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Trinken aus Einsamkeit

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    Alkoholsucht: Der Lockdown kann eine Chance sein

    Weil sie einsam sind oder sich unsicher fühlen – viele Menschen trinken in der Corona-Pandemie mehr. Die Nachfrage bei Sucht-Beratungsstellen steigt. Aber: Manchen hilft der Lockdown auch, weniger zu trinken.

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    Von
    • Anna Dannecker
    • Helene Köck

    Nina ist 31 Jahre alt. Noch während ihres Studiums hat sie angefangen, immer mehr zu trinken. Sie war unzufrieden mit ihrer Lebenssituation und hat getrunken, um sich nicht einsam zu fühlen. Immer öfter und öfter. Irgendwann auch, obwohl sie es nicht mehr wollte. Aber da war die Sucht schon da.

    Im Lockdown verändern sich Gewohnheiten

    Seit dem ersten Lockdown im Frühjahr arbeitet Nina im Homeoffice. Weil sie alleine wohnt, hat sie deswegen zunächst noch mehr getrunken. Denn es war niemand da, der ihren Konsum kontrolliert oder sie vom Alkohol abgehalten hätte.

    Margit Schwarz kennt diese Probleme sehr gut. Sie ist Therapeutin im Caritas Zentrum Ebersberg und berät Suchterkrankte und ihre Angehörigen in den unterschiedlichsten Situationen. In der Corona-Pandemie berichten viele von emotionalem Stress zu Hause, von Unsicherheit am Arbeitsplatz - und davon, dass sie sich um Angehörige und die eigene Gesundheit sorgen. Schwarz zufolge geraten viele Menschen unter Druck. Gleichzeitig fehlen Möglichkeiten, das auszugleichen: Sport oder Wellness im Fitness-Studio zum Beispiel sind im Lockdown nicht möglich. Alkohol sei da ein naheliegendes Mittel, um sich innerhalb kürzester Zeit maximal entspannen zu können, sagt die Therapeutin.

    Hilfeanfragen haben sich verdreifacht

    In dem einen Monat nach dem ersten Lockdown haben so viele Menschen bei der Beratungsstelle Hilfe gesucht wie sonst in drei Monaten. Dass mehr Leute anfragen, liege aber zum Teil auch daran, dass sie es jetzt häufiger mitkriegen, wenn zum Beispiel der Ehepartner oder die Partnerin im Alltag viel trinkt. Ob der Alkoholkonsum in der Pandemie allgemein gestiegen ist, lässt sich noch nicht eindeutig sagen.

    Denn dazu fehlen bisher Daten, bestätigt Annett Lotzin. Sie arbeitet am Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg. Zwar werde im Handel mehr Alkohol gekauft. Andererseits seien aber auch Kneipen geschlossen. Und ob der gekaufte Alkohol auch wirklich gleich getrunken werde, sei nicht sicher. Laut Lotzin könne es sein, dass mehr Menschen Alkohol zu Hause lagern. Allgemein geht sie davon aus, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung mehr trinken.

    Pandemie wirkt sich unterschiedlich aus

    Wie viel die Menschen in der Pandemie trinken, hängt laut Lotzin davon ab, unter welchen Bedingungen sie leben und arbeiten. Manche Personen seien durch die Pandemie deutlich stärker belastet als vorher und hätten ein höheres Risiko, mehr zu konsumieren. Ihnen empfiehlt die Wissenschaftlerin, soziale Kontakte online zu pflegen und sich im Zweifel Hilfe bei einer Telefonhotline wie der Suchtberatung der Caritas zu holen.

    Auf der anderen Seite gibt es laut Lotzin aber auch Menschen, die den Lockdown als Chance begreifen, weil sie jetzt mehr Zeit haben und sich entschleunigt fühlen. Zwei von zehn Personen berichteten, dass sie weniger trinken. Ihnen gelinge jetzt vielleicht eine bessere Tagesroutine, gesündere Ernährung - und Alkoholverzicht.

    Einigen hilft es außerdem, dass Bars, Clubs und Restaurants zur Zeit geschlossen sind. Nina zum Beispiel hat es vor acht Monaten geschafft, komplett mit dem Trinken aufzuhören. Sie hat gelernt, mit der Einsamkeit umzugehen. Im zweiten Lockdown läuft es für sie besser. Weil Bars und Kneipen geschlossen sind, kommt sie seltener in Versuchung, rückfällig zu werden.

    Von Alkoholsucht Betroffene können zum Beispiel hier Hilfe finden.

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