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Wirecard-Pleite: Welle von Schadenersatzklagen | BR24

© BR / dpa-Bildfunk / Peter Kneffel

Wirecard-Pleite: Welle von Schadenersatzklagen

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    Wirecard-Pleite: Welle von Schadenersatzklagen

    Durch die Insolvenz von Wirecard haben Aktionäre viele Milliarden Euro verloren. Ihre Anwälte wollen nun die Wirecard-Wirtschaftsprüfer EY, die staatliche Finanzaufsicht BaFin und Banken in die Haftung nehmen.

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    Von
    • Lisa Wurscher

    Henning Nürnberg verklagt seine ehemalige Hausbank, weil er auf Rat seines Anlageberaters in hochspekulative Wirecard-Zertifikate investiert hat: "Ich habe der Bank einfach mit ihren Anlagetipps und Empfehlungen vertraut."

    Bank empfiehlt Kauf von Wirecard-Zertifikaten

    Die Empfehlung zum Kauf der riskanten Papiere ist im Mai 2019 erfolgt. Was der Medien- und PR-Berater aus Erlangen nicht wusste: Zu diesem Zeitpunkt warnt die nationale und internationale Wirtschaftspresse längst vor Unregelmäßigkeiten in den Wirecard-Bilanzen. Dazu Henning Nürnberg: "Ich habe davon nichts mitbekommen. Ich habe mich damit auch nicht beschäftigt. Hätte ich diese Informationen gehabt, dann wäre ich sicherlich skeptisch gewesen und hätte mich eher nicht für den Kauf des Zertifikates entschieden."

    Henning Nürnberg fordert deshalb gut 22.000 Euro Schadenersatz von seiner Hausbank und lässt sich dabei von Alice D. Wotsch, Fachanwältin für Bank- und Kapitalmarktrecht in München vertreten. Er ist bei weitem nicht ihr einziger Mandant mit Verlusten aus Wirecard-Zertifikaten. "Die Banken haben offensichtlich nichts aus der Lehman-Krise gelernt", vermutet die Juristin und räumt den Klagen gute Erfolgschancen ein.

    Bankenverband: Anlageberatung hat sich verändert

    Nach der Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 haben deutsche Anleger rund eine Milliarde Euro durch Lehman-Zertifikate verloren. Einigen Klägern haben die Gerichte inzwischen Schadenersatz wegen Falschberatung zugesprochen.

    Der Bundesverband Deutscher Banken hingegen hält die Fälle Lehman und Wirecard für nicht vergleichbar. Ein Sprecher teilt Plusminus schriftlich mit: "Die Welt in der Anlageberatung ist heute eine ganz andere als vor 10 Jahren. Zum einen sind die bankinternen Prozesse deutlich stärker standardisiert, um die Möglichkeit individueller Fehler der Berater auszuschließen. Daneben haben Banken zahlreiche neue Aufklärungs- und Informationsmaterialien in die Beratung integriert, um Anleger besser zu informieren und zu schützen. In der Geeignetheitserklärung (früher: Beratungsprotokoll) begründet die Bank nachvollziehbar ihre Anlageempfehlung. In kurzen Produktinformationsblättern werden Funktionsweise und Risiken des Produkts beschrieben."

    Wirecard-Aktionäre fühlen sich betrogen

    "Mein Mann und ich fühlen uns eindeutig betrogen", sagt Martina Wittkämper aus Mönchengladbach. Das Ehepaar hat dem Geschäftsmodell des scheinbar erfolgreichen DAX-Unternehmens Wirecard vertraut. Bilanzfälschung im ganz großen Stil – mit so einem Vorwurf hätten sie niemals gerechnet.

    Nach der Pleite des Zahlungsdienstleisters sind ihre Aktien nur noch Cent-Beträge wert und rund 28.000 Euro weg. Dazu Martina Wittkämper: "Mir ist schon bewusst, dass man mit Aktien viel Geld verlieren kann. Das ist ja immer ein spekulatives Geschäft, aber dass es im Deutschen Aktienindex möglich ist, dass solche Bilanzskandale auftauchen – also das war für mich unglaublich. Das war unvorstellbar, eigentlich nicht möglich."

    Sammelklage gegen die staatliche Finanzaufsicht BaFin

    Im Insolvenzverfahren gegen die Wirecard AG wird nicht mehr viel zu holen sein, vermutet sie und will sich deshalb auch einer Sammelklage gegen die staatliche Finanzaufsicht BaFin anschließen, die trotz diverser Betrugshinweise nicht gegen Wirecard ermittelt hat.

    Hoffnung macht ihr ein Gutachten, das die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger bei Rechtsprofessor Moritz Renner von der Universität Mannheim in Auftrag gegeben hat. Das Fazit: "Das Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass sowohl eine Haftung der BaFin als auch ein Staatshaftungsanspruch gegen die Bundesrepublik Deutschland bestehen kann."

    Prozesskostenfinanzierung mindert finanzielles Risiko

    Die Suche nach Verantwortlichen, die für den Milliarden-Verlust der Anleger gerade stehen müssen, ist auch ein enormes Geschäft für Rechtsanwälte. Einige werben sogar mit bezahlten Internet-Anzeigen um Mandanten. Dazu Martina Wittkämper: "Wir haben uns eine Kanzlei gesucht, die eine Prozesskostenfinanzierung hat. D.h. wir müssen also nur im Erfolgsfall ein Honorar zahlen. So bleibt das Risiko für uns relativ gering."

    Werbung hat die Kanzlei Tilp aus Kirchentellingsfurt bei Tübingen nicht nötig. Die Spezialisten für Bank- und Kapitalmarktrecht beschäftigen sich bereits seit Mai mit dem Fall Wirecard und konnten einen Prozesskostenfinanzierer von ihren Erfolgsaussichten überzeugen.

    Musterklage gegen Wirtschaftsprüfer Ernst & Young

    Mit einer Musterklage möchte der Fachanwalt für Banken– und Kapitalmarktrecht, Maximilian Weiss, die Wirtschaftsprüfer von Wirecard in Haftung nehmen. Der Vorwurf: Die Ernst & Young GmbH habe bis 2018 gefälschte Bilanzen abgesegnet. Trotz der für Wirtschaftsprüfer gesetzlich begrenzten Haftung, sieht Weiss gute Chancen: "Die Haftungsbegrenzung in Höhe von vier Millionen Euro gilt nicht gegenüber Anlegern. Anleger müssen allerdings den Vorsatz der Wirtschaftsprüfer nachweisen. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs kann ein Wirtschaftsprüfer allerdings bereits dann vorsätzlich handeln, wenn er seine Aufgabe nachlässig erledigt."

    Bis jetzt haben sich bei der Tilp GmbH 80.000 Geschädigte gemeldet. Einer von ihnen ist Rentner Rupert Manghard, der - wie die meisten Mandanten hier - mit Wirecard-Aktien Geld verloren hat und nun Schadenersatz will: "Ich bin eigentlich ein ruhiger, friedlicher Mensch und hätte mir das vor zwei Jahren überhaupt nicht vorstellen können, dass ich noch mal in meinem Leben einen Anwalt bemühe und bemühen muss – aber mir ist unbegreiflich, dass Ernst & Young jahrelang die Bilanzen testiert hat."

    "Einige Rechtsanwaltskanzleien zu optimistisch"

    Professor Hansrudi Lenz vom Lehrstuhl für BWL, Wirtschaftsprüfungs- und Beratungswesen an der Universität Würzburg hat sich intensiv mit dem Wirecard-Skandal auseinandergesetzt. Er ist skeptisch, ob es gelingen wird, Wirtschaftsprüfer und staatliche Finanzaufsicht dafür verantwortlich zu machen, dass sie den Milliarden-Betrug nicht gestoppt haben: "Was die Erfolgswahrscheinlichkeit dieser Klagen betrifft, das ist schwierig einzuschätzen, weil die Hürden sehr hoch sind. Einige Rechtsanwaltskanzleien, die jetzt die Kläger organisieren, beurteilen die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Klage meines Erachtens zu optimistisch."

    Der Ausgang dieser Prozesse ist ungewiss. Sicher ist nur, dass auf deutsche Gerichte eine weitere Klagewelle zurollt.

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