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Wohnungsnot: Was potentielle Mieter ertragen müssen | BR24

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Einige Wohnungssuchende haben unserer BR24-Reporterin Verena Schälter via Facebook von ihren befremdlichen Erfahrungen berichtet.

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Wohnungsnot: Was potentielle Mieter ertragen müssen

Wohnung gegen Sex, horrende Ablösesummen, Kinder unerwünscht: Wer in Städten wie München eine Wohnung sucht, erlebt zum Teil Unglaubliches. Wir haben über Facebook nach den schlimmsten Erlebnissen bei der Wohnungssuche gefragt.

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Dass es wirklich so schlimm ist, hätte Martina Schreiner* nicht gedacht. Seit Monaten hilft sie ihrer Tochter Julia* bei der Suche nach einer Wohnung im Münchner Osten. Julia wird im September 17 und beginnt dann eine Ausbildung zur Pferdewirtin. "Sie muss ausziehen, weil sie es sonst nicht pünktlich zur Arbeit schafft“, erzählt Martina Schreiner.

Julia selbst hat deshalb ein Inserat auf ebay-Kleinanzeigen geschaltet. Antworten bekommt sie viele, doch die Wenigsten haben eine Wohnung oder ein Zimmer zu vergeben. "Date-Anfragen ohne Ende kamen da rein“, sagt Martina Schreiner. Das allein wäre zwar nervig, aber noch nicht so schlimm gewesen.

Statt Miete zwei Mal im Monat Sex

Doch dann schickt die 17-Jährige ihrer Mutter Screenshots: Ein Mann fragt ihre Tochter nach der Größe ihrer Oberweite und ob sie rasiert ist. Ein anderer bietet Julia an, dass sie umsonst bei ihm in seiner Drei-Zimmer-Wohnung wohnen könnte. Die Gegenleistung: “Würde dich gerne zweimal im Monat für paar schöne Stunden treffen wollen“. "Mir wird jedes Mal schlecht, wenn ich das lese“, sagt Julias Mutter.

© BR / Verena Schälter

"Schöne Stunden" als Gegenleistung für eine Wohnung?

Solche Angebote sind kein Einzelfall. Auch auf unseren Aufruf haben sich mehrere Frauen und Männer gemeldet, denen ähnliches passiert ist. In Julias Fall ist so eine Anfrage strafbar, denn Julia ist noch minderjährig - und die potenziellen Vermieter wussten das.

Grundsätzlich sind solche Anfragen aber nicht per se illegal.

"Nur wenn dieser Deal schriftlich in einem Mietvertrag festgehalten wurde, könnte man im Nachhinein wegen Sittenwidrigkeit dagegen vorgehen.“ Anja Franz, Rechtsberaterin Mieterverein München

"Kind kommt nicht in die Wohnung"

Viele User haben uns allerdings noch von einem ganz anderen "Problem“ bei der Wohnungssuche berichtet: ihre eigenen Kinder. So schreibt Marina, dass man ihr am Telefon gesagt hätte: "Tiere wären okay, aber ein Kind kommt nicht in die Wohnung.“ Und Jenny Oltof schreibt: "Als Alleinerziehende hat man auf dem Markt in München und Umgebung keine Chance mehr eine zu bekommen.“ Meist würde sie gar nicht erst zur Besichtigung eingeladen.

© BR/Verena Schälter

Kinder in der Wohnung unerwünscht

In solchen Fällen gibt es leider kaum Möglichkeiten gegen diese Art von Diskriminierung vorzugehen, sagt Franz.

"Sie müssten nachweisen, dass sie diskriminiert wurden und kein Vermieter würde zugeben, dass er sie wegen der Kinder nicht genommen hat. Er würde wahrscheinlich immer sagen, dass der andere sympathischer war.“ Anja Franz, Rechtsberaterin Mieterverein München

Der Vermieter kann sich dabei auf die Vertragsfreiheit berufen.

Sie haben einen ausländischen Namen? Dann passt das leider nicht!

Das betrifft auch eine andere Gruppe von Menschen, die auf dem Mietmarkt einer starken Diskriminierung ausgesetzt sind: Ausländer und Menschen mit ausländisch klingendem Namen.

Serafina beispielsweise schreibt, dass sie zu einer Besichtigung eingeladen worden sei, um dann kurz vorher wieder ausgeladen zu werden - nachdem der Vermieter gefragt habe, woher ihr Nachname kommt:

"Als ich meinte, dass der Name aus dem Kosovo ist (bin in Deutschland geboren und aufgewachsen), meinte kurz darauf der Vermieter: Tut mir leid, das passt nicht. Viel Erfolg bei der Wohnungssuche.“ Serafina, Wohnungssuchende
© BR/Verena Schälter

Menschen mit ausländisch klingendem Namen haben es schwer bei der Wohnungssuche

Wohnung geht an den Meistbietenden

Wer immerhin zur Besichtigung eingeladen wird, könnte dann aber vor einem anderen Problem stehen: Wenn sich beispielsweise herausstellt, dass die Wohnung buchstäblich versteigert wird - so wie es Anika passiert ist.

Zur Besichtigung der 65-Quadratmeterwohnung seien etwa 65 Menschen gekommen. "Der Makler in der Mitte des Raumes - wohlwissend um die Not - verkündete, dass die Mietpreisangabe nur ein "Dummy“ war und natürlich nur der Höchstbietende die Wohnung erhalten werde", erklärt Anika.

Auch das ist rechtlich nicht illegal und über die Vertragsfreiheit abgedeckt, erklärt Anja Franz vom Mieterverein.

So wehren Sie sich gegen hohe Ablösesummen

Und dann wäre noch ein anderes Problem, das häufig erst bei der Besichtigung zur Sprache kommt: Horrende Ablösesummen für 10 Jahre alte Ikea-Küchen beispielsweise. Oft ist die Übernahme einer Küche Bedingung, damit der potenzielle Nachmieter die Wohnung auch bekommt. Das ist ein beliebtes Mittel von Vermietern, um sich so die Maklergebühren zurückzuholen, sagt Franz.

In diesem Fall kann sich der Mieter aber wehren. Ein Beispiel: In der Wohnung steht eine zehn Jahre alte billige Baumarktküche. Der Vermieter will noch 4.000 Euro dafür haben, allerdings ist sie nur noch 500 Euro wert. Der Mieter kann dem zustimmen, sollte aber einen Ablösevertrag abschließen.

"Dieser Ablösevertrag ist dann bis 3.500 Euro unwirksam“, sagt Anja Franz. Das heißt, der Mieter muss nur 500 Euro zahlen anstatt 3.500. Allerdings muss er belegen, dass die Küche nur 500 Euro wert ist: "Damit das rechtmäßig ist, braucht der Mieter ein entsprechendes Gutachten“, so die Rechtsberaterin.

*Name von der Redaktion geändert