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Wohnungsnot bei Senioren: Wann handelt der Sozialstaat? | BR24

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Immer mehr ältere Menschen sind auf staatliche Hilfe angewiesen, um ihre Miete zu bezahlen. Experten fordern Maßnahmen des Bundes - doch die lassen noch immer auf sich warten.

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Wohnungsnot bei Senioren: Wann handelt der Sozialstaat?

Immer mehr ältere Menschen sind auf staatliche Hilfe angewiesen, um ihre Miete zu bezahlen. Experten fordern Maßnahmen des Bundes - doch die lassen noch immer auf sich warten.

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Ilona und Alfred Herlet sind verzweifelt. Sie müssen raus aus ihrer Wohnung in München. Ihr Vermieter hat ihnen wegen Eigenbedarf gekündigt. "Ich leide an Verlustängsten, schon lange", sagt Ilona Herlet. "Ich bin auch in Behandlung. Medikamentös und im Gespräch."

Auch ihrem Mann fällt der Abschied vom vertrauten Umfeld schwer. Ein Investor hat ihre Anlage übernommen, saniert und weiterverkauft. Nach der Eigenbedarfskündigung durch den neuen Eigentümer sind der 81-Jährige und seine 66-jährige Ehefrau auf Wohnungssuche. Die Beiden sind geschockt von den hohen Mietpreisen:

"Wenn ich 2000 Euro im Monat hinlege, dann kann ich morgen ausziehen und sofort irgendwo hinziehen. Aber das will ich nicht, selbst wenn ich es könnte. Das will ich nicht. Ich bin der Meinung, dass ich in München, als geborener Münchner, einen Anspruch auf eine bezahlbare Wohnung habe. Das müsste eigentlich drin sein." Alfred Herlet, Rentner

Umzug im Alter: Auch soziale Bindungen gehen verloren

Neuen bezahlbaren Wohnraum zu finden, ist für ältere Menschen mit kleiner Rente besonders schwer. Oft können sie sich die steigende Miete der eigenen Wohnung nicht leisten. Mietervereine befürchten regelrechte Umzugswellen - bei gleichzeitigem Verlust der sozialen Bindungen.

"Oft bleiben ja die ganzen sozialen Bindungen zurück und das fängt schon an, wenn es um die Tauschbörse in einer Stadt geht und man in ein anderes Viertel muss. Dann verliert man die Verbindung. Manche sind nicht mehr mobil." Beatrix Zurek, Vorsitzende des Mieterverein München e.V.

Das Problem verschärft sich: 23 Prozent der Deutschen haben derzeit das Alter von 65 Jahren überschritten, im Jahr 2030 werden es laut Prognosen 28 Prozent sein. Gleichzeitig wird der Anteil der Rentner, die Sozialleistungen beziehen, steigen: auf bis zu 35 Prozent in den nächsten 20 Jahren.

Experte über "Senioren-WGs": kein geeignetes Lösungsmodell gegen Wohnungsnot

Ute Wunderlich hatte Glück. Sie lebt in einer Art Seniorinnen-Wohngemeinschaft: bestehend aus 10 Frauen, alle mit eigener kleiner Wohnung. Zusammen essen, unterhalten und Unternehmungen machen - in nachbarschaftlicher Nähe.

Gemeinsam statt einsam: Unter diesem Motto hat die Wirtschaftspsychologin Christa Lippmann solche Wohnprojekte vor 20 Jahren ins Leben gerufen. Nur für Frauen. Fünf solcher Gruppen gibt es in München. Die Nachfrage ist groß:

"Ich habe täglich mindestens einen Anruf von einer Frau, die sagt: 'Ich möchte raus aus meiner Isolation - haben Sie nicht eine Wohnung'. In München hat man keine Wohnung auf Vorrat, geht nicht. Und wir können auch nicht beliebig viele Projekte aufmachen, weil wir keine Wohnungen kriegen. Wir suchen immer geförderte Wohnungen, möglichst am Stück, damit wir acht bis zehn Frauen zusammen unterbringen können. Und einen Gemeinschaftsraum." Christa Lippmann, Nachbarschaftlich leben für Frauen im Alter e.V.

Viele Menschen kämen jedoch schon in jungen Jahren mit dem WG-Konzept nicht klar, gibt Experte Matthias Günter vom Pestel Institut in Hannover zu bedenken. Mit Senioren-WGs würde das Wohnproblem als solches nicht gelöst.

Maßnahmen des Bundes derzeit nicht in Sicht

Matthias Günther hat den Begriff der "Grauen Wohnungsnot" geprägt. Der Begriff spielt auf die rasante Zunahme von Senioren mit geringer Rente an, die sich eine gewöhnliche Wohnung ohne staatliche Hilfe nicht mehr leisten können. Der Experte fordert deshalb, dass drei Millionen Wohnungen in den nächsten zehn Jahren altersgerecht um- oder neugebaut werden. Der Staat solle sich mit sechs Milliarden Euro daran beteiligen:

"Wenn man jetzt nur temporäre, kurzfristige Maßnahmen beschließt, dann kann niemand erwarten, dass irgendjemand in der Wirtschaft seine Kapazitäten erhöht, um mehr Wohnungen zu bauen." Matthias Günther, Pestel Institut, Hannover

Das hier zuständige, von Horst Seehofer geführte Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat plant allerdings keine solchen Milliarden Subventionen. Es verweist stattdessen auf die Förderung in den Bundesländern und auf staatlich geförderte Darlehen. Weitere Anreize durch den Bund sind somit derzeit nicht in Sicht.