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Wenn der Lohn nicht mehr zum Leben reicht | BR24

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Für viele Berufstätige bleibt es nicht bei einem Arbeitsplatz pro Tag

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    Wenn der Lohn nicht mehr zum Leben reicht

    Teilzeit, Minijob, befristeter Arbeitsvertrag und Flexibilität - das ist die Realität in der heutigen Jobwelt. Die Folge: Die Zahl derer, die mit einem Job nicht mehr über die Runden kommen, steigt - sogenannte Multijobber.

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    Kerstin Perry arbeitet 20 Stunden die Woche als Assistentin in einer radiologischen Praxis. Doch das reicht der Alleinerziehenden nicht zum Leben. Ein Zweitjob musste her, denn in der Arztpraxis aufstocken kann sie nicht.

    Täglich fährt die zweifache Mutter jetzt also von der Praxis 20 Kilometer zur Uniklinik Regensburg. Dort unterrichtet sie an der Berufsfachschule als freie Dozentin. Eine reizvolle Aufgabe - wenn die Umstände anders wären.

    "Die Arbeit mit den Schülern macht echt Spaß. Es ist klasse, wenn man sie weiterbringen kann. Problem ist halt die Pendlerei. Dass man immer guckt, dass man von der einen Arbeit pünktlich rauskommt, hier pünktlich ankommt, und einen spannenden Unterricht macht. Und dann muss ich trotzdem wieder pünktlich weg, weil die Kinder zu Hause warten." Kerstin Perry, Radiologie-Assistentin und freie Dozentin

    Zahl der Multijobber deutlich gestiegen

    Immer mehr Menschen in Bayern haben wie Kerstin Perry mehrere Jobs, weil einer nicht reicht. Die Zahl der Multijobber stieg nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit in den vergangenen zehn Jahren beständig an: von 427.000 (2007) auf mehr als 670.000 (2017). Das hat mehrere Gründe, erklärt Matthias Jena, Vorstandschef beim Deutschen Gewerkschaftsbund Bayern:

    "Zum einen liegt es daran, dass die Tarifbindung in den Unternehmen nachlässt. Das heißt, dass immer weniger Unternehmen nach Tarifvertrag bezahlen, sondern einfach weniger bezahlen. Zum anderen hängt es natürlich damit zusammen, dass insbesondere in den Ballungszentren die Mieten exorbitant gestiegen sind und viele Menschen es sich schlichtweg nicht mehr leisten können, von nur einem Job zu leben." Matthias Jena, Vorsitzender DGB Bayern

    In Gesundheitsberufen, aber auch im Einzelhandel, im Reinigungsgewerbe und in der Verkehrsbranche sind Mehrfachbeschäftigungen besonders verbreitet. Aber nicht immer handelt es sich um eine Teilzeit-Beschäftigung.

    Nebenjob trotz Vollzeitstelle

    In 380.000 Fällen sind Multijobber bei ihrem Hauptarbeitgeber vollzeitbeschäftigt - und haben trotzdem obendrauf noch einen Nebenjob. So wie Eike Balzar, 34 Jahre alt. Der Beamte im mittleren Dienst hat eine 40-Stunden-Woche bei der Stadt Augsburg. In seinem Zweitjob arbeitet er in einem Bekleidungsgeschäft an der Kasse. Ein Beamter als Multijobber - eher ungewöhnlich. Doch Eike möchte nicht bei jedem Kinobesuch überlegen, ob das drin ist.

    "Der finanzielle Spielraum ist natürlich mit einem Nebenjob noch mal größer. Es sind ungefähr 400 Euro im Monat, die ich da verdiene. Davon kann ich zum Beispiel den ganzen Monat Lebensmittel einkaufen." Eike Balzar, Beamter

    Um finanziell aufzusteigen, absolviert Eike eine Weiterbildung für den gehobenen Beamtendienst. Danach hat er 350 Euro im Monat mehr. Und bessere Aufstiegschancen. Seinen Nebenjob könnte er dann eigentlich aufgeben. Eigentlich...

    "Es ist ja viel mehr als nur ein Job. Man hat sein Umfeld, man hat seine Kollegen, an die man sich auch im Laufe der Jahre gewöhnt hat. Ich wurde auch schon gefragt, ob ich dann aufhöre oder ob ich auch nach dem Studium noch weitermachen würde. Aber wirklich entschieden habe ich mich jetzt noch nicht." Eike Balzar, Beamter

    Kerstin Perry hat inzwischen einen neuen Arbeitsplatz gefunden, bei dem sie 30 Wochenstunden arbeiten kann und mehr verdient. Außerdem braucht sie nur noch zehn Minuten zu ihrer Arbeit. Einen Zweitjob braucht sie da nicht mehr.

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    Von
    • Rachel Roudyani
    • Antonia Böhm
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