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60 Tage Bettruhe für die Forschung: Die ersten stehen wieder | BR24

© Bayerischer Rundfunk

Am DLR wird getestet, wie Astronauten in der Schwerelosigkeit fit und gesund bleiben können. Wie das trotz Erdanziehungskraft geht? Mit strikter Bettruhe. Zwölf Probanden mussten dafür sechzig Tage im Bett liegen.

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60 Tage Bettruhe für die Forschung: Die ersten stehen wieder

Für 16.500 Euro zwei Monate lang einfach nur im Bett liegen? So "einfach" war das gar nicht, berichten die Probanden der ersten Runde der Bettruhe-Studie des DLR. Sogar schwindelfrei musste man sein. Und das Aufstehen danach war auch nicht so leicht.

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Sechs Frauen und sechs Männer hatten sich für den ersten Teil der Langzeitstudie im Dienste zukünftiger Raumfahrt hingelegt, die das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum DLR durchgeführt hat, zusammen mit der europäischen Weltraumagentur ESA und der NASA, der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde.

Die Studie, deren zweiter Teil im Herbst folgt, möchte Mittel gegen die negativen Folgen der Schwerelosigkeit finden, mit denen heutige Astronauten zu kämpfen haben. 60 Tage lang mussten die Probanden das Bett hüten. Und liegen ist nicht gleich liegen: Die Studienteilnehmer durften ausschließlich auf dem Rücken liegen, eine Schulter musste immer die Matratze berühren. Zu allem Überfluss musste der Kopf des Liegenden um 6 Grad nach unten geneigt sein, denn so fliegen die Astronauten ins All.

Bettpfanne statt Toilette

Nicht einmal der Gang zur Toilette war gestattet, die Bettpfanne musste für diese Bedürfnisse reichen. Auch alle Körperpflege fand im Bett statt. Besuch war während der zwei Monate ebenfalls nicht gestattet.

Die Folgen des tagelangen Liegens: Verspannungen, Rücken- und Kopfschmerzen. Immerhin kamen bei den Studienteilnehmern - anders als bei Astronauten - regelmäßig Physiotherapeuten vorbei, um die schlimmsten Verspannungen zu lindern.

Im Vergleich dazu, was einen Astronauten im Weltall, etwa auf einer Mars-Mission, plagen würde, ist das allerdings noch harmlos. Denn der Aufenthalt in der Schwerelosigkeit ist das, worüber sich die Raumfahrtagenturen mehr Sorgen machen.

"Seit Beginn der bemannten Raumfahrt wissen wir, dass unser Körper sich im All anpasst: Muskeln verliert man, Knochenmasse geht runter usw." Edwin Mulder, DLR
"Klar gab's natürlich die Eingewöhnungsmomente in den ersten Tagen, wo man ein bisschen Rückenschmerzen hatte, sich daran gewöhnen musste an diese neue Position, aber dann hat mich sich dran gewöhnt und es war relativ einfach, es passiert viel drum herum, was einen ablenkt, dass man die ganze Zeit rumliegt - man kann das schon genießen, wenn man möchte." Studienteilnehmer

Probanden liegen nicht tatenlos im Bett - Experimente

60 Tage im Bett hieß aber nicht 60 Tage Bettruhe. Die Probanden nahmen an zahlreichen Experimenten zum Knochen- und Muskelstoffwechsel teil. Daneben gab es psychologische und kognitive Tests.

"Unsere Probanden müssen echt extrem viele Experimente absolvieren. Diese können wir fünf Hauptthemen zuordnen: in erster Linie Kreislauftests, Kraft- und Ausdauertests, also Kraft und Muskeltests. Dann haben wir kognitive Tests. Das ist ganz wichtig, wenn wir uns auf den Mars fokussieren. Da müssen die Astronauten aufrecht und funktional sein und Tätigkeiten ausüben können." Edwin Mulder, Leiter der Bettruhe-Studie, DLR

Im Schleudergang der Menschenzentrifuge

Außerdem mussten die Studienteilnehmer schwindelfrei sein. Denn bei dieser Bettruhe-Studie wurde insbesondere auch ein Gerät getestet, das vielleicht einmal als Hilfsmittel mit an Bord von Raumfahrzeugen kommen soll: die Human-Zentrifuge. Auf einer Liege wurden die Probanden täglich 30 Minuten im Kreis geschleudert. Ziel der Karussellfahrt:

"Die Zentrifuge bewirkt, dass alles nach unten gedrückt wird. Der Proband liegt darauf und die ganze Flüssigkeit, das Blut, wird Richtung Beine gedrückt. Letztlich das, was wir haben, wenn wir aus dem Bett aufstehen würden." Timo Frett, Zentrifugen-Operator, DLR

Die Beine leiden bei Astronauten ganz besonders stark: Weil das Blut im All vor allem in den Kopf fließt, verlieren die Beinmuskeln sehr schnell an Masse und die Knochen an Dichte. Bis zu 40 Prozent der Muskeln schwinden, wenn ein Astronaut nicht trainiert. Alexander Gerst trainierte daher in seiner Zeit auf der Internationalen Raumstation ISS täglich etwa anderthalb Stunden gegen den Muskelschwund an.

Die Forscher am DLR hoffen, dass die sogenannten "täglichen Interventionsfahrten" auf der Kurzarm-Human-Zentrifuge den Astronauten lange Trainingseinheiten auf Laufband und Trimmrad ersparen könnte. Die Raumfahrer hätten so mehr Zeit für wissenschaftliche Experimente.

© DLR

Täglich 30 Minuten Schleudergang in der Kurzarm-Human-Zentrifuge des DLR sollen dem Muskelschwund bei Astronauten entgegenwirken.

Am Ende in den aufrechten Gang zurückgekippt

Und nach dem Experiment? Nach 60 Tagen im Liegen steht man nicht so einfach auf. Die Studienteilnehmer wurden auf einem Kipptisch gesichert und mit diesem auf die eigenen Beine gestellt. Keine unbedingt tolle Erfahrung: "Die Beine wurden mit einem Mal schwer, kalter Schweiß brach aus, man wusste nicht mehr so genau wo oben und unten ist", berichtete ein Studienteilnehmer.

"Ich konnte mich kaum abdrücken, der Widerstand des Bodens war komplett neu. Im Bett dachte man immer: Ach, das kann ich schon alles wieder, kein Problem! Aber der erste Tag war schon enorm, die Beine fühlten sich an wie Ballons, die jeden Moment platzen würden. Aber jeden Tag wurde es besser und an Tag vier musste ich schon nicht mehr überlegen, wie das mit dem Aufstehen geht." Studienteilnehmer

Die Betten werden neu gemacht

Im September startet der zweite Teil der Bettruhe-Studie: Dann liegen wieder sechs Frauen und sechs Männer für 60 Tage im Bett. Dazu noch zwei Wochen Vorbereitung und zwei Wochen Nachbereitung - bis Anfang Dezember sind die Probanden beschäftigt. Bewerben kann man sich nicht mehr, die Teilnehmer sind bereits ausgewählt.