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Ahnenforschung boomt: Warum sie mehr als Gen-Analyse ist

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Ahnenforschung boomt: Warum sie mehr als Gen-Analyse ist

Irgendwann interessiert es einen dann doch: Wer waren die eigenen Vorfahren? Und deren Vorfahren? Doch wie stellt man das an? Wie hilfreich ist ein Gentest? Was fördern die Archive zutage? Eine Ahnenforscherin berichtet.

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Von
  • Barbara Schneider

Ein bisschen Speichel, eine Analyse im Labor, und ein paar Wochen später dann das Ergebnis. So einfach, wie es inzwischen etliche Firmen versprechen, ist Ahnenforschung dann doch nicht. Ahnenforschung ist Detektivarbeit. Wer wissen will, wer seine Vorfahren waren, braucht viel Geduld und auch etwas Glück.

Urahnen in Estland und Brasilien

Die Wahlmünchnerin Anja Klein kam eines Tages in den Besitz von drei Erbstücken, die ihre Neugier weckten: Reitsporen aus dem 1. Weltkrieg, eine alte Studentenmütze und ein über hundert Jahre altes Familienfoto. Schon als Jugendliche interessierte sich die heute 47-Jährige für ihre Familiengeschichte.

Seit 20 Jahren erforscht sie systematisch ihre Familiengeschichte. Einen Familienzweig konnte sie bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts zurückverfolgen. Die Computerlingustin hat Urahnen in Russland und Estland aufgespürt, Vorfahren von ihr sind aber auch nach Brasilien ausgewandert.

Auch junge Menschen suchen ihre Ahnen

Immer mehr Menschen wie Anja Klein wollen ihrer Familiengeschichte auf den Grund gehen. Das bestätigen BR-Recherchen. Die Genealogie ist längst nicht mehr ein Hobby nur für Senioren, auch viele junge Menschen beschäftigen sich damit. Das beobachten Archivare. Zum Beispiel die des Landeskirchlichen Archivs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, wo zahlreiche Kirchenbücher liegen. Auch Manfred Wegele, Vorsitzender des bayerischen Landesvereins für Familienkunde bestätigt diesen Trend und verzeichnet eine Zunahme des Interesses in allen Altersgruppen.

Forschen mit System: Zahlen, Daten, Fakten sammeln

Doch Familienforschung braucht viel Geduld, Zeit und auch Glück. Es gibt eine klare Systematik, sagt Manfred Wegele. Er rät dazu, zunächst zu Hause nach Unterlagen zu suchen: Hochzeitsbücher anzuschauen, Fotoalben durchzugehen, aber auch alte Bibeln können Widmungen enthalten. Hobby-Ahnenforscherin Anja Klein empfiehlt, Eltern, noch lebende Großeltern, ehemalige Nachbarn und Freunde zu befragen.

Zunächst geht es darum, Zahlen, Daten und Fakten zu sammeln, um sich dann Stück für Stück in die Vergangenheit vorzuarbeiten, sagt Anja Klein, die einen eigenen Blog zum Thema Ahnenforschung hat. Auch eine Google-Recherche kann aus ihrer Erfahrung heraus wertvolle Informationen liefern.

Archivarbeit in staatlichen und kirchlichen Archiven

Erst dann beginnt die Archivrecherche. Wichtig dabei zu wissen: Erst seit 1876 gibt es Standesämter, und damit Nachweise wie Hochzeitsurkunden, Geburtsurkunden und Sterbeurkunden. Davor waren die Kirchen zuständig. Je nach Alter liegen die Unterlagen daher beim Standesamt, in staatlichen Archiven oder Kirchenarchiven.

Für Recherchen ist nicht mehr unbedingt ein Archivbesuch vor Ort notwendig, viele Archive haben ihre Bestände inzwischen digitalisiert. Online suchen lässt sich beispielsweise in evangelischen Kirchenbüchern in Bayern oder in den Pfarrmatrikeln im Bistum Augsburg. Je nach Archiv fallen für Fachauskünfte Kosten an.

Detektivarbeit mit Sütterlin und Kirchenlatein

Je älter die Dokumente, desto schwieriger ist es, sie zu entziffern. Wer Ahnenforschung betreiben will, muss die alte Sütterlin-Schrift lesen können. Auch Grundkenntnisse in Kirchenlatein können notwendig werden. Der Bayerische Landesverein für Familienkunde betreibt einen eigenen YouTube-Kanal mit zahlreichen Online-Tutorials beispielsweise zum Lesen alter Schriften. Der Verein hat etwa 30 Stammtische in Bayern, bei denen ein Austausch über alle mögliche Fragen der Ahnenforschung möglich ist.

Etliche Firmen haben die Ahnenforschung inzwischen als Geschäftsmodell entdeckt. Kommerzielle Anbieter wie Ancestry, MyHeritage oder Geneanet bieten Hilfe beim Erstellen von Stammbäumen an. Dabei durchforsten sie zahlreiche digitale Datenbänke weltweit. Das kann je nach Angebot und Firma schon mal bis zu 260 Euro pro Jahr kosten.

Wachsender Markt: Genanalyse

Ein wachsender Markt sind dabei auch genetische Herkunftsanalysen. Firmen werben damit, mithilfe von Gentests etwas über die eigene Abstammung herauszufinden oder sogar bislang unbekannte Verwandte zu finden. Das Versprechen: Die Gen-Analyse im Labor bringt das Wissen darüber, beispielsweise zu 60 Prozent aus dem deutschsprachiges Mitteleuropa abzustammen, aber auch Wurzeln in Wales, Schweden oder Schottland zu haben. Mitunter lässt sich aber auch ein unbekannter Verwandter in den Datenbanken finden.

Warnung vor Preisgabe des genetischen Fingerabdrucks

Die Münchner Professorin für Humangenetik, Ortrud Steinlein, sieht solche Tests kritisch. Sie warnt davor, so persönliche Daten wie Erbinformationen aus der Hand zu geben. Für die Nachkommen könne das sehr problematisch werden. Man wisse nicht, in welche Hände solche Daten in Zukunft geraten und was dann damit angestellt wird, sagt sie: "Man gibt wirklich sein ganzes Erbgut preis."

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Wo kommen wir eigentlich her? Von wem stammen wir ab? Wo lebten unser Vorfahren und welche Berufe übten sie aus? Das interessiert immer mehr Menschen in heutiger Zeit und deshalb betreiben sie in ihrer Freizeit Ahnenforschung.