millionen Tonnen CO2 eingespart worden.

    "Windenergieanlagen sind im Zusammenhang der Artenentwicklung von Insekten also als Problemlöser zu verstehen, nicht als Problemursache." Wolfram Axthelm, Bundesverband Windenergie

    Naturschützer sehen keine Gefährdung

    Auch Naturschützer halten die DLR-Studie für nur begrenzt relevant. Sie bezweifeln zwar nicht die Zahlen - aber deren Aussagekraft: "Es wäre völlig an den Haaren herbeigezogen, eine nennenswerte Gefährdung von Insektenpopulationen durch Windräder abzuleiten", sagte Lars Lachmann vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Allein in deutschen Wäldern würden jährlich 400.000 Tonnen Insekten von Vögeln gefressen.

    Auch die Insekten-Killer werden dezimiert

    Zudem werden auch die natürlichen Insekten-Killer ihrerseits durch Windkraftanlagen getötet: Deren Rotoren werden Vögeln und Fledermäusen oft zum Verhängnis. Doch auch hier lässt sich das Ausmaß kaum genauer erfassen. Eine seit 2002 geführte Statistik des Landesamtes für Umwelt in Brandenburg listet 3.900 tote Vögel auf, die dem Amt aus ganz Deutschland gemeldet wurden. Der Nabu schätzt die Gesamtzahl der von Windrädern getöteten Vögel allerdings auf "irgendwo zwischen 10.000 und 100.000 pro Jahr". Der starke Schwund in der Vogelwelt ist nach Ansicht der Fachwelt aber im Wesentlichen auf intensive Landwirtschaft zurückzuführen, nicht auf Windkraftanlagen.

    Den Naturschutz- und Umweltverbänden fällt es möglicherweise auch etwas schwer, sich gegen erneuerbare Energien auszusprechen, sie fordern aber "eine vernünftige Risikoabschätzung im Einzelfall", erklärt der Nabu.

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    Autor
    • Rüdiger Hennl
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