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Ein Mann steht auf einer Bühne vor einem großen Publikum

Hat in der Corona-Pandemie ganz besonders gelitten: Die Kreativwirtschaft. Doch es gibt auch andere Faktoren, die diesen Bereich behindern.

Bildrechte: stock.adobe.com/Nikolay N. Antonov
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    Wirtschaftsfaktor Kreativität: So wichtig ist Kultur für Bayern

    Vom Theater bis zur Gaming-Werkstatt: Kultur und Kreativität sind nicht nur schön, sondern auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in Bayern. Eine Studie versucht jetzt, diese diverse Branche in Zahlen zu fassen – und stellt Forderungen an die Politik.

    Von
    Hanna HeimHanna Heim
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    Man stelle sich eine Branche vor, deren Umsatz innerhalb von neun Jahren um 50 Prozent wächst. Eine Branche, die mit 40,3 Milliarden Euro Gesamtumsatz schneller wächst als die gesamte bayerische Wirtschaft im Durchschnitt. Und noch dazu: Eine Branche, deren gut 350.000 Beschäftigte ihren Beruf in den allermeisten Fällen aus Leidenschaft machen.

    Die Rede ist von einem Wirtschaftszweig, der lange Zeit als zu kleinteilig, zu verkopft und vor allem viel zu abhängig von staatlichen Geldern beschrieben wurde: Die Kultur- und Kreativbranche. Doch dann kam Corona und Kinos, Theater und Opern mussten schließen, während gleichzeitig Serien, Videogames und Bücher extremen Aufschwung bekamen. Vielen Menschen wurde in dieser Zeit deutlich, dass hinter dem vermeintlich soften Label "Kultur und Kreativität" ernstzunehmende wirtschaftliche Argumente stecken.

    Verbände fordern langfristige Strategie

    Diese Entwicklung versucht nun der Bayerische Landesverband für Kultur- und Kreativwirtschaft gemeinsam mit der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft in eine Untersuchung zu gießen. Die Zahlen des Statistischen Landesamts und die Befragung unter 500 Beschäftigten der Branche sollen zeigen, wie mächtig die bayerische Kreativlandschaft ist – und damit gehen Forderungen an die Politik einher.

    Philipp Ernst, der stellvertretende Vorsitzende des bayerischen Kulturverbands, sagt, die Politik müsse einen Plan entwerfen, um Kultur und Kreativität langfristig zu fördern und vor allem auch in Bayern zu halten. Schließlich erwirtschafte jeder investierte Euro einen Mehrwert von durchschnittlich 50 Cent.

    Standort Bayern als Herausforderung

    Ernst sagt das, während er in den Studios von Rodeo FX steht, einer internationalen Firma, die auf Explosionen, Monster, Fabelwesen und andere visuelle Effekte in Hollywood-Produktionen spezialisiert ist. Neben ihm sitzt der Franzose Thomas Hullin, der eigens für den deutschen Ableger der Firma nach München gezogen ist.

    Und was Hullin erzählt, sagt Ernst, sind die typischen Probleme, die viele Unternehmen haben, die in der Kreativwirtschaft arbeiten: Nicht nur, dass es schwierig ist, genügend Fachkräfte zu finden, die in einer vergleichsweise kleinen Stadt wie München leben und arbeiten möchten – das viel größere Problem sei die Anbindung ans Internet.

    Internetanschluss als Hemmnis

    Gerade die internationale Filmbranche wird wegen der modernen Technologien immer ortsunabhängiger – damit wächst aber gleichzeitig die Abhängigkeit von einem gut funktionierenden Internetanschluss.

    "Wir brauchen pro Tag etwa fünf Terabyte Datenvolumen, einfach nur, um unsere Arbeit zu machen. Und so eine Anbindung ist in München einfach nicht zu finden." Thomas Hullin, Rodeo FX Visuelle Effekte

    Als Hullin endlich die richtigen Büroräume gefunden hatte, gab es keine Glasfaseranbindung. Und auch niemanden, der ihm dabei geholfen hätte.

    Die Firma wurde selbst aktiv und verlegte das Glasfasernetz bis in den Hinterhof – auf eigene Kosten. Und damit nicht genug: Auch die Bürokratie machte Hullin zu schaffen. Das ging so weit, dass sie die Einverständniserklärung jeder anliegenden Mietpartei brauchten, damit sie das Kabel durch den Hinterhof verlegen durften.

    Mehr Verständnis, weniger Bürokratie

    "Manchmal hatte ich nachts Albträume wegen Glasfaserkabeln", erzählt Hullin und sein Lachen verrät, dass er die Wahrheit sagt. Alles in allem fühlt sich Hullin in Bayern nicht wirklich willkommen, er sieht auch nicht, dass die Firma sich hier so entfalten wird, wie sie könnte. Hullin beschreibt es eher so: Challenge accepted.

    Und genau das, so der Verbands-Co-Chef Philipp Ernst, müsse nicht sein. Gäbe es für Unternehmen wie Rodeo FX mehr Verständnis und eine bessere Infrastruktur, weniger Bürokratie und eine konkrete Ansprechperson in der Politik, könnten viele Probleme schnell aus dem Weg geräumt werden.

    Hinzu kommt, dass die gesamte Branche während der Corona-Pandemie stark durchgeschüttelt wurde. In allen Teilbereichen gab es nicht nur Umsatzeinbrüche, sondern auch Personalabwanderung. Denn dort, wo kein Kartenabreißer oder keine Theaterperfomerin gebraucht wurden, sind viele Verträge aufgelöst worden und die Beschäftigten sind in sicherere Jobs abgewandert. Echte Erholungstendenzen erwarte man erst für das nächste Jahr 2022, heißt es in der Studie.

    Kreativität wirtschaftlich denken

    Aber: Diesen "Breakdown" könne man nutzen, so Philipp Ernst, um gerade jetzt eine Zukunftsperspektive zu entwickeln und in die Wege zu leiten. Die Studie regt hier einige Vorschläge an: Die Infrastruktur müsse ausgebaut und bürokratische Hemmnisse abgebaut werden. Insgesamt müsse der Begriff "Kreativität" wirtschaftlicher gedacht werden und auch von politischer Seite als Mittel für gesellschaftlichen Zusammenhalt verstanden werden. Und der lasse sich letztlich eben nicht in Zahlen messen.

    Für Thomas Hullin von Rodeo FX bleibt es also spannend. Bis zu einem gewissen Punkt sei er bereit, mit den Widrigkeiten zu arbeiten – schließlich habe München auch extrem große Vorteile. Allein die Umgebung sei wunderbar, sagt er. Aber, und da denkt er ganz ökonomisch, wenn das Wachstum seines Unternehmens zu stark gehemmt wird, dann werde man sich letztlich nach einem anderen europäischen Land umsehen.

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