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Wirecard: Der nicht ganz überraschende Sturz eines Dax-Konzerns | BR24

© dpa picture alliance / Peter Kneffel

Wirecard meldet Insolvenz an - nachdem erneut keine Bilanzdaten für 2019 vorgelegt werden konnten

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    Wirecard: Der nicht ganz überraschende Sturz eines Dax-Konzerns

    Es ist der vorläufige Höhepunkt eines Absturzes mit Ansage: die Insolvenzanmeldung bei Wirecard. Schon seit längerem gab es den Verdacht, dass mit den Bilanzen etwas nicht stimmt. Jetzt ging es aber Schlag auf Schlag direkt ins Aus. Eine Chronologie.

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    Es könnte der Anfang vom Ende zu sein. Der Vorstand des Zahlungsdienstleisters Wirecard hat beschlossen, dass der Zahlungsdienstleister Insolvenz anmelden muss. Er begründet den Schritt mit "drohender Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung". Im Mittelpunkt stehen dabei 1,9 Milliarden Euro, die angeblich auf Treuhandkonten in Asien hätten liegen sollen – aber wohl gar nicht existiert haben.

    Seit geplatzter Bilanzvorstellung geht es bei Wirecard steil bergab

    Seit einer Woche häufen sich die Schlagzeilen zu Wirecard wieder. Es begann mit der erneut verschobenen Veröffentlichung der Bilanz für 2019. Die Bilanzprüfer weigerten sich die Unterlagen zu testieren, wie es in der Fachsprache heißt, also abzuzeichnen, dass die angegebenen Zahlen auch wirklich stimmen. Sie konnten keine plausiblen Belege dafür finden, dass es Konten in Asien gibt, auf denen fast zwei Milliarden Euro liegen sollten.

    Danach kam der Haftbefehl für den abgesetzten Vorstandschef Markus Braun, dessen Verhaftung und Freilassung auf Kaution. Die Staatsanwaltschaft hat den Verdacht, dass er Bilanzen gefälscht und Kurse manipuliert haben könnte. Braun hatte den erst 1999 gegründeten Konzern 2002 als Chef übernommen und war maßgeblich für den jetzt offenbar nur vermeintlichen Erfolg verantwortlich – samt rasanter Aufnahme in den Aktienindex Dax im Jahr 2018.

    Der Anfang: Wirecard-Erfolg im Stil vom Silicon Valley

    Wirecard ist eines von wenigen deutschen Unternehmen, das im Internet so richtig erfolgreich war. Ein Hauch von Silicon Valley in einem Gewerbegebiet in Aschheim bei München. Von der Gründung als Startup bis zum Aufstieg in den Dax vergehen nur wenige Jahre, doch zum Technologie-Wunder im Stil der amerikanischen Westküste gehören auch Skandale und Wild-West-Methoden. Gerüchte um Insiderhandel und Bilanzfälschungen umwehen Wirecard schon länger. Der Zahlungsdienstleister selbst sieht sich als Opfer einer Kampagne.

    Das Geschäftsmodell von Wirecard

    Zahlungsdienstleister wie Wirecard verdienen an der Herausgabe und der technischen Abwicklung von Kreditkarten und durch die Abwicklung der Zahlung für den Händler. Das Unternehmen hat eine Banklizenz und darf deshalb auch Kreditkarten und Konten anbieten. Hauptsächlich tritt Wirecard als Bürge zwischen Käufern, die mit Kreditkarte zahlen und Händlern auf. Die Kreditkartengesellschaft überweist das Geld später an den Zahlungsdienstleister, der dann eine Gebühr einbehält und den Rest an den Händler überweist. Mit ihrer Technik verringern Unternehmen wie Wirecard also Transaktionsrisiken im weltweiten Handel. Grundsätzlich ein Wachstumsmarkt, der in der Corona-Krise nochmals einen Schub bekommt, weil der Online-Handel boomt.

    Nur wenige deutsche Unternehmen spielten bisher in der Welt der Digitalwirtschaft auf Augenhöhe mit Unternehmen aus dem amerikanischen Silicon Valley oder dem chinesischen Perlfluss-Delta. Die Wirecard-Software ist so erfolgreich, dass das Unternehmen innerhalb weniger Jahre den Sprung in den Dax zu den dreißig wichtigsten börsennotierten deutschen Unternehmen geschafft hat. Vorübergehend war Wirecard auch mal fast so viel wert wie die Deutsche Bank.

    Wirecard-Aufstieg begleitet von Skandalen

    Seit 2002 lenkte der Wirtschaftsinformatiker Markus Braun die Geschicke von Wirecard. Mit der Aufnahme in den Technologie-Index TecDax startete 2006 die globale Expansion des jungen Unternehmens. Doch der weltweite Siegeszug war begleitet von mehreren Skandalen, die immer wieder zu starken Schwankungen des Aktienkurses führten. Im Raum standen Vorwürfe bezüglich der Bilanzierungspraxis. Sie sei in Teilen falsch oder irreführend, beziehungsweise intransparent.

    Anleger warten seit Monaten auf endgültige Zahlen

    Immer wieder legte Wirecard die Präsentation seiner endgültigen Jahreszahlen für 2019 auf ein späteres Datum. Im April hatte das Unternehmen Quartalszahlen für 2020 präsentiert. Die waren zwar positiv, aber doch niedriger als Analysten prognostiziert hatten. Plus 700,2 Millionen Euro, rund 24 Prozent mehr als im Vorjahr, doch Beobachter hatten 27 Prozent erwartet. Wirecard hatte dies auf coronabedingte Ausfälle seiner Airline- und Touristikkunden zurückgeführt.

    Sonderprüfung, Führungsumbau, Schadensersatzklage

    Kritische Berichte über die Bilanzen verfolgen das Unternehmen schon seit Monaten. Investoren sind deshalb verunsichert. Im Herbst 2019 gab das Wirecard-Management eine Sonderprüfung seiner Geschäftstätigkeit durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG in Auftrag. Die Prüfer fanden zwar keine Anhaltspunkte für eine Manipulation der Bilanz, konnten die Vorwürfe aber auch nicht vollständig entkräften. Mit negativen Folgen für Wirecard.

    Denn darauf hin schaltete sich die Bafin ein. Die Finanzaufsichtsbehörde untersuchte den KPMG-Sonderprüfungsbericht unter anderem darauf, ob Wirecard möglicherweise veröffentlichungspflichtige Informationen zurückgehalten oder darüber falsch informiert hat.

    Strafanzeige und Razzia beim Vorstand

    Anfang Juni stand dann tatsächlich die Staatsanwaltschaft vor der Tür von Wirecard. Die Finanzaufsicht hatte Anzeige erstattet, weil sie eine Marktmanipulation vermutete: Eine Täuschung der Anleger durch irreführende Signale. Der Vorstand von Wirecard habe durch Ad-Hoc-Mitteilungen im März und April die internen Untersuchungen durch die Wirtschaftsprüfer von KMPG verharmlosen wollen, so der Vorwurf der Bafin.

    Wirecard hatte in den Mitteilungen unter anderem geschrieben, KPMG habe keine Auffälligkeiten gefunden, eine Aussage, die nach Verständnis der Bafin irreführend war. Denn in seinem Abschlussbericht hatte KMPG später mitgeteilt, dass die Prüfer bei wesentlichen Fragen zu keinem Ergebnis gekommen seien, weil Wirecard ihnen wichtige Unterlagen nicht rechtzeitig habe vorlegen können.

    Das Unternehmen bestätigte die Durchsuchung durch Ermittlungsbehörden in einer erneuten Ad-Hoc-Mitteilung und kündigte an, umfassend kooperieren zu wollen. Auch private Anleger klagen nun wegen angeblich fehlerhafter Kommunikation gegen Wirecard.

    Vorstands-Chef Markus Braun schon länger in der Kritik

    Seit einiger Zeit schon stand der Mann, der das Unternehmen seit rund 20 Jahren leitet, in der Kritik: Markus Braun, Chef des Vorstands und gleichzeitig größter Aktionär des Unternehmens. Kritiker warfen ihm immer wieder vor, mindestens zu polarisieren, wenn nicht sogar schädlich auf das Image des Konzerns zu wirken.

    Braun leitet das Unternehmen seit 2002, machte Wirecard vom aufstrebenden FinTech-Unternehmen zu einer der 30 wertvollsten Firmen der deutschen Börse. Doch seine Methoden seien einem Dax-Konzern nicht mehr angemessen, hieß es immer wieder. Allein die Praxis, als Vorstand gleichzeitig rund sieben Prozent der Konzernaktien zu halten, ist umstritten.

    Dazu noch die Ermittlungen der Bafin und die Ungereimtheiten in den letzten Jahren. Wie mehrere Presseagenturen meldeten, empfahlen einige Händler dem Konzern, ihr Führungspersonal auszutauschen, um die Wogen etwas zu glätten. Bereits im Mai hatte der Konzern den Vorstand umgebaut und Brauns Macht eingeschränkt, so musste er zum Beispiel die Kommunikation mit den Investoren abgeben.

    Vor kurzem hatte Braun noch gemeldet, dass der Konzern an seiner Prognose für den Betriebsgewinn im Jahr 2020 festhalten wolle. Dieser werde zwischen 1,0 und 1,12 Milliarden Euro liegen. Dann musste Braun gehen, ein Haftbefehl gegen ihn wurde erlassen - und jetzt sieht auch die Situation bei Wirecard vollständig anders aus: Das Dax-Unternehmen hat einen Insolvenz-Antrag gestellt.

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