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Mechaniker und Mechatroniker drohen Schraubenschlüssel gegen Trillerpfeifen einzutauschen. Zoff im Kfz-Handwerk - es geht um mehr Gehalt - und diese Woche dann erste Warnstreiks. Werkstatt-Termine könnten sich jetzt verzögern.

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Warnstreiks: Was im Kfz-Gewerbe für Zündstoff sorgt

In der Kfz-Branche brodelt es: Beschäftigte in Autohäusern und Werkstätten fühlen sich bei den laufenden Tarifverhandlungen übergangen. Wer demnächst mit seinem Wagen zur Reparatur muss, könnte deshalb Pech haben und von Warnstreiks betroffen sein.

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Von
  • Tom Fleckenstein

Sie reparieren, schrauben und sorgen dafür, dass die Autos wieder laufen: Die Mitarbeitenden im Kfz-Gewerbe. Mechaniker, Mechatroniker, aber auch die Mitarbeitenden in der Verwaltung. Sie sind systemrelevant, und daher ganz gut durch die Corona-Krise gekommen. Jetzt könnten einige trotzdem die Schraubenschlüssel gegen Trillerpfeifen einzutauschen. Es gibt Zoff im Kfz-Handwerk und diese Woche gab es die ersten Warnstreiks.

IG Metall fordert vier Prozent mehr Lohn

Ob Reifen- oder Ölwechsel oder ein neuer Auspuff: Ohne Automechaniker würde nichts laufen im Land. Doch nun könnten sich für Kunden Werkstatttermine verzögern. Die IG Metall fordert vier Prozent mehr Lohn für 145.000 Beschäftigte bei den Autohändlern und Kfz-Werkstätten in Bayern. Die Arbeitgeber haben noch kein Angebot vorgelegt.

"Wir hätten kein Problem damit, am Verhandlungstisch einen Kompromiss zu finden, aber man muss auch irgendwann ein Angebot kriegen. Einen Kompromiss bekommt man nur, wenn man aufeinander zugeht. Das ist momentan noch nicht der Fall." Josef Brunner, IG Metall

Branche beklagt Corona-Einbußen

Das bayerische Kraftfahrzeuggewerbe rechnet mit deutlichen Einbußen durch die Corona-Krise. Der Präsident des Kfz-Gewerbe Bayerns, Albert Vetterl, spricht von 40 Prozent weniger Gewinn für die rund 7.000 bayerischen Innungsbetriebe. Der Oberpfälzer leitet selbst eine Werkstatt. Er habe Verständnis für den Wunsch, gute Mitarbeiter halten zu wollen. Doch der Einfluss der Corona-Pandemie sei deutlich: "Unsere Betriebe haben in letzter Zeit Corona miterlebt. Die Ergebnisse sind nicht so, dass wir Verteilungsmöglichkeiten haben. Das wissen die Gewerkschaften." Man müsse daher "die gute Mitte finden".

"Verdienst und Wertschätzung zu gering"

Doch wo liegt die gute Mitte genau? Im vergangenen Jahr gab es 2,6 Prozent mehr. Auch in der Daimler Benz Niederlassung in München wurde bereits gestreikt. Lukas Marchlewitz war dabei. Der 24-jährige Mechatroniker verdient rund 2.000 Euro netto im Monat. Aber das reiche nicht, um eine Familie zu gründen. Und: Er vermisse die Wertschätzung in der anstrengenden Zeit während der Pandemie.

"Die Werkstätten waren immer offen. Wir haben durchgeschraubt, wir haben durchgearbeitet. Und die Preissteigerungsrate geht jetzt ja auch wirklich nach oben. Und das gleicht ja nur das Delta in unseren Geldbeuteln aus. Wir brauchen die vier Prozent." Lucas Marchlewitz, Mechatroniker

Gewerkschaft fordert Angleichung der Löhne

In der Automobilindustrie verdienen die Auszubildenden bis zu 200 Euro mehr im Monat als in den Kfz-Werkstätten. Die Folge: Die Werkstätten verlieren Fachkräfte an die Automobilwerke. Deshalb fordern die Gewerkschaften eine Angleichung der Löhne von Handwerk und Industrie. "Die bezahlen mehr für die gleiche Ausbildung," kritisiert Mechatroniker Lucas Marchlewitz. "Und hier, wo die Autos repariert werden, wo Du wirklich Fachkräfte brauchst, die halt mal ein altes Auto reparieren, da kommen die natürlich nicht her. Weil sie in den Werken mehr verdienen." Deshalb müsse man die Lücke zwischen Industrie und Handwerk schließen, fordert Marchlewitz. "Und das schaffen wir nur, wenn wir die Ausbildungsvergütung überproportional erhöhen."

Rückkehrrecht nach Weiterbildungen

Auch beim Thema Weiterbildung sieht er Handlungsbedarf: Denn, wer sich vom Facharbeiter zum Meister fortbilden wolle, habe danach unter Umständen ein großes Problem. "Es gibt Betriebe, wo Du kündigen musst, um Deine Fortbildung zu machen. Und das ist natürlich unterste Schublade, wenn ich mich weiterbilde, und dann aber kündigen muss. Dann bin ich fertig mit der Ausbildung, und kann mir einen Job suchen." Wie stehen die Arbeitgeber einem Rückkehrrecht gegenüber, wie es die Gewerkschaft fordert? "Wenn das Recht nur ist, dass er die Meisterausbildung macht und zurückkehrt – warum nicht?" sagt Albert Vetterl. "Das ist doch ideal. Wenn einer rausgeht und macht den Meister und kommt dann zurück in den Betrieb und wird gebraucht." Es gebe nichts Besseres als gut ausgebildete Mitarbeiter.

"Ohne Tarifvertrag keine Sonderzahlungen"

Allerdings sind gute Mitarbeiter teuer. Und die Betriebe wollen bei den Personalkosten flexibel bleiben. In der BMW Niederlassung in München ist Norbert Zaja seit 21 Jahren Vorsitzender im Betriebsrat. Für ihn geht die Flexibilität zu weit. Er kritisiert Tarifflucht in seinem Unternehmen. "Wir fahren eine sogenannte Duopolstrategie. Das heißt: Unser eigener Wettbewerber der Marke BMW kommt aus dem eigenen Haus, das ist die Automag. Die sind tariflos, sind nicht an den Tarif gebunden", sagt Zaja. Und so sei es für die Beschäftigten sehr schwierig, richtige Löhne und Gehälter oder Sonderzahlungen zu bekommen. "Ohne Tarifvertrag keine Sonderzahlungen."

Nächste Tarifverhandlungsrunde am Donnerstag

Bei der Automag, der eigenständigen GmbH von BMW, verdiene ein Mechaniker für denselben Job 20 Prozent weniger als in der Niederlassung, die direkt zum BMW-Konzern gehört, sagt Norbert Zaja. BMW selbst wollte sich dazu nicht äußern. Viel Zündstoff also für die Tarifverhandlungen dieses Jahr im Kfz-Gewerbe. Nächsten Donnerstag gehen sie in die nächste Runde. Kommt es zu keiner Einigung, will die IG Metall weitere Proteste organisieren.

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