BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Wildtiere in der Stadt – Wer haftet, wenn das Wildschwein beißt? | BR24

© BR / dpa-Bildfunk, Ingolf König-Jablonski

Immer wieder kommt es zu Begegnungen zwischen Mensch und Wildtier, bei denen dem Menschen ein Schaden entsteht. Wer haftet für diesen Schaden?

Per Mail sharen

    Wildtiere in der Stadt – Wer haftet, wenn das Wildschwein beißt?

    Dass Mensch und Wildtier einander immer öfter in die Quere kommen, ist keine Neuigkeit. Und doch überrascht es immer wieder, wie clever manche Tiere sind. Und manchmal geht auch etwas zu Bruch. Wer zahlt in solchen Fällen den Schaden?

    Per Mail sharen

    Da gibt es beispielsweise dieses Bild aus Berlin: Ein nackter Mann rennt einer Wildsau und ihren zwei Frischlingen hinterher – drumherum sitzen Badegäste und belächeln die Szenerie. Die Geschichte dahinter: Das Schwein war über den Teufelssee ans Ufer gekommen und hat die Laptoptasche des Mannes geklaut.

    © tagesspiegel.de

    Verfolgungsjagd in Berlin-Grunewald: Nackter Mann jagt Wildschwein am Teufelssee.

    Landleben: Tür an Tür mit Wildtieren

    Besuch in einer ländlichen Idylle: Anja Winkler muss selbst lachen, wenn sie ihre Gartentür öffnet. Der Griff ist so marode, dass selbst ihre einjährige Enkeltochter einfach die Tür aufziehen und nach draußen laufen kann. Und dort beginnt die Natur. Der Lebensraum der Wildtiere.

    "Wir haben eigentlich so gut wie alles. Also wir haben Fledermäuse, Füchse, Wildschweine sehr viel. Waschbären, Ratten, Maulwürfe, Wühlmäuse. Also wir sind hier sehr gut versorgt mit Getier, was man eigentlich im Haus zum Beispiel nicht haben möchte.“ Anja Winkler

    Und wenn sie doch mal ins Haus kommen? Bei Winklers in der Nachbarschaft haben Wildschweine neulich den Rasen umgepflügt. Eine Riesensauerei und sehr ärgerlich war das. Bei anderen Nachbarn wohnte lange Zeit ein Marder im Gebälk und Winklers hatten schon öfter Ärger mit Waschbären. Wer kommt eigentlich für solche Schäden auf?

    Bei Schäden kommt es auf den Einzelfall an

    Wenn der Rechtsanwalt Peter Greeske diese Frage hört, muss er erstmal tief Luft holen. Denn es kommt immer auf den ganz konkreten Einzelfall an. Greeske ist ein leidenschaftlicher Jäger – schon seit über vierzig Jahren. Und fast genauso lang arbeitet er auch als Rechtsanwalt. Irgendwie logisch, dass der 75-Jährige auch der Justiziar des bayerischen Jagdverbands ist. Greeske sagt, es gebe nicht die eine Art Begegnungsfall von Mensch und Wildtier. Entsprechend gibt es auch nicht die eine Haftungspflicht. Man könne nur nach Besitzverhältnissen fragen. Und damit wird es schon kompliziert:

    "Die Wildtiere sind nun einmal wild. Sie stehen von Gesetzes Wegen in niemandes Eigentum und darum ist für den Wildschaden der Jäger nur verantwortlich – soweit ein Wildschaden im Revier stattfindet, dort wo die Jagd stattfinden kann. Aber in den innerörtlichen Bereichen ruht die Jagd – und dort ist der Jäger nicht verantwortlich." Peter Greeske, Jäger und Rechtsanwalt

    Kein Versicherungsschutz

    Also: Wildtiere gehören niemandem, auch nicht dem Jäger. Kommt dann die Versicherung für von Wildschweinen umgepflügten Rasen, von Mardern zerbissene Kabel oder vom Fuchs gestohlene Hühner auf. Nein, heißt es vom Bund der Versicherten, man kann sich nicht gegen alles versichern lassen.

    "Das Problem ist erst in den letzten 20, 30 Jahren aufgetreten. Die Versicherungswirtschaft ist darauf noch nicht ganz gekommen. Aber das ist auch ein schwer versicherbares Risiko. Der Versicherungsgedanke beruht ja darauf, dass man eine Solidargemeinschaft fassen muss und dann dort gleichartig auftretende Risiken ausgleichen kann." Peter Greeske, Jäger und Rechtsanwalt

    Mieter sind in der Verantwortung

    Soll heißen: Wenn die Elster etwas klaut, ist der Schaden ein ganz anderer, als wenn der Fuchs die Gans stiehlt oder – Gott bewahre – wenn Rotkäppchen auf den bösen Wolf trifft. Deswegen gibt es kein berechenbares Versicherungsrisiko. Wenn also weder der Förster noch eine Versicherung für den Schaden aufkommen, dann womöglich der Vermieter? Nur in bestimmten Fällen.

    "Also der Mieter ist für sein Eigentum verantwortlich und der Vermieter für sein Eigentum. Der Vermieter ist verpflichtet, dem Mieter das Mieten der Wohnung zu gewährleisten, und zwar so, dass es störungsfrei passieren kann. Eben auch üblicherweise frei davon, dass man von Wildtieren dort beeinträchtigt wird. Und soweit der Vermieter das vermeiden kann, muss er das machen. Und der Mieter muss alles vermeiden, was Wildtiere anlocken könnte."Peter Greeske, Jäger und Rechtsanwalt

    Wenn etwa der Mieter jeden Abend das Katzenfutter auf die Terrasse stellt, dann kann er sich nicht beim Vermieter beschweren. Bevor es zu Streitigkeiten kommt, rät Greeske ohnehin dazu, sich beim Landesjagdverband oder bei der Gemeinde zu erkundigen. Meistens ist man nämlich nicht allein mit seinem Problem.

    Manchmal kann man niemanden für Schäden verantwortlich machen

    Das hat auch Anja Winkler herausgefunden. Kurz vor dem Wildschweinvorfall bei der Nachbarin hatten sie und ihr Mann eines nachts ein "Jammern" gehört. Sie gingen – bewaffnet mit einem Stock – in den dunklen Garten. Das Jammern und Weinen kam von den Mülltonnen.

    "Wir haben gedacht: Hier weint ein Kind. Hier ist doch ein Kind. Und dann haben wir gesehen, dass in der Mülltonne ein Waschbär war, der war da offensichtlich reingeklettert und dann war der Deckel zugefallen. Und dann haben wir die Mülltonne aufgemacht und einen Besenstiel reingestellt. Und daran ist der rausgeklettert und am nächsten Morgen war er weg." Anja Winkler

    Peter Greeske hebt solche Begegnungen zwischen Mensch und Tier auf eine geradezu philosophische Ebene.

    "Wie immer sind die Verhältnisse ambivalent zu beurteilen. Und dass es ein friedliches Zusammenleben aller Lebewesen gibt, das ist eine lebensfremde Illusion. Der Mensch muss gelegentlich auch Schäden hinnehmen, ohne dass er jemanden dafür verantwortlich machen kann – und das ist Natur." Peter Greeske, Jäger und Rechtsanwalt

    Der arme Mann am Teufelssee hat übrigens gegen die Natur obsiegt. Am Ende konnte er seine Tasche samt Laptop zurückerobern. Die Diebin und ihr Nachwuchs wurden in die Flucht geschlagen.