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Nachschubschwierigkeiten und rasant steigende Rohstoffpreise gefährden die bayerische Wirtschaft. Eine Suche nach den Ursache und den Folgen.

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Wirtschaft unter Druck: Engpässe bedrohen viele Branchen

Die Weltwirtschaft erholt sich – mit negativen Nebenwirkungen für die bayerische Industrie und das Handwerk. Lieferengpässe machen dem Freistaat zu schaffen. Welche Gründe dafür verantwortlich sind und warum eine gefährliche Kettenreaktion droht.

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Von
  • Johannes Lenz

Bernhard Vornehm macht sich Sorgen. Er leitet zusammen mit seiner Frau einen Meisterbetrieb für Sanitär- und Heizungstechnik im oberbayerischen Gilching mit acht Angestellten. Seit 40 Jahren ist der Betrieb in Familienhand, mittlerweile in zweiter Generation. Doch solch eine Unsicherheit hat Bernhard Vornehm selten erlebt. "Wir haben gestern eine Lieferung bekommen, die wir vor drei bis vier Wochen bestellt haben." Es war vielleicht die letzte für lange Zeit. Bis auf Weiteres müssen die Kunststoffdübel reichen. Aber auch viele Metallteile sind knapp.

Bayerische Betriebe hamstern Metall- und Kunststoffteile

Viele Einzelteile des alltäglichen Bedarfs sind im Großhandel nicht verfügbar. Und schon bald könnten noch mehr Regale leer sein. Die Nachschubsorgen bringen immer mehr Handwerker dazu, vorrätig das Material einzukaufen, das noch zu haben ist.

"Letztes Jahr haben wir Klopapier und Nudeln gekauft und wir kaufen jetzt Edelstahl- und Kupferrohre. Der Unterschied ist: Wir brauchen es für die Arbeit." Bernhard Vornehm, Meisterbetrieb für Sanitär und Heizungstechnik

Metallrohre hamstern statt Klopapier. Das klingt nach Satire - dahinter stecken aber bitterer Ernst - und eine enorme finanzielle Vorleistung. Bernhard Vornehm steht wie viele seiner Kollegen vor einem ernsthaften Problem.

Kurzarbeit droht trotz voller Auftragsbücher

"Irgendwo weckt es Ängste, weil wir bemüht sind, unsere Kunden zu bedienen - und wenn Lieferketten unterbrochen sind, können wir Arbeiten des täglichen Bedarfs, das Austauschen von Heizungen zum Beispiel, einfach nicht machen", sagt Bernhard Vornehm. Wenn es so weitergeht, droht seinen acht Monteuren Kurzarbeit, trotz voller Auftragsbücher. Die Lieferengpässe sind nicht nur für die Baubranche und Nebengewerke ein Problem - auch die Industrie trifft es hart.

Laut einer Umfrage des Münchner ifo-Instituts haben Gummi- und Kunststofffirmen besonders mit Nachschubproblemen zu kämpfen. Danach folgen die Autoindustrie und ihre Zulieferer. Und auch mehr als die Hälfte der Hersteller von Metallprodukten klagt über Nachschubsorgen.

© ifo Konjunkturumfrage, April 2021
Bildrechte: ifo Konjunkturumfrage, April 2021

Die Lieferschwierigkeiten machen verschiedenen Industriezweigen zu schaffen.

Gründe für Lieferengpässe vielfältig

Je nach Material lassen sich unterschiedliche Gründe ausmachen:

  • Viele Kunststoff- und Metallhersteller in China und den USA haben in der Corona-Krise ihre Maschinen gewartet und außer Betrieb gesetzt. Die Weltwirtschaft hat sich aber schneller erholt als erwartet - die hohe Nachfrage kam für viele überraschend.
  • Ein heftiger Wintereinbruch in den USA und Überschwemmungen in China haben Produktionsstätten lahmgelegt.
  • Blockierte Handelswege wie der Suez-Kanal und der durch die Corona-Krise erschwerte Grenzverkehr kamen dazu.
  • Aufgrund starken Borkenkäferbefalls und Aufkäufen aus den USA wird Bauholz knapp und immer teurer.
  • Und letztendlich mussten immer wieder Fabriken wegen Corona-Ausbrüchen vorübergehend schließen.

Führt das jetzt dazu, dass Firmen reihenweise Kurzarbeit anmelden müssen? Dass wir eine zweite Krise nach der Corona-Krise erleben? Manfred Gößl, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern beruhigt: "Es könnte in Einzelfällen passieren, dass dort, wo das Material ganz ausgeht, die Firmen in die Kurzarbeit gehen müssen." Das werde aber ein Randthema sein.

Doch die Preise steigen. Laut Franz Xaver Peteranderl, Präsident des Bayerischen Handwerkstags, bekommen das auch die Kundinnen und Kunden immer mehr zu spüren.

"Es kommt natürlich infolgedessen zu Preissteigerungen, die bis zum Kunden durchgereicht werden. Franz Xaver Peteranderl, HWK-Präsident

Die betroffenen Branchen seien vor allem das Bauhauptgewerbe, aber auch Nebengewerbe wie Heizung- und Sanitär. Für den Bauträger könne das bedeuten, dass sich sein Fertigstellungstermin um Wochen verschiebt, so Peteranderl.

Kettenreaktion lässt Baustellen brachliegen

Eine Verzögerung bringt schnell die nächste mit sich: Denn wird die Heizung nicht fertig, muss auch der Maurer oder Fließenleger warten. "Wenn wir die Woche die Heizung nicht zum Laufen bringen, dann hätten wir tatsächlich das Problem, dass alle nachfolgenden Gewerke auf uns warten müssen", sagt Bernhard Vornehm. Doch für ihn gibt es einen Lichtblick: Ein wichtiges Bauteil für eine Münchner Baustelle ist endlich angekommen. Wochenlang musste das Team darauf warten. Ein Ausdehnungsgefäß zum Druckausgleich. Ohne funktioniert die Heizung nicht.

Das lang ersehnte Heizungsbauteil ist nach wochenlanger Wartezeit endlich angekommen. Architekt und Bauträger vor Ort, Matthias Ludwig, hat schon gar nicht mehr damit gerechnet: Ein Gefühl "wie Weihnachten". Doch Der Heizungsfachmann muss ihm die nächste schlechte Nachricht überbringen: "Was noch fehlt, ist die Dämmung für die Rohrleitungen. Es sind schon Teile da, aber wir können es noch nicht fertig stellen". Wieder ein Dämpfer.

Neubauten könnten deutlicher teurer werden

Die Engpässe führen dazu, dass der Bauherr deutlich tiefer in die Tasche greifen muss und sich der Fertigstellungstermin um Wochen nach hinten verschiebt. Für den Architekten und Bauträger bedeuten die Lieferengpässe ein viel höheres Risiko. "Es ist fast schon geschäftsschädigend", sagt Matthias Ludwig. Seine Aufgabe sie es, dem Bauherrn pünktlich ein kostengünstiges Bauwerk zu garantieren. "Dieses Versprechen kann ich ihm gerade einfach nicht geben", bedauert der Architekt.

Die Zeit drängt. Im Juli will der Bauherr einziehen. Bis dahin muss das Gebäude fertig sein. Schon jetzt ist klar: Soll alles rechtzeitig fertig werden, wird der Bau wird für ihn deutlich teurer. Die Aufholjagd der Weltwirtschaft könnte noch einige Monate andauern. So lange wird die Nachfrage das Angebot wohl noch übersteigen - und die gesamte Baubranche mit Engpässen und steigenden Preisen zu kämpfen haben.

Exportstopps gegen Lieferengpässe umstritten

Um den Nachschubsorgen entgegenzuwirken, beraten Wirtschaftsminister der Länder bereits über Exportstopps, um die heimische Wirtschaft zu schützen. Doch Manfred Gößl, Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern sieht diese im BR-Interview kritisch.

"Das Schlimmste, was die Politik jetzt tun könnte, wäre Exportverbote auszusprechen. Das würde den ganzen Markt durcheinanderbringen." Manfred Gößl, Hauptgeschäftsführer der IHK für München und Oberbayern

Gößl erklärt den Grund: "Deutschland ist viel mehr abhängig von ausländischen Materialien als umgekehrt." Die deutsche Wirtschaft würde somit nur "den Ast absägen, auf dem wir sitzen". Denn dann müsste man damit rechnen, dass auch andere Länder Exportverbote aussprechen.

Darunter würde vor allem die stark auf Vorprodukte angewiesene Bayerische Wirtschaft leiden. Stattdessen fordern Industrie und Handwerk Anpassungsklauseln für Unternehmen, um Preise auch nach Vertragsabschluss noch nach oben korrigieren zu können.

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