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Wegen Kurzarbeit: Zahl der Hartz-IV-Aufstocker steigt drastisch | BR24

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Viele Arbeitnehmer erhalten derzeit Kurzarbeitergeld. Zehntausende von ihnen sehen sich gezwungen, zusätzlich Hartz-IV zu beantragen. Der Grund: Sie arbeiten im Niedriglohnsektor. Das daraus resultierende Kurzarbeitergeld reicht nicht zum Leben.

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Wegen Kurzarbeit: Zahl der Hartz-IV-Aufstocker steigt drastisch

Bayern ist das Land mit den meisten Kurzarbeitern. Das ergab eine Umfrage des Münchner ifo-Instituts. Gleichzeitig müssen immer mehr Menschen trotz Job Hartz IV beantragen. Der Grund: Für viele reicht das Kurzarbeitergeld nicht zum Leben aus.

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Eigentlich hat Christian Elflein noch Glück. Er weiß, dass es einige Menschen gibt, denen es momentan finanziell noch schlechter geht. Beim Blick auf seinen Kontostand wird ihm dennoch ganz anders. "Monatlich muss ich mein Konto überziehen – leider. Es hilft nichts. Die Ausgaben bleiben gleich, die Einnahmen werden weniger und so geht das Monat für Monat", sagt Elflein.

Wegen Kurzarbeit nur noch 67 Prozent des Gehalts

Er ist Kfz-Mechatroniker und arbeitet Vollzeit in einer Werkstatt in München mit ungefähr 25 Mitarbeitern. Normalerweise verdient er knapp 1.900 Euro netto. Doch seit April ist er in Kurzarbeit, das heißt: Er bekommt nur noch 67 Prozent seines Gehalts ausbezahlt und das tue weh, so Elflein: "Jetzt durch die Kurzarbeit sind es fast 500 Euro. Das merkt man definitiv."

Von den 1.400 Euro gehen schon mal mehr als 900 Euro weg nur für die Miete und den Unterhalt für seine beiden Kinder. Für alles weitere bleiben ihm nicht mal mehr 500 Euro übrig. Deswegen will er jetzt zum Jobcenter gehen. Denn dort kann er einen Antrag auf Arbeitslosengeld II stellen, besser bekannt unter dem Namen Hartz IV, und sein Gehalt "aufstocken".

Lohn aufstocken durch Hartz IV

Doch so ganz leicht fällt ihm dieser Schritt nicht: "Natürlich ist es blöd. Ein komisches Gefühl ist es schon. Also, normalerweise würde ich sowas nicht machen, weil ich habe meinen Job, ich krieg mein festes Geld – das reicht. Aber jetzt reicht‘s eben nicht mehr." Christian Elflein, Kfz-Mechatroniker in München

Elflein ist damit nicht allein. Die Zahl der Auftstocker ist in den vergangenen Monaten in die Höhe geschnellt: Zwischen April und Juli haben in Bayern 21.700 Menschen Arbeitslosengeld II beantragt, weil ihnen ihr Gehalt allein nicht zum Leben reicht.

Zahl der Aufstocker verdreifacht

Zum Vergleich: Im Vorjahr waren es im selben Zeitraum gerade einmal knapp 6.000 Personen. Die Zahl hat sich also mehr als verdreifacht.

Ganz besonders betroffen sind Beschäftigte der Gastronomie, sagt Mustafa Öz von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. Wie prekär die Lage in dieser Branche ist, haben er und seine Kollegen auf einem Flyer, den sie verteilen wollen, vorgerechnet.

60 Prozent reicht vielen Beschäftigten nicht zum Leben

Eine Köchin oder ein Hotelfachmann verdienen in ihrer Lohngruppe nach Tarifvertrag und ohne Trinkgeld etwa 2.200 Euro brutto. Das macht netto rund: 1.570 Euro.

Bekommen sie aufgrund von Kurzarbeit nur noch 60 Prozent ihres Gehalts ausgezahlt, dann sind das gerade einmal 926 Euro.

Zwar steigt das Kurzarbeitergeld nach vier Monaten auf 70 Prozent, doch das gilt nur für Beschäftigte, die weiterhin weniger als 50 Prozent arbeiten. Wer mehr als 50 Prozent arbeitet, bekommt weiterhin nur 60 Prozent (für Kinderlose) beziehungsweise 67 Prozent (für Arbeitnehmer mit Kindern) des Gehalts als Kurzarbeitergeld bezahlt, erklärt Öz.

Gewerkschaften fordern Erhöhung des Kurzarbeitergeldes

Weil das nicht zum Leben reicht, fordert Öz eine Erhöhung des Kurzarbeitergeldes in bestimmten Branchen: "Es sollten mindestens 80 Prozent sein, gerade für diejenigen mit niedrigem Einkommen, damit sie auch über die Runden kommen."

Denn finanzielle Unterstützung bräuchten die Menschen so oder so. Wenn man ihnen das Kurzarbeitergeld erhöhen würde, bliebe den Beschäftigten aber wenigstens der Gang zum Jobcenter erspart. Denn das sei sowohl bürokratisch als auch emotional für viele eine große Hürde, so Öz.

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