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Wasserstoff-LKW

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Wie weit ist der grüne Wasserstoff in Bayern?

Er gilt als große Hoffnung in der Energiewende: der grüne Wasserstoff. Von Politikern oft gelobt und von Firmen händeringend gebraucht. Doch wo stehen wir in Bayern? Wo wird grüner Wasserstoff schon produziert und eingesetzt? Und wo gibt es Probleme?

In den grünen Wasserstoff wird viel Hoffnung gesetzt - von Politikern, aber auch von Firmen. Die großen Player am Markt starten immer mehr Projekte mit grünem Wasserstoff. Eine ganze Branche ist in Bewegung. In Zeiten der Energiekrise kommt ihm eine Schlüsselrolle zu.

Wasserstoff als Haupttreibstoff der Energiewende

Einer, der sich schon seit vielen Jahren mit Wasserstoff und erneuerbaren Energien beschäftigt, ist Michael Sterner. Der Professor für Energiespeicher und Energiesystem an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg erklärt: "Wir brauchen die erneuerbaren Energien und den Wasserstoff für die Versorgungssicherheit, für die Preisstabilität und eben auch für den Klimaschutz." In richtig großen Mengen bräuchte man ihn alleine in der Industrie. "Im Verkehr brauchen wir ihn für Flugzeuge, Schiffe und Schwerlast-Lkw, aber auch teilweise als E-Fuels im Pkw für den Bestand an Verbrennern, die wir haben. Im Stromsektor brauchen wir ihn als Lückenfüller. In der Wärme brauchen wir ihn weniger."

Wasserstoff-LKW von bayerischer Firma

Der Wasserstoff-LKW der Firma Paul Nutzfahrzeuge aus Vilshofen in Niederbayern ist schon marktreif. Nach ihren Angaben ist es der erste Brennstoffzellen Wasserstoff-LKW in Deutschland. Die ersten werden seit Jahresbeginn an Kunden ausgeliefert. Geschäftsführer Bernhard Wasner spricht von einer großen Nachfrage bei Logistikern, aber auch Baufirmen. Der erste Wasserstoff-Lkw fährt künftig für den Energieversorger Maier-Korduletsch in der Region Passau. Das Fahrzeug soll im Umkreis von 150 Kilometern verpackte Schmierstoffe ausfahren. Auch die DHL ist Kunde.

Maier-Korduletsch baut auf dem eigenen Gelände in Passau-Sperrwies die erste Wasserstoff-Tankstelle für Nutzfahrzeuge. Eine Vollbetankung soll dann in ungefähr zehn Minuten möglich sein.

Die Infrastruktur ist genau der Knackpunkt, erläutert Bernhard Wasner: "Wir brauchen ein flächendeckendes Netz. Wir haben jetzt auch viel gesprochen mit angrenzenden Ländern wie Österreich, der OMV, der Verbund AG. Und es ist schon abzusehen, dass man jetzt zum Beispiel die Ecke von Wien quer durch Bayern nimmt: Da entsteht jetzt schon alle hundert Kilometer eine Nutzfahrzeuge-Wasserstofftankstelle." Er könne sich gut vorstellen, dass man in ein, zwei Jahren von Wien bis nach Frankfurt "wahrscheinlich lückenlos ein Netz hat, das man auch nutzen kann".

95 Prozent des Wasserstoffs ist nicht CO2-neutral

Professor Sterner beschreibt Wasserstoff als den Haupttreibstoff der Energiewende. Er biete viele Vorteile und die Industrie habe das schon lange erkannt. Sie nutzt Wasserstoff seit Jahrzehnten in der Petrochemie - vor allem bei der Ölraffination, der Herstellung von Ammoniak für Düngemittel sowie bei der Produktion von Methanol und Stahl. Doch dort kommt zumeist grauer Wasserstoff zum Einsatz. Das heißt, bei der Herstellung wird er überwiegend aus fossilem Erdgas gewonnen. In Zahlen: 95 Prozent des weltweit genutzten Wasserstoffs ist grau und damit nicht CO2-neutral.

Der Anteil von grünem Wasserstoff an der weltweiten Wasserstoffproduktion liegt im Moment bei einem Prozent. Politiker, Experten und Industrie sind sich einig: Um die CO2-Neutralität zu erreichen, muss sich das ändern.

Neue Wasserstoffprojekte in ganz Bayern

In ganz Bayern und Deutschland entstehen gerade viele Wasserstoffprojekte. Seit September steht im oberfränkischen Wunsiedel ein Wasserstoffelektrolyseur mit einer Leistung von 8,5 Megawatt. Zum Vergleich: Windenergieanlagen haben eine Leistung von drei bis neun Megawatt und Atomkraftwerke ungefähr eine Leistung von einem Gigawatt.

Der Geschäftsführer der Stadtwerke, Marko Krasser, arbeitet seit vielen Jahren an der lokalen Energiewende. Der hier produzierte grüne Wasserstof, "geht einmal in die Industrie, um industrielle Prozesse zu ermöglichen, die bisher auf grauen Wasserstoff setzen". Das mache die Firma Rießner-Gase. "Wir haben hier am Energiepark eine Wasserstoff-Pipeline. Wir haben wasserstofffähige BHKW‘s also", erklärt er und meint damit Blockheizkraftwerke. "Er geht auch in die Rückverstromung und er geht in die Mobilität. Also er bedient alle Sektoren - von der Industrie über die Mobilität bis hin zur Verstromung." Der grüne Wasserstoff aus Wunsiedel landet unter anderem in dem Wasserstoff-LKW der Firma Paul.

Diese "sexy Region", wie Ministerpräsident Markus Söder sie im September nannte, hat es aber ohne staatliche Hilfe geschafft, das auf die Beine zu stellen, was sich gerade viele Regionen in Deutschland wünschen. Ein CO2-neutrales Kreislaufsystem. Bei dem Elektrolyseur haben Siemens Energy, die Stadtwerke und das Lichtenfelser Gas-Unternehmen Rießner-Gase zusammengearbeitet. Die Kleinstadt hat sich immer unabhängiger von großen Energiekonzernen und fossilen Brennstoffen gemacht.

Probleme für den grünen Wasserstoff

Die Zeichen der Zeit sind also erkannt. Der Bund und auch das Land Bayern haben eine eigene Wasserstoffstrategie. Neue Projekte entstehen zum Beispiel in Pfeffenhausen oder in Neustadt an der Donau. Aber alle Gesprächspartner sagen immer wieder dasselbe: Es gebe zu viele Hürden der Politik, ob national oder auf EU-Ebene.

Und das merken jetzt auch die Verantwortlichen in Wunsiedel. Das Problem: Die Stromerzeuger, wie hier erneuerbare Energieanlagen, müssen gemäß Strompreisbremse sogenannte Übergewinne abführen. Selbst wenn wie hier gar keine Übergewinne erzielt werden. Das heißt aber für die Anbieter von erneuerbaren Energien, dass sie ihren Strom nicht günstig an die Elektrolyseanlage in Wunsiedel verkaufen können. Im schlimmsten Fall muss die Anlage bis zum Auslaufen der Strompreisbremse Ende April 2024 ihren Betrieb stoppen. So kann der grüne Wasserstoff bei der Energiewende nicht helfen.

Die Euphorie vom September ist verflogen. Fassungslosigkeit hat sich breitgemacht. Die Strompreisbremse der Bundesregierung sorgt hier für großes Unverständnis: Die Wasserstoffanlage steht still. Dem Geschäftsführer der Stadtwerke, Marko Krasser, steht die Bestürzung ins Gesicht geschrieben: "Also im Moment ist das Strompreisbremsegesetz mit seinen Auswirkungen ein Verhinderungsgesetz zum Hochlaufen einer lokalen Wasserstoff-Produktion."

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