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Initiative in Allersberg: Gewerbegebiet statt Artenvielfalt | BR24

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In Allersberg versucht eine Bürgerinitiative, den Bau eines Industriegebiets zu verhindern. Sie fürchten um die Artenvielfalt und um ihr Trinkwasser aus dem benachbarten Schutzgebiet. Für die Stadt aber zählen wirtschaftliche Interessen.

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Initiative in Allersberg: Gewerbegebiet statt Artenvielfalt

In Allersberg versucht eine Bürgerinitiative, den Bau eines Industriegebiets zu verhindern. Sie fürchten um die Artenvielfalt und um ihr Trinkwasser aus dem benachbarten Schutzgebiet. Für die Stadt aber zählen wirtschaftliche Interessen.

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In Allersberg südlich von Nürnberg kämpfen Menschen gegen einen geplanten Industriepark, der so groß wie 46 Fußballfelder werden soll. Neben der Fläche liegt ein Schutzgebiet, das rund 130.000 Menschen mit Trinkwasser versorgt. Ein Industriegebiet könnte es mit seinen Emissionen verschmutzen – so die Befürchtung der Bürgerinitiative. Dabei verweigern sie eine Bebauung nicht komplett und bieten einen Alternativvorschlag an. 8 Hektar statt der geplanten 33,5 Hektar und anstelle des Industriegebiets ein Gewerbegebiet.

Industriegebiet spült Geld in die Kassen

Das Problem: Allersberg braucht dringend Geld. Laut Bürgermeister Daniel Horndasch würde das geplante Industriegebiet die klamme Kasse der Gemeinde für die nächsten Jahre komplett sanieren. Marode Infrastruktur, wie etwa das Freibad, könnte dann endlich auf Vordermann gebracht werden. Denn die finanzielle Situation von Allersberg ist sehr schwierig, so Daniel Horndasch, Bürgermeister von Markt Allersberg.

"Wir haben auf der einen Seite Altschulden von 11 Millionen Euro und auf der anderen Seite - was viel wichtiger ist - einen sehr hohen Investitions- und Sanierungsstau. Das heißt: Wichtiger sind die Projekte, die wir unbedingt schultern müssen. Unsere Kinderbetreuungseinrichtungen, die Schulen, die saniert werden müssen, Schulturnhallen, aber auch Wunschaufgaben: Wir mussten vor zwei Jahren das Hallenbad abreißen und unser Freibad wird geschlossen werden, wenn wir es nicht sanieren. Auch dafür brauchen wir 5 Millionen Euro." Daniel Horndasch

Der Bürgermeister hält es für unwirtschaftlich, statt eines Industrieparks nur ein kleines Gewerbegebiet zu bauen – wie es die Bürgerinitiative vorschlägt. Auf die Sorge der Gegner, dass Heimatfläche verkauft wird, dass Boden versiegelt wird und Arten sterben, antwortet Daniel Horndasch:

"Wir liegen tatsächlich neben einem Wasserschutzgebiet, aber wenn sie auch alle Flächen ausschließen wollen, die neben irgendeiner geschützten Fläche liegen, dann können Sie gar nichts mehr entwickeln. Darüber hinaus gibt es die Fachbehörden, die Untere Naturschutzbehörde, das Wasserwirtschaftsamt. Jede unserer Maßnahmen wird von denen geprüft und abgesegnet. Deswegen sind wir auf der sicheren Seite." Daniel Horndasch

Befürchtung: Industriegebiet gefährdet Biotop

Das mit der "sicheren Seite" sieht Biologe Thomas Rödl anders. Er sorgt sich um ein Biotop, das neben der Baufläche liegt. Der Industriepark könnte ihm buchstäblich das Wasser abgraben. Dabei leben hier geschützte Arten wie der rundblättrige Sonnentau oder der vom Aussterben bedrohte Wendehals.

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Rundblättriger Sonnentau

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Wendehals

Thomas Rödl vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) kritisiert, dass es kein hydrologisches Gutachten gibt:

"Falls sich herausstellen sollte, dass die Wasserzuflüsse und der Wasserhaushalt für das Biotop beeinträchtigt werden, dann wäre das ganze Biotop zerstört - sowohl der Weiher als auch die Feuchtstellen mit dem wichtigen Sonnentauvorkommen." Thomas Rödl

Auch auf der geplanten Baufläche selbst leben wertvolle Arten. Thomas Rödl hat sich im Sommer auf die Suche gemacht und hier einen seltenen Schmetterling nachgewiesen: den Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling. Er ist nach europäischen Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie streng geschützt.

© picture alliance / blickwinkel

Dunkler Wiesenknopf-Ameisenblaeuling

Aber ist das nicht zu verschmerzen, wenn man die Vorteile eines Industriegebiets sieht?

"Das ist genau das Dilemma, das wir mit dem Flächenfraß haben: dass man sagen kann, das ist jetzt eine relativ kleine Fläche, uns ist der Industriepark wichtiger, darauf können wir verzichten. Aber genau diese Summation von diesen kleinen Flächen, die permanent verschwinden, verursachen letztendlich dieses massive Artensterben, dass wir gerade beobachten. Und wir dürfen es uns nicht mehr leisten, auch auf kleine Flächen wie diese zu verzichten." Thomas Rödl

Am Beispiel Allersberg zeigt sich die ganze Problematik: Einerseits brauchen die Kommunen das Geld, das über ein Industriegebiet in die Kassen gespült würde. Andererseits wird durch den Bau eines solchen Projekts einmal mehr Boden versiegelt mit Folgen für den Artenschutz und den Hochwasserschutz. Das Thema ist aktueller denn je. Denn täglich verschwinden in Bayern 10 Hektar Land unter Teer, Kies oder Beton. Es wäre also durchaus an der Zeit, sich Alternativen zu überlegen.