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Heute ist Weltfrauentag. Bei den Start-ups, also innovativen, wachstumsorientierten Unternehmen sind Frauen richtige Exoten. Aber auch bei anderen Firmengründungen sind sie in der Minderheit. Dafür gibt es viele Gründe. Doch jetzt holen sie auf.

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Unternehmensgründungen in Bayern: Frauen holen auf

Heute ist Weltfrauentag. Bei den Start-ups, also innovativen und wachstumsorientierten Unternehmen mischen Frauen seltener mit. Aber auch bei anderen Firmengründungen sind sie in der Minderheit. Dafür gibt es viele Gründe. Doch nun holen sie auf.

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Von
  • Karsten Böhne

Wenn Katrin Bauer sehen will, ob alles läuft, geht sie in den Keller. In ihrem Büro in Gauting bei München in einer ruhigen Gegend direkt neben einem Blumenladen und einer Physiotherapie-Praxis. Hier unten entstehen kulinarische Kunstwerke. An langen Edelstahltischen stehen acht Arbeiterinnen mit Haarnetz, Mundschutz und konzentriertem Blick. Vorsichtig nehmen sie Erdbeeren in die Hand und tauchen sie in Schokolade.

Mit den klassischen Schokobeeren vom Jahrmarkt haben die Produkte von frailice allerdings wenig zu tun. Weiße Schokolade mit Erikablüten, Pistazien und Kokosflocken - oder Erdbeeren mit Cranberry-Crunch, Chilifäden und getrockneten Kirschen. Hier entstehen High End-Luxusschokobeeren.

Einfach machen – Gründen ohne Vorkenntnisse

Vor ein paar Jahren wollte die 27-Jährige ihrer Mutter etwas Besonderes zum Muttertag schenken. Immer Blumen fand sie langweilig und machte sich auf die Suche nach Schokoerdbeeren. Doch sie fand nichts, was sie zufriedenstellte. Also entschied sie sich, den Snack einfach selbst herzustellen. Sie habe keinerlei Ausbildung in diesem Bereich, gibt Bauer selbst zu. Sie sei keine Konditorin oder ähnliches und habe sich das nötige Wissen selbst angeeignet.

"Ich wusste, dass ich das machen wollte, das ist vielleicht auch Typsache. Aber für mich war klar, ich mache das jetzt." Katrin Bauer, Gründerin frailice

Abenteuer Gründung – statt sicherem Job

Genauso entschlossen war die 31-jährige Gloria Seibert. Sie hat mit Mitte 20 Temedica gegründet - und dafür einen sicheren Job in einer Unternehmensberatung aufgegeben. Das Start-up entwickelt Apps zu medizinischen Themen. Eine dieser Apps soll bei Rückenschmerzen helfen. Eine andere leitet Interessierte beim Beckenbodentraining an, um so Inkontinenz zu vermeiden. Eine weitere App versorgt Übergewichtige mit Tipps und eine unterstützt Patienten mit Lip- oder Lymphödem.

Heute hat das Münchner Unternehmen, das nur einen Steinwurf von Google entfernt sitzt, über 70 Mitarbeiter.

"Ich habe für mich unglaublich viel Tolles herausgenommen aus dem Unternehmerinnen-Dasein. Wenn ich diesen Weg nicht eingeschlagen hätte, würde mir unglaublich viel abgehen." Gloria Seibert, Gründern Temedica
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Gloria Seibert, Gründerin von Temedica

Frauen sind bei Gründungen eher die Ausnahme

Dabei sind Seibert und Bauer eher eine Ausnahme. Von den gut 94.000 Neugründungen in Bayern im vergangenen Jahr entfielen nur 30 Prozent auf Frauen. Bei den Start-ups, also jungen, innovativen, technologieorientierten Firmen beträgt der Anteil der Gründerinnen gerade einmal knapp 16 Prozent.

Mint-Fächer sind Männersache

Aber woran liegt es, dass Frauen hier so zurückhaltend sind? Für Carsten Rudolph, den Leiter des Investorennetzwerks BayStartUP eine klare Sache. Häufig bewegen sich Start-ups im Technologiebereich und hier seien Frauen beim Studium unterrepräsentiert.

In den klassischen Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) sind Frauen immer noch in der Minderheit und müssen - meist immer noch - mehr Verantwortung in der Kindererziehung übernehmen. Als ein positives Beispiel nennt Rudolph hier Kinderbetreuung, die an Gründerzentren angeschlossen ist. Von reinen Gründerinnenzentren hält er allerdings nichts und spricht sich für gemischte Teams aus.

Kindererziehung und Pflege bleiben oft an den Frauen hängen

Doch auch in anderen Bereichen als den wachstumsorientierten Start-ups gründen weniger Frauen als Männer. Sicher ein Grund auch hier: Sehr oft bleibt die Erziehung von Kindern in einer Beziehung an den Frauen hängen. Und auch die Pflege von Angehörigen, etwa der Eltern, wird oft von Frauen übernommen. Dazu kommt: Sie seien oft vorsichtiger, manchmal fehle ihnen auch der Mut, beobachtet die Leiterin der Gründerinnenberatung "guide" in München, Bettina Wenzel. Und auch mit dem Thema Geld täten sich manche nicht leicht.

Wenn der Banker die Frau ignoriert

Als positiv würden Banker die "gute Zahlungsmoral" vieler Frauen einschätzen, so Wenzel. Doch noch immer komme es vor, dass Geldgeber bei einem gemischten Team eher mit Männern redeten, auch wenn eine Frau die eigentliche Gründerin sei.

Und das Thema Schwangerschaft sei bei Investoren natürlich auch im Hinterkopf, der Gedanke, was passiert, wenn die Gründerin in Elternzeit geht, so Rudolph. Was es Gründerinnen nicht leichter machen würde, an Geld für ihr Unternehmen zu kommen.

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Die Schokoerdbeeren von frailice sind kleine Kunstwerke

Gründerinnen holen auf

Doch im vergangenen Jahr haben Gründerinnen in Bayern etwas aufgeholt. Ihr Plus lag bei 7,8 Prozent, während die Zahl der Gründungen insgesamt nur um 5,6 Prozent nach oben ging. Ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt angespannt, steigt die Bereitschaft, sich selbstständig zu machen. Viele haben also nicht trotz, sondern wegen der Corona-Krise gegründet.

Und manche profitieren sogar von Corona, so wie "Temedica". Gesundheit wird immer wichtiger und wenn eine App hilft, Kontakte zu vermeiden, umso besser. Erst kürzlich hat Seiberts Unternehmen 17 Millionen Euro an Investorengeldern gesammelt, um weiter wachsen zu können. Im Herbst will Temedica dann zwei weitere Gesundheits-Apps auf den Markt bringen.

Unternehmensgründung – eine Menge Arbeit

Auch für Bauer lief das vergangene Jahr gut. Während der Corona-Pandemie verschicken die Menschen gerne kleine Aufmerksamkeiten an Freunde und Familie – das Geschäft bei frailice boomt. Doch bis dahin war es ein langer Weg.

Eine der größten Herausforderungen für Bauer, neben dem Entwickeln und Produzieren der Köstlichkeiten, war es, die Schokoerdbeeren unbeschadet zu verschicken. Nach vielen Versuchen mit "katastrophalem Ergebnis", wie sie sagt, blieben die Beeren irgendwann heil – ein Riesenerfolg. Dann: Onlineshop erstellen, Marke entwickeln, GmbH gründen, Geschäftsräume finden - all das war eine Menge Arbeit. Mitte 2019 war alles fertig. Mittlerweile verschickt sie pro Tag 150 bis 180 Bestellungen, auf Vollzeitstellen umgerechnet hat sie inzwischen 18 Mitarbeiter.

Mit Schokoerdbeeren auf Wachstumskurs

Und sie will weiter wachsen, irgendwann in eine größere Produktion ziehen, vielleicht eigene Geschäfte eröffnen. Vor ein paar Jahren sei sie noch oft belächelt worden. Eine junge Frau, blond, die Schokoerdbeeren verschickt. Das haben zu Beginn wohl viele nicht ernst genommen. Aber heute werde es ganz schnell still im Raum, sagt Bauer, wenn sie erzähle wie gut das Geschäft mittlerweile laufe.

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