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Analyse: Aufstieg und Fall von Wirecard | BR24

© BR / Margit Siller

Es ist der vorläufige Höhepunkt turbulenter Monate: Inmitten eines milliardenschweren Bilanzskandals verlässt der Chef des Zahlungsdienstleisters Wirecard das Unternehmen. So schnell wie es aufstieg, scheint Wirecard nun zu fallen.

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Analyse: Aufstieg und Fall von Wirecard

Es ist der vorläufige Höhepunkt turbulenter Monate: Inmitten eines milliardenschweren Bilanzskandals verlässt der Chef des Zahlungsdienstleisters Wirecard das Unternehmen. So schnell wie es aufstieg, scheint Wirecard nun zu fallen.

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Ein Hauch von Silicon Valley wehte auf einmal über den Münchner Osten, über einen schlichten Zweckbau in Aschheim, die Firmenzentrale von Wirecard. Im Jahr 2005 ging das Unternehmen an die Börse und seitdem ist der Zahlungsabwickler mit zweistelligen Jahresraten gewachsen.

Das war so recht nach dem Geschmack vieler: endlich ein deutsches StartUp, das zu einer festen Größe wurde, im schnell wachsenden Markt des elektronischen Zahlungsverkehrs. Wenn Kunden an der Ladenkasse ihre Kreditkarte zücken, wenn sie im Internet einkaufen oder per Smartphone bezahlen, dann verdient Wirecard an jeder einzelnen Transaktion.

Aufstieg in den Dax

Im September 2018 verdrängte Wirecard die Commerzbank aus dem DAX 30. Damals lag der Aktienkurs bei fast 200 Euro. Im Nachhinein fragt man sich, warum die Banken und Sparkassen beim digitalen Bezahlen bislang nur hinterherlaufen.

Der bisherige Mann an der Spitze

18 Jahre lang stand ein Mann an der Spitze von Wirecard, der immer noch der größte Aktionär ist: Markus Braun. Für viele war der 51-jährige Österreicher ein strategisch denkender Visionär, unnahbar, etwas entrückt, abgehoben. Im Chefsessel sitzt er jetzt nicht mehr, aber er bleibt mit einem Aktienanteil von zuletzt sieben Prozent der größte Aktionär von Wirecard. Mehr als 600 Millionen Euro soll der 51-jährige Österreicher durch den Kurssturz der vergangenen zwei Tage verloren haben.

Gleichzeitig wurde in den vergangenen Monaten immer deutlicher, dass Wirecard zwar technologisch und geschäftlich immer noch auf der Erfolgsspur war, dass die Chefetage aber bei anderen wichtigen Themen, allen voran bei der Krisenkommunikation, komplett versagte. Heute nun trat Vorstandsvorsitzender Markus Braun mit sofortiger Wirkung zurück. Der US-Manager James Fries übernahm die Firmengeschäfte.

Manipulationsvorwürfe locken Spekulanten

Zum Verhängnis wurde dem Konzern letztlich die Zusammenarbeit mit Partnerfirmen in Ländern, in denen der Zahlungsdienstleister keine eigene Lizenz besitzt. Andere Player in diesem Markt betonen, wie wichtig es sei, dass das Geld der Transaktionen nur über ihre eigene Plattform fließt.

Statt die immer neuen Vorwürfe über manipulierte Umsätze zu entkräften, wurden die recherchierten Geschichten über Scheinfirmen, Treuhänder und dubiose Mittelsmänner von Woche zu Woche haarsträubender. Die immer neuen Ungereimtheiten waren der beste Treibstoff für spekulative Fonds, die an schlechten Nachrichten und fallenden Aktienkursen Geld verdienen.

Die neuesten Zahlen belegen, dass solche Kurswetten in den vergangenen Tagen zugenommen haben. Ein großer Teil des Aktienhandels mit dem Wirecard-Papier wurde also von solchen spekulativen Geschäften dominiert. Durch den dramatischen Kursverfall ist Wirecard nun zum Übernahmekandidaten geworden.

Brauns Nachfolger ist Spezialist für Wirtschaftsverbrechen

Brauns Nachfolger wird nun der US-Anwalt James Freis, ein Spezialist für Wirtschaftsverbrechen. Einige Jahre hat er für das US-Finanzministerium gearbeitet. Genau wie der Chef des Aufsichtsrates Thomas Eichelmann gehörte auch James Freis zum Vorstand der Deutschen Börse. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, Eichelmann wolle retten, was noch zu retten ist – es gehe nicht zuletzt auch um den Ruf des Finanzplatzes Deutschland.

Wirecard sei in konstruktiven Gesprächen mit den kreditgebenden Banken, hieß es heute in Aschheim. Eingeschaltet in den Bilanzskandal wurde inzwischen auch die Zentralbank der Philippinen; es geht um 1,9 Milliarden Euro auf zwei Konten. Im Mittelpunkt stehen zwei asiatische Banken und ein Treuhänder, der allerdings erst seit Ende vergangenen Jahres für Wirecard tätig ist. Die Chefetage wiederholte ihren Verdacht, der Zahlungsdienstleister sei zum Opfer eines gigantischen Betrugs geworden. Spekulative Fonds konnten seit der Wochenmitte am Kursverfall der Wirecard-Aktie viel Geld verdienen. Die neuesten Zahlen belegen, dass solche spekulativen Börsengeschäfte in den vergangenen Tagen zugenommen haben.

© BR

Angesichts des Desasters mit fehlendem Jahresabschluss, Börsen-Absturz und Chef-Rücktritt müsse Wirecard jetzt alles auf den Tisch legen. So die Rechtsanwältin Daniela Bergdolt der Rundschau.

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