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"Abstrich und Gurgeln liefern absolut vergleichbare Ergebnisse" | BR24

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Der gebürtige Münchner Michael Wagner ist einer der Entwickler des Gurgeltests. Er ist überzeugt, dass die Genauigkeit des Tests vergleichbar ist mit dem Abstrich-Verfahren.

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"Abstrich und Gurgeln liefern absolut vergleichbare Ergebnisse"

Der gebürtige Münchner Michael Wagner ist einer der Entwickler des neuen Corona-Gurgeltests. Er ist überzeugt, dass die Genauigkeit des Tests vergleichbar ist mit dem Abstrich-Verfahren. Viele Staaten haben bereits Interesse bekundet.

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Professor Michael Wagner arbeitet am Zentrum für Mikrobiologie der Universität Wien. Im Interview mit BR24 beantwortet er Fragen zum Gurgel-Test, den er mit vielen anderen österreichischen Instituten entwickelt hat.

Herr Wagner, der Gurgeltest ist sprichwörtlich in aller Munde. Wie funktioniert er den konkret?

Beim Gurgeltest geht es darum, auf einfache, unkomplizierte Art und Weise Probenmaterial zu gewinnen. Der eigentliche Test ist dann ein nachgeschalteter PCR-Test wie beim Abstrich auch. Man nimmt dazu fünf Milliliter dieser Gurgellösung, das ist bei uns eine gepufferte Zucker-Salz-Lösung, in den Mund, gurgelt für eine Minute, kann dabei aber auch Pausen machen. Also man muss nicht eine Minute ununterbrochen Gurgeln, man kann auch zwischendurch Atmen und Pausieren. Dann spucke ich das Gurgelat in einen Becher hinein und das war es schon.

Wir haben anhand vergleichender Untersuchungen, die wir natürlich im Vorfeld durchgeführt haben, zeigen können, dass der Abstrich und das Gurgeln auf die Art, wie wir es machen - also eine Minute fünf Milliliter dieser speziellen Lösung - absolut vergleichbare Ergebnisse liefern. Das Schöne daran ist natürlich, dass es niemanden schmerzt. Es tut überhaupt nicht weh.

Es ist absolut niederschwellig, und es kann auch zuhause durchgeführt werden. Man kann Personen, die getestet werden sollen, diese Gurgellösung mitgeben und die können Zuhause Gurgeln. Und dann bringen sie das Gurgelat am nächsten Tag zur Abwurfstation oder in ein Labor. Und das kann dann untersucht werden. Ich brauche also keine Expertise wie beim Abstrich. Den Abstrich kann man auch dramatisch falsch machen und dann ist der wenig aussagekräftig. Da brauche ich geschultes Personal, das diese Abstriche nimmt. Das brauche ich beim Gurgeln nicht.

Die entscheidende Frage ist ja die Sensitivität, also wie sicher die Erkrankung - hier das Coronavirus - nachgewiesen werden kann. Sie sagen, die ist beim Gurgeln genau so hoch wie beim momentan durchgeführten Abstrich-Test.

Genau so ist es. Wir haben das mit vielen Personen durchexerziert, die am selben Tag zum selben Zeitpunkt einen Abstrich bekommen haben und die mit unserem Verfahren gegurgelt haben. Das Ergebnis: Bei manchen Personen ist der Abstrich sensitiver, bei manchen Personen ist das Gurgeln sensitiver. Im Vergleich aller Daten sieht man keinen Unterschied. Das ist absolut vergleichbar. Wir hatten eine einzige Person, die nur mit einem Verfahren angeschlagen ist. Das ist aber auch erwartbar.

Bei ganz niedrigen Viren-Titern [Viren-Konzentration; Anm. d. Red.] im Rachen kann es mit beiden Verfahren sein, dass man mal ein falsch-negatives Resultat hat. Diese sind dann allerdings auch nicht mehr relevant, weil diese Personen dann nicht mehr ansteckend sind. Also ich kann auch mit dem Abstrich am Ende der Erkrankung falsch-negative Resultate haben. Das kann es mit dem Gurgeln auch mal geben. Aber das sind dann Personen, die sowieso nicht mehr ansteckend sind, weil sie nur noch wenige Viren im Rachen haben.

Kritiker behaupten, das Gurgeln sei eben nicht so genau. Mit dem Abstrich in der Nase sei man "am Ort des Geschehens". Im Rachen würde man nur 50 Prozent erwischen.

Das stimmt nicht. Ich habe dazu auch Kontakt aufgenommen mit einigen der Kritiker. Und interessanterweise kann keiner, mit dem ich Kontakt aufgenommen habe, Daten vorlegen. Bislang habe ich immer die Antwort bekommen: Nein, da haben wir nichts dazu vorliegen. Das ist also eine Vermutung. Unsere Daten, das muss man fairerweise sagen, sind noch nicht publiziert, weil wir uns jetzt wirklich 24/7 darum gekümmert haben, diese Monitoring-Studie an österreichischen Schulen, die im Herbst groß ausgerollt wird, jetzt ab September, auf die Beine zu stellen. Wir teilen die Daten aber gerne mit jedem, der sie sehen will. Und natürlich wird es auch publiziert werden.

Es gibt aber auch schon aus Schottland zum Beispiel Studien an anderen respiratorischen [die Atmung betreffend; Anm. d. Red.] Viren, die umfassend waren. Da wurden viele Viren analysiert: Gurgeln versus Abstrich. Auch dort hat sich gezeigt - das sind publizierte Daten -, dass Gurgeln sogar dem Abstreichen überlegen ist.

Warum gibt es keine besseren Kooperationen zwischen den Universitäten? Auch Augsburg und Regensburg haben solche Gurgel-Tests schon durchgeführt. Geht es ums Geld?

Bei uns geht es nicht ums Geld. Wir, eine Gruppe von Molekularbiologen, haben uns im März zusammengetan. Am Anfang waren wir 20 Institute in Wien. Ich komme ja vom Zentrum für Mikrobiologie der Universität Wien. Wir haben uns zusammengetan, weil wir helfen wollten. Wir haben einfach gesehen, dass es eine Knappheit an Reagenzien gibt – sogar bei den Abstrich-Tupfern. Und wir haben gesagt, dass wir unsere Geräte zusammenstellen, dass wir eine hochautomatisierte Test-Pipeline bauen, und dass wir "smart" testen wollen. Also wir wollen Verfahren entwickeln, die eine hohe Testkapazität ermöglichen, die flexibel sind, die nicht abhängig sind von ganz bestimmten Reagenzien und die niederschwellig sind. Und da gehört das Gurgeln mit dazu.

Wir wollen damit kein Geld verdienen. Wir sehen uns auch nicht als Konkurrent zu den diagnostischen Labors, sondern wir bieten mit sehr hoher Qualität Screening an. Das heißt, wir wollen Bevölkerungsgruppen testen, die ansonsten eben nicht getestet werden: Das können eben jetzt Schüler sein, es können auch Obdachlosenheime sein. Wir wollen dort hinschauen, wo zu wenig getestet wird und machen das überhaupt nicht aus einem kommerziellen Interesse.

Wir stellen unsere Protokolle online und teilen sie. Wir haben extrem viele Anfragen international. Also es gibt dort schon sehr viel Kooperation. Ich und meine Kollegen haben unser Protokoll, auch das Gurgel-Protokoll, an viele deutsche Institutionen weitergegeben, in die USA, in die Schweiz.

Ich glaube, dass es ein Stück unterschätzt wird, wie gut Wissenschaftler in dem Bereich zusammenarbeiten, die kein kommerzielles Interesse haben. In Österreich sind natürlich auch viele Firmen aufs Gurgeln drauf gesprungen und bieten das jetzt auch kommerziell an. Das hat aber mit uns nichts zu tun.

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