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Währungsunion: Als die D-Mark vor 30 Jahren in den Osten kam | BR24

© picture-alliance/dpa

So kam die D-Mark in den Osten

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    Währungsunion: Als die D-Mark vor 30 Jahren in den Osten kam

    Vor genau 30 Jahren kam die D-Mark in die Noch-DDR. Allein aus Bayern trafen elf Schwertransporter mit Bargeld ein, rechtzeitig zum 1. Juli 1990, dem Start der Wirtschafts- und Währungsunion. Es war der größte Geldtransport der deutschen Geschichte.

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    Im Frühsommer 1990 rollten westdeutsche Geldtransporter in Richtung der damaligen DDR. Ab der innerdeutschen Grenze übernahmen die Volkspolizei und die schwerbewaffnete Nationale Volksarmee die Bewachung der Transporte. Jede Fahrt glich einem Abenteuer. Viele Straßen in der DDR waren marode und immer wieder mussten Umwege gefahren werden, weil die Brücken die 40 Tonnen schweren Transporter nicht getragen hätten.

    Der Transport: Eine logistische Herausforderung

    Franz Josef Benedikt, heute Präsident der Hauptverwaltung Bayern der Deutschen Bundesbank, war für einen Teil der rund 100 Transporte von West nach Ost verantwortlich. Als junger Bundesbanker hatte er vor 30 Jahren den Auftrag bekommen, elf Geldtransporte aus München nach Dresden und Chemnitz zu organisieren. Milliarden D-Mark mussten innerhalb weniger Wochen in die DDR gebracht werden. Der wichtigste Punkt war die Sicherheit, wie Franz Josef Benedikt erklärt:

    "Es gab da einige Probleme, die wir vorher gar nicht vermutet hatten. Wir hatten hier in München mit der Polizei gesprochen und erfuhren, dass die Bayerische Polizei die Transporte nur bis zum Grenzübergang nach Rudolphstein begleiten kann. Denn die DDR war bis zum 3. Oktober noch ein souveräner Staat. Danach müssten wir uns in die Obhut der DDR Volkspolizei begeben." Franz Josef Benedikt, Präsident der Hauptverwaltung Bayern der Deutschen Bundesbank

    Empfang mit Maschinenpistolen

    Telefonisch konnte der junge Bundesbanker die zuständigen DDR-Behörden nur schlecht erreichen. Deshalb fuhr er persönlich nach Dresden. Ohne den massiven Schutz durch die Polizei wären die Transporte zu gefährlich gewesen. "Wir sind dort sehr martialisch empfangen worden", schildert er. "Es waren Wachposten vor der Tür mit Maschinenpistolen bewaffnet. Und dann standen uns die Führungsoffiziere gegenüber. Und es hat schon einige Minuten gedauert, bis die Gesprächsatmosphäre etwas lockerer war. Für die Volkspolizei waren wir bestimmt der Inbegriff des Kapitalismus, der Klassenfeind. Wir von der Bundesbank."

    Kaum Sicherheitsvorkehrungen in den Bankfilialen

    Besonders schockierend für ihn: die Sicherheitsstandards in den Niederlassungen der DDR-Staatsbank, die nun zu den neuen Filialen der Bundesbank werden sollten. Die Gebäude waren völlig marode. Und die Tresoranlagen, in denen die D-Mark gelagert werden sollte, befanden sich in einem katastrophalen Zustand. Noch heute ist Franz Josef Benedikt geschockt, wenn er an die erste Besichtigung der Bankfilialen denkt.

    "Die Sicherungen funktionierten nicht. Es gab nach unseren Maßstäben keine elektronischen Sicherungen für die Tresoranlagen. Der dortige Leiter der Filiale hat uns dann gesagt, wer hätte denn das Geld klauen sollen? Und deshalb war es auch gar nicht notwendig, besondere Sicherheitsvorkehrungen zu treffen." Franz Josef Benedikt, Präsident der Hauptverwaltung Bayern der Deutschen Bundesbank

    Fenster in den Tresoren der DDR-Staatsbank

    Und tatsächlich: Banküberfälle gab es in der DDR kaum. Wir treffen Peter Kolzarek, damals Mitarbeiter der Staatsbank der DDR. Er erinnert sich noch gut daran, als die Bundesbank-Mitarbeiter zum ersten Mal durch die Räumlichkeiten der DDR-Staatsbank gingen und sichtlich schockiert über die Sicherheitsstandards waren. "Im Tresor hatten wir ein Fenster", erzählt er, "da waren die Kollegen aus dem Westen fassungslos. So etwas gab es bei der Bundesbank sonst überhaupt nicht." Die Sorge bei den Bundesbankern war groß. Das Problem: Auf die Schnelle neue Tresore einzubauen, war nicht machbar. Und so versuchte man überall in der DDR, die alten Tresore aufzurüsten und hoffte, dass alles gut gehen würde. Doch die Angst vor Überfällen war allgegenwärtig.

    Die D-Mark kommt

    Dann war es soweit. Die ersten Transporter, beladen mit D-Mark-Scheinen, fuhren Richtung Osten. Von allen Landeszentralbanken in der Bundesrepublik aus starteten im Juni 1990 Geldtransporter in die DDR.

    Besonders spannend war der Grenzübertritt, erinnert sich Franz Josef Benedikt von der Bundesbank. "Hier am Grenzübergang Rudolphstein/Hirschberg, da wartete die DDR Volkspolizei mit ihren Fahrzeugen. Stark bewaffnet mit Maschinengewehren auf unsere Transporter. Anfangs war die Situation natürlich sehr angespannt, doch das hat sich nach einigen Minuten gelöst. Wir haben uns dann über die Route unterhalten. Als die Volkspolizisten hörten, dass die Laster 40 Tonnen wiegen, musste die Route umorganisiert werden. Denn manche Brücken konnten mit 40 Tonnen nicht überquert werden."

    Laster mit einer Milliarde D-Mark unterwegs

    Durch Zufall entdeckte damals ein BR- Kamerateam eines dieser Fahrzeuge und berichtete von ihren Beobachtungen:

    "Vor uns rollt ein geheimnisvoller grüner Schwerlaster mit bundesdeutschem Kennzeichen. Bewacht durch einen Armeehubschrauber von oben. Unten schirmt ihn die bewaffnete Volkspolizei ab. Wir verfolgen einen gepanzerten Geldtransporter, der uns zufällig vor die Kamera geraten ist. Über eine Milliarde D-Mark hat der Schwerlaster geladen." BR-Kamerateam

    Die Aktionen waren streng geheim. Nur wenige waren eingeweiht, wie uns Werner Wilfert aus dem Landkreis Hof erzählt. Er war damals bei der Bayerischen Grenzpolizei und wusste nichts von den Transporten - bis eines Tages ein Kollege aus dem Osten vor ihm stand. "Der Kollege kam dann auf mich zu", erinnert sich Werner Wilfert, "und hielt mir einen Dienstausweis unter die Nase: Volkspolizei. Er hat mich dann gefragt: Sind heute schon Geldtransporte durch? Ich: Wieso? Er: Wir sollen die begleiten. Und der Geldtransporter ist momentan überfällig."

    Der Grund war ein Stau. Werner Wilfert lud seinen DDR-Kollegen auf einen Kaffee ein und erfuhr so zum ersten Mal Details über die Geldtransporte. "Da habe ich ihn ein bisschen gefragt: wieso, weshalb, warum", erzählt er. "Dann hat der Kollege aus dem Osten gesagt: Wir übernehmen unten auf der Brücke den Transport, wenn er vom Westen kommt und begleiten in Richtung Dresden. Ich: Na, toll. Und wir wissen nichts davon."

    Beifall für die D-Mark

    Kein Wunder. Franz Josef Benedikt und seine Kollegen von der Bundesbank versuchten, die Transporte möglichst lange geheim zu halten. Das allerdings gelang ihnen nur zum Teil, berichtet Franz Josef Benedikt: "Eigentlich war alles geheim, aber in Dresden und Chemnitz haben die Leute gewartet und als sie den Transporter gesehen haben, haben sie laut geklatscht und das Ankommen der D-Mark gefeiert."

    Die größte Angst der Bundesbanker: Auch Kriminelle könnten Wind davon bekommen. Besonders heikel: das Entladen. Weil die Transporter so schwer waren, konnten sie oft nicht auf den Hof der Bank fahren.

    "Wir haben den Geldtransporter dann auf der Straße entleert und die Packbeutel mit Geld in die Filiale getragen", erinnert sich Franz Josef Benedikt. Und Peter Kolzarek ergänzt: "Wir haben die ersten sechs Tonnen auf der Straße oben per Hand begrüßt. Dort wurden die Container geöffnet, eine Menschenkette gebildet und jeder Beutel wurde einzeln nach unten zu den Tresoren transportiert."

    Auch Martin Neumair erinnert sich noch gut an die Ankunft des Geldes. Er arbeitet heute in der Sparkasse in Neuburg an der Donau. Vor 30 Jahren wurde er von den bayerischen Sparkassen in den Osten entsandt, um die Kollegen in der Noch-DDR bei den Vorbereitungen auf die Währungsunion zu unterstützen. "Da kam dann so ein Geldtransporter", berichtet er, "der insgesamt fünf Banken angefahren hat und allein bei uns 25 Millionen vorbeibrachte, die wir dann in großen Säcken in die Bank hineingetragen haben."

    Für Kriminelle eine verpasste Chance

    Was heute noch viele Menschen erstaunt: Passiert ist nichts. Keine Überfälle, kein gestohlenes Geld. Christian Pfeiffer, Deutschlands bekanntester Kriminologe, hat dafür eine Erklärung:

    "Es war eine geniale Leistung der Fachleute, die für diesen Transport zuständig waren. Normalerweise wäre doch irgendwas rausgekommen und dann hätte man die Mafia vor Ort gehabt, aber das wussten die natürlich. Und dann war keiner darauf vorbereitet, in der Windeseile einen irrsinnigen Überfall zu organisieren, der größer gewesen wäre als alles, was damals bekannt war. Der Postraub in England wäre eine Kleinigkeit gewesen gegen das, was hier in Deutschland möglich war. Aber die Kriminellen haben es verpasst." Kriminologe Christian Pfeiffer

    Hotspot der Bankräuber-Szene

    Doch es dauert nicht lange, bis die Kriminellen zuschlagen. Bereits kurze Zeit später wird die DDR zum Hotspot der Bankräuber-Szene.

    Auch eine Statistik des Bundeskriminalamtes zeigt das deutlich: Gab es 1989 in beiden Teilen Deutschlands insgesamt 668 Banküberfälle, steigt die Zahl danach deutlich an. Der Höhepunkt: 1.624 Überfälle im Jahr 1993. Danach ging die Zahl - aufgrund moderner Sicherheitstechnik in den Bankfilialen - deutlich zurück. im Jahr 2019 waren es nur noch 114 Banküberfälle.

    Mit der Währungsunion kamen also nicht nur die D-Mark, sondern auch die Bankräuber in den Osten Deutschlands. Doch davor, beim größten Geldtransport der Geschichte, passierte nichts. Keine einzige D-Mark ging auf dem Weg zwischen West und Ost verloren.

    Die ganze Geschichte...

    Die ganze Geschichte können Sie heute in "Geschichte im Ersten" sehen - um 23.30 Uhr im Ersten. Vorab finden Sie die Dokumentation bereits jetzt in der ARD-Mediathek.

    Und hier geht es zur Multimedia-Reportage: Wie die D-Mark in den Osten kam.

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