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Wirecard-Skandal: Die Haftung der Wirtschaftsprüfer | BR24

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    Wirecard-Skandal: Die Haftung der Wirtschaftsprüfer

    Der Skandal um Wirecard zieht Kreise. In Berlin wird der Ruf nach einem Untersuchungsausschuss lauter. Aktionärsschützer der SdK fordern rückhaltlose Aufklärung, auch über die Rolle der Ermittler. Und auch die Wirtschaftsprüfer von EY sind im Fokus.

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    Brisant bei dem Wirecardskandal ist die Rolle von "EY" - die mutmaßlich manipulierten Bilanzen bekamen über Jahre ein OK von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Sollte diese dabei einen Fehler gemacht haben, ist ihre Haftung aber stark begrenzt. Denn für die Prüfer von Unternehmensabschlüssen gibt es in Deutschland ein Privileg.

    Rainer Pyka hat 30.000 Euro in Wirecard-Aktien investiert und die Papiere sogar seinen Kindern empfohlen. Ein DAX-Unternehmen als langfristige Anlage für die ganze Familie. Pyka hat sich auf die Testate der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY verlassen."Die Tatsache, dass der Wirtschaftsprüfer – also die EY – Testate ausgestellt hat über Jahre, über eine Firma, die sie wohl besser als jeder andere kennen muss, zumindest besser als jeder Aktionär, da fühle ich mich natürlich betrogen", so der Wirecard-Investor.

    Privileg für Wirtschaftsprüfer

    Fakt ist: Kurz nachdem ein Milliarden-Fehlbetrag in der Bilanz festgestellt worden ist, ging Wirecard insolvent. EY hat zuvor das Testat für den Jahresabschluss 2019 verweigert. In den Jahren zuvor allerdings nicht. Auch deswegen wollen viele Anleger nun Schadenersatz und lassen sich von Kapitalmarktspezialisten wie Anwalt Peter Mattil beraten.

    Seine Erfahrung: es ist schwer, Wirtschaftsprüfungsgesellschaften einen Vorsatz nachzuweisen. Bei einer möglichen Fahrlässigkeit, also Schlamperei, schützt das deutsche Recht die Abschlussprüfer. Nach §323 im Handelsgesetzbuch ist die Haftungshöhe auf vier Millionen Euro begrenzt. Für Mattil ist das nicht nachvollziehbar. In vielen anderen Länder, wie etwa den USA oder Frankreich, gibt es solche Beschränkungen nicht. Dort ist die Haftung für Abschlussprüfer unbegrenzt. Nach dem Wirecard-Skandal rückt dieses Privileg für Abschlussprüfer in Deutschland nun in den Fokus.

    Für andere Berufsgruppen keine Haftungsbegrenzung

    Im Geburtshaus München arbeitet Hebamme Magdalena Habrik. Kommt ein Kind bei der Geburt zu Schaden, kann das sehr teuer werden. Die Kosten für ihre Haftpflichtversicherung sind deshalb hoch - trotz Zuschuss der Krankenkasse. 2017 lag die Versicherung bei 7.600 Euro, 2018 dann bei 8.000, 2019 bei 8.600 und jetzt bei 9.100 Euro, wie Habrik erklärt. "Also, diese Steigerung könnten Hebammen nicht unendlich mitmachen, weil auf diese Art und Weise steigere sich natürlich nicht ihr Einkommen", so Habrik.

    Noch viel teurer ist die Berufshaftplicht bei Ärzten. Gynäkologe Axel Valet muss fast 50.000 Euro im Jahr bezahlen – und geht trotzdem bei jeder Geburtsbegleitung ein Risiko ein. Das große Problem sei, wenn man einen großen Haftpflichtschaden habe, das einem dann die Versicherung kündige und dann bekomme man keine neue mehr. Das sei dann das Ende der Berufstätigkeit, meint er. Und nicht nur das: Ist der finanzielle Schaden höher als die Deckungssumme seiner Versicherung, haftet er sogar mit seinem Privatvermögen.

    Gefahren lauern jeden Tag

    Auch Architekten wie Gerhard Zach müssen mit dem Risiko leben, dass schon eine einzige Fahrlässigkeit ihr Lebenswerk zerstören kann. Gefahren lauerten jeden Tag, denn der Architekt sei in der Haftung für Fehler, die er bei seiner Planung mache, die er in der Bauleitung mache, in der Beratung mache und auch in der Bauleitplanung. Da habe man schon mal eine Schadenersatzforderung von 20 Millionen auf dem Tisch, so Zach. Auch Sohn Michael hat sich für diesen Beruf entschieden - obwohl er weiß, dass jeder Fehler die Existenz kosten kann.

    Wissenschaftler sind uneins

    Prof. Klaus-Peter Naumann vom Institut für Wirtschaftsprüfer in Deutschland, das die Interessen von Wirtschaftsprüfern vertritt, verteidigt das Haftungsprivileg für Abschlussprüfer und spricht sich gegen eine Abschaffung aus: "Die Hauptgefahren sind: Erstens, dass Unternehmen in schwieriger Lage keinen Abschlussprüfer mehr finden. Zweitens, dass es zu einer verschärften Konzentration im Prüfungsmarkt kommen wird, zu Lasten mittelständischer Wirtschaftsprüfungsgesellschaften – ohne, dass diese negativen Folgen irgendwie kompensiert würden durch eine Steigerung der Prüfungsqualität."

    Anders sieht das Prof. Hansrudi Lenz vom Lehrstuhl für Wirtschaftsprüfungswesen an der Universität Würzburg. Er befürwortet eine Abschaffung: "Andere Länder haben diese Haftungsobergrenzen nicht und der Abschlussprüfungsmarkt bricht trotzdem nicht zusammen. Wenn eine Haftungsobergrenze, dann müsse sie deutlich, deutlich höher sein als bisher", so Lenz. "Beispielsweise ein Prozentsatz der Umsatzerlöse. Nehmen wir EY, die Wirecard geprüft haben, die machen einen Umsatz von zwei Milliarden Euro. Also die könnten schon eine gewisse Haftungslast tragen, also einen bestimmten Prozentsatz ihrer Umsatzerlöse, ohne dass die Existenz des Unternehmens gefährdet wäre."

    Haftungsregeln kommen auf den Prüfstand

    Eine Gesetzesänderung hat der Bundestag bisher abgelehnt. Jetzt allerdings wächst der Druck auf die Politik. Gegenüber Plusminus erklärt das Justizministerium:

    "Aus Anlass der Vorkommnisse um Wirecard wird das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz auch die zivilrechtliche Haftung (…..) auf den Prüfstand stellen, um die Qualität der Abschlussprüfung zu fördern. Dies schließt die Überprüfung der Haftungshöchstgrenze ein." Stellungnahme Bundesjustizministerium

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