BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Konjunkturpaket: Was bringt mir die Mehrwertsteuersenkung? | BR24

© BR

Was bringt die vorübergehende Absenkung der Mehrwertsteuer?

39
Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Konjunkturpaket: Was bringt mir die Mehrwertsteuersenkung?

Ab dem 1. Juli wird die Mehrwertsteuer gesenkt – begrenzt bis zum Jahresende – von 19 auf 16 Prozent. Der reduzierte Steuersatz wird von sieben auf fünf Prozent geändert. Eins zu eins wird die Maßnahme aber nicht bei den Kunde ankommen. Eine Analyse.

39
Per Mail sharen

Bundestag und Bundesrat haben heute die Absenkung der Mehrwertsteuer um drei Punkte auf 16 Prozent – begrenzt bis zum Jahresende – beschlossen. Gleichzeitig wird – ebenfalls befristet – der reduzierte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent auf fünf Prozent sinken: Damit will die Bundesregierung den Konsum und damit die Konjunktur nach dem Corona-Schock wieder ankurbeln.

Der große Vorteil bei der Maßnahme: Egal ob Autokäuferin, Möbelkäufer oder Personen, die Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Von der Senkung profitieren alle Kunden – allerdings nur in der Theorie: Denn ob die Preise wirklich nach unten gehen, entscheiden die Unternehmen.

Wie berechnet sich die Senkung der Mehrwertsteuer?

Wenn man wissen möchte, wie hoch die Ersparnis durch die Absenkung theoretisch ist, lässt sich das mit einer einfachen Formel berechnen: Der Bruttoverkaufspreis (vor dem 1. Juli) geteilt durch 119, das Ergebnis multipliziert mit drei. Um diesen Betrag verringert sich die Steuerlast auf das Produkt bzw. die Dienstleistung. Beispiel: Verlangt ein Elektrofachhändler für ein Fernsehgerät 599,98 Euro, könnte er den Preis um 15,13 Euro senken, also auf 584,85 Euro; dann bliebe der Nettoverkaufspreis für ihn unverändert.

Fällt für ein Produkt nur der reduzierte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent an, sind ab dem 1. Juli nur noch fünf Prozent fällig. Der reduzierte Mehrwertsteuersatz fällt für viele Lebensmittel, aber zum Beispiel auch für bestimmte Druckerzeugnisse oder etwa für Prothesen an. Die Ersparnis berechnet sich dementsprechend so: Bisheriger Bruttopreis geteilt durch 107, das Ergebnis multipliziert mit zwei. Statt 39,98 Euro müsste ein Kunde nur 39,23 Euro für seinen Lebensmitteleinkauf bezahlen.

Wichtig zu wissen: Das Bundesfinanzministerium erklärte auf Anfrage von BR24, dass nach § 27 Abs. 1 des Umsatzsteuergesetzes Änderungen des Umsatzsteuergesetzes grundsätzlich auf alle Umsätze anzuwenden sind, die nach Inkrafttreten der Änderung ausgeführt werden. Grundsätzlich ist nicht der Zeitpunkt des Vertragsschlusses entscheidend. Wenn eine Kundin also vor dem 1. Juli zum Beispiel den Kauf eines Autos perfekt gemacht hat, aber das Auto erst danach geliefert wird, dann fällt auch nur 16 Prozent Mehrwertsteuer an.

Werden die Preise wirklich sinken?

Die Entscheidung, ob die Preise wirklich abgesenkt werden, trifft die jeweilige Händlerin oder der jeweilige Dienstleister selbst. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) bekräftigte seine Erwartung, dass die Wirtschaft die Preise entsprechend senkt, damit Kunden wirklich profitieren.

Klar ist aber: Eins zu eins wird die Steuersenkung nicht an Kunden weitergegeben. Nur ein Grund: Bei einer exakten Preissenkung würde das Fernsehgerät im obigen Beispiel 584,85 Euro kosten, anstatt 599,98. Dass Händler für ihre Produkte nun aber ab dem 1. Juli solche "krummen" Preise verlangen, ist sehr unwahrscheinlich. Hinter der Preisgestaltung stecken langjährige Erfahrung und psychologische Forschung, wie Preise bei Kunden wirken.

Hinzu kommt: Gerade kleine Unternehmen leiden sehr unter der Corona-Krise und dem Ausbleiben der Kundschaft. Auch die Umsetzung notwendiger Hygiene-Maßnahmen kostet Geld. Die Umetikettierung des gesamten Warenbestandes und die notwendigen Umstellungen in den Kassensystemen schlagen ebenfalls zu Buche. Mehrere kleinere Händler in München beispielsweise haben gegenüber BR24 angekündigt, ihre Preise nicht entsprechend nach unten zu setzen.

Deutsche Bahn senkt die Preise, andere wegen Corona wohl nicht

Die Deutsche Bahn wiederum senkt die Preise für IC- und ICE-Züge. Der Staatskonzern reduziert die Ticketpreise, für die der ermäßigte Steuersatz gilt, bis zum Jahresende um 1,9 Prozent, wie das Unternehmen am Montag mitteilte. Demnach kostet das günstigste Spar-Ticket auf Fernstrecken dann 17,50 Euro. Auch die Bahncards werden billiger.

Im Nahverkehr mit den zahlreichen Verkehrsverbünden und der Beteiligung der Kommunen ist das Vorgehen dagegen uneinheitlich. In einigen Regionen wird die Senkung weitergegeben, obwohl sie häufig nur wenige Cent ausmacht. Andere Verkehrsunternehmen geben sie nur teilweise weiter oder finanzieren damit eben die Hygiene-Maßnahmen mit.

Im Endeffekt spielen viele Faktoren bei der Preisgestaltung eine Rolle. Und einige der Faktoren haben sich durch Corona deutlich geändert. Durch erhöhte Preise in der Logistik etwa steigen die Preise für importierte Produkte tendenziell. Im Dienstleistungsbereich und der Gastronomie ist insbesondere das Verhältnis von Angebot und Nachfrage entscheidend.

Wenn ein beliebtes Restaurant durch die Abstandsregeln nur noch ein Viertel der Gäste bedienen kann, dürfte das künstlich verringerte Angebot eher zu höheren Preise führen. Bei Saisonware wie Bekleidung wiederum drückt der Wettbewerb die Preise in der Tendenz. Bevor Händler ihre Ware gar nicht verkaufen, weil die Kunden wegen Corona nicht in Kauflaune kommen, verkaufen sie sie lieber mit deutlichen Preisnachlässen.

Preise beim Autokauf vor allem Verhandlungssache

Im Vorfeld des Konjunkturpakets war eine Kaufprämie für Autos auch mit Verbrennungsmotoren diskutiert worden. Die kam nicht. Nur E-Autos werden stärker gefördert. Entsprechend enttäuscht reagierte etwa der Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) auf das Paket. "Damit wurde der krisengeschüttelten Automobilwirtschaft mit ihren 1,3 Millionen Beschäftigten ein Bärendienst erwiesen", so ZDK-Präsident Jürgen Karpinski.

Dabei hat die Mehrwertsteuersenkung einen großen Vorteil für die Automobilbranche. Auch sehr teure Fahrzeuge von deutschen Premiumherstellern werden berücksichtigt. Wer sich etwa einen komplett ausgestatteten Sportwagen für 150.000 Euro leistet, spart über die Maßnahme rechnerisch knapp 3.800 Euro.

Ob Käufer aber wirklich weniger zahlen, hängt von ihrem Verhandlungsgeschick ab, denn beim Autokauf wird in der Regel nie der volle Listenpreis verlangt. Es besteht dabei die Gefahr für Kunden, dass Verkäufer mit Verweis auf die niedrigere Steuer zurückhaltend bei den Rabatten sind. Die Auswirkungen sind hier also offen.

Studien: Nicht alle Händler senken Preise

Immerhin gibt die Mehrwertsteuerreduzierung der Wirtschaft im Ganzen gesehen einen Spielraum, die Preise zu senken. Nachdem Großbritannien infolge der Finanzmarktkrise die Mehrwertsteuer 2009 befristet nach unten gesetzt hat, kam die Maßnahme laut einer Studie zu drei Vierteln bei den Verbrauchern an, allerdings stiegen die Preise auch bald wieder.

Eine großangelegte Studie, die die Auswirkung von veränderten Mehrwertsteuersätzen in der EU über einen Zeitraum von rund 20 Jahren betrachtet, kommt zu einem pessimistischeren Ergebnis. Demnach werden viel eher die Erhöhungen von Steuersätzen weitergegeben und weniger die Senkungen. Demnach könnten ab 2021 unterm Strich sogar höhere Preise drohen.

Dennoch: Die Maßnahme der Steuersenkung ist sinnvoll unter dem Aspekt der Konjunkturbelebung. Auch wenn die Händler die Steuererleichterung für sich behalten, können sie das Geld für Gehälter oder Investitionen nutzen. All das kurbelt die Wirtschaft an. Und: Auch wenn Kunden eigentlich für später geplante größere Anschaffungen in die zweite Jahreshälfte 2020 vorziehen, profitiert die Konjunktur zunächst, unabhängig von der tatsächlichen Ersparnis.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!