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Adipositas - eine unterschätzte Krankheit | BR24

© imago/Ralph Peters

Übergewichtige Menschen

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    Adipositas - eine unterschätzte Krankheit

    Adipositas entwickelt sich laut der Weltgesundheitsorganisation zu einer regelrechten Epidemie. Dennoch ist sie als Krankheit nicht anerkannt. Betroffene leiden unter Stigmatisierung und müssen dafür kämpfen, dass Behandlungen bezahlt werden.

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    Schätzungen zufolge sollen in Europa 23 Prozent aller Frauen und 20 Prozent der Männer adipös sein. Und meist bleibt es nicht bei der Adipositas allein. Sie ist Auslöser für mehr als 60 Folgekrankheiten.

    Obwohl die Krankheitszahlen hoch sind, gebe es in Deutschland zu wenige Therapieangebote, sagt Ernährungsmediziner Hans Hauner vom Lehrstuhl für Ernährungsmedizin der Technischen Universität München. Hier erforschen Wissenschaftler Adipositas. Auch die Finanzierung der Behandlung ist oft nicht gesichert.

    "Adipositas ist im deutschen Gesundheitssystem nicht als Krankheit anerkannt, obwohl die Folgen wirklich dramatisch sind. Das heißt, Menschen mit Adipositas werden im deutschen Gesundheitssystem weitgehend alleine gelassen." Hans Hauner, TU München

    Und auch die Deutsche Adipositasgesellschaft (DAG) schlägt Alarm: "Mir ist keine andere Erkrankung bewusst, die so vernachlässigt wird, auch von der Politik und von den Krankenkassen, wie Adipositas", so Martina de Zwaan, die Präsidentin der DAG.

    Zu viele Kalorien

    Die Ursachen für Adipositas sind vielschichtig. Eines haben alle Betroffenen gemeinsam: Ihr Lebenswandel hat die Erkrankung begünstigt - zu wenig Bewegung, zu viele Kalorien.

    Die Menschen leiden körperlich, aber vor allem auch seelisch. Von Adipositas Betroffene hätten es oft mit Stigmatisierung zu tun, sagt Martina de Zwaan. Es werde ihnen vorgeworfen, sie seien selbst schuld und müssten nur weniger essen. "Das ist viel zu kurz gedacht und vor allem entspricht es nicht der Wahrheit. Es sind nicht fast 20 Prozent der Deutschen willensschwach, das hat was mit unserem Umfeld mit unserer Nahrung, mit unserem Überschuss an Nahrung zu tun", ist de Zwaan von der DAG überzeugt. Die menschliche Biologie sei darauf ausgerichtet, für die nächste Hungerperiode zu essen, wenn Nahrung vorhanden sei. "Da wir keine Hungerperiode mehr haben, speichern wir Fett und verlieren es einfach nicht mehr", so de Zwaan.

    Kosten werden nicht übernommen

    Wege aus der Krankheit bietet nur eine umfassende Therapie. "Das deutsche Gesundheitssystem ist auf dieses Problem eindeutig nicht eingestellt", sagt Ernährungsmediziner Hauner von der TU München. Oft werden die Kosten für eine entsprechende Behandlung oder eine notwendige Magen-OP von den Krankenkassen nicht übernommen.

    Zum Beispiel lehnt die DAK Gesundheit bundesweit 30 Prozent der Anträge für solche Operationen ab. Andere Kassen geben gar keine Auskunft über die Ablehnungsquote.

    "Im Moment gibt es kein strukturiertes Behandlungsprogramm. Das heißt, es sind Einzelfallentscheidungen, die die Kassen treffen", erklärt Sophie Schwab von der DAK Gesundheit. Eine Magen-OP sei kein Bagatelleingriff. Darüber hinaus bräuchten die Patienten eine lebenslange ärztliche und ernährungsmedizinische Betreuung, so Schwab weiter.

    Auch das Bundesministerium für Gesundheit unterstützt diese Einschätzung. Eine Operation sehen die Experten dort nur als letzten Ausweg. Demnach soll die Behandlung in erster Linie nach einem konservativen Konzept erfolgen. Das heißt mit Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie.

    OP ist Erfolg versprechend

    Der Ernährungswissenschaftler Prof. Hans Hauner sieht das anders. Adipositas-Chirurgie sei aus medizinischer Sicht Erfolg versprechend. Deutschland hinke im internationalen Vergleich hinterher, was die Häufigkeit der Eingriffe angehe. Und das, obwohl solche Operationen auch ökonomisch Sinn machten.

    "Natürlich kostet eine Operation erst einmal viel Geld, das sind so etwa 8.000 Euro. Es kann auch mal mehr sein. Und das muss die Kasse erst einmal ausgeben. Aber man sieht das besonders gut bei Menschen, die Diabetes haben: Die benötigen oft Hunderte von Einheiten Insulin, die [nach der OP – Anm. d. Red.] innerhalb von wenigen Tagen abgesetzt werden können. Sodass allein durch Einsparung von Medikamenten Operationskosten rasch eingeholt werden. Gar nicht zu reden vom Gewinn an Lebensqualität." Hans Hauner, TU München

    Auch die Ärzte an der Uniklinik Erlangen sehen das kritisch. Wenn die Krankenkassen die Leistungen der Ärzte nicht vergüteten, könnten Adipositas-Patienten nicht optimal versorgt werden. "Wir haben hier Fachpersonal. Es kann nicht jeder so eine Messung durchführen. Ein jeder kann nicht solche Gespräche führen", sagt Ernährungsmedizinerin Yurdagül Zopf von der Uniklinik Erlangen. "Und wenn das von den Krankenkassen nicht vergütet wird, ist die Zukunft von einer steigenden Zahl von Adipösen natürlich sehr kritisch zu sehen."

    Lebenslange Behandlung

    Die Deutsche Adipositasgesellschaft (DAG) fordert, dass eine umfassende Therapie, inklusive der intensiven Nachsorge, flächendeckend in Deutschland angeboten wird. "Letztlich brauchen wir eine lang dauernde Behandlung, die alle diese Säulen umfasst: Ernährung, Bewegung, Verhalten. Nicht nur kurzfristig, nicht nur für ein paar Wochen, sondern ein Leben lang", fordert Martina de Zwaan von der DAG.

    Auch die DAK Gesundheit würde sich ein vom Gesetzgeber eingeführtes Behandlungsprogramm wünschen, um die tatsächliche Versorgung zu verbessern. Im Bundesgesundheitsministerium setzt man aber vor allem auf Prävention. Das geht dem Ernährungswissenschaftler Hauner nicht weit genug.

    "Ich finde es skandalös. Es ist unwürdig für eine moderne Gesellschaft, dass hier eine große Gruppe ausgeschlossen wird von einem Konsens, den wir eigentlich haben, nämlich dass wir ein Solidarsystem haben, wo alle Menschen mit Krankheiten dann auch Hilfe bekommen." Hans Hauner TU, München