BR24 Logo
BR24 Logo
Wirtschaft

VW-Chef Diess nach Golf 8-Ärger unter Druck | BR24

© picture alliance/Swen Pförtner/dpa

Herbert Diess, Vorsitzender des Vorstands der Volkswagen AG

Per Mail sharen

    VW-Chef Diess nach Golf 8-Ärger unter Druck

    Seit über einem Jahr gärt es hinter den VW-Kulissen: Der für den Konzern enorm wichtige Golf 8 wurde mit viel Ehrgeiz angekündigt. Doch Software-Mängel wollen einfach nicht verschwinden. Nun ging ein Brandbrief an das VW-Management um Herbert Diess.

    Per Mail sharen

    Wenn nichts anderes mehr geht, hilft manchmal nur noch der Griff zur Ratsche. Mit dem höchst analogen Drehwerkzeug soll so mancher VW-Mitarbeiter in Wolfsburg derzeit versuchen, den als digitales Meisterstück gepriesenen Golf 8 auf den letzten Metern flott zu bekommen. Ein Abklemmen der Batterie als Kaltstart, wie das Drücken der Reset-Taste am Computer - in der Hoffnung, dass die Software dann ohne Fehler neu hochfährt. Die tieferen Ursachen im komplexen neuen IT-System zu finden, ist aber eine ganz andere Sache.

    Aufsichtsratssitzung mit hochbrisantem Tagesordnungspunkt

    Beschäftigte sprachen am Donnerstag hinter vorgehaltener Hand von einer zunehmend gefährlichen Lage vor einer wichtigen Aufsichtsratssitzung. Was passiert, falls Volkswagen die Schwierigkeiten bei seinem Kernprodukt nicht abstellen kann? Die Führungsetage wolle zu viel Neues auf einmal - und reiche die Verantwortung nach unten durch.

    Von den Vertrauensleuten der mächtigen IG Metall gab es eine in dieser Form kaum da gewesene, öffentliche Klatsche für Vorstandschef Herbert Diess: Man sei "massiv besorgt" wegen des Eindrucks, den VW abgibt.

    Betriebsrat attackiert den VW-Vorstand ungewöhnlich scharf

    Betriebsratschef Bernd Osterloh hatte schon im März im Rückblick auf die ehrgeizigen Ziele geschäumt: "Die Folgen dieser unrealistischen Planungen sind ein völlig überzogener Druck auf die Kolleginnen und Kollegen an den Montagelinien." 2019 konnten nicht einmal zehn Prozent der ursprünglich angepeilten 100.000 Golf 8 gebaut werden.

    Jetzt platzte den Vertrauenskörper-Leitungen der deutschen VW-Werke der Kragen. In einem offenen Brief erklärten die Gewerkschafter: "Dieses schlechte Bild in der Öffentlichkeit zerstört das über Jahrzehnte gewachsene Kundenvertrauen und gefährdet so unsere Arbeitsplätze."

    Wer übernimmt bei VW die Verantwortung?

    Der Vorstand müsse Stellung beziehen: "Wer von Ihnen trägt die Verantwortung dafür, dass wir Technik und Marketing wieder in den Griff bekommen? Wer übernimmt die Verantwortung für das Produktdesaster unserer aktuellen Modellpalette?"

    In der Firmenzeitung "Mitbestimmen" war Osterloh das Top-Management jüngst frontal angegangen: "Hier wollten überehrgeizige Vorstände zu schnell zu viel Technik in ein Fahrzeug stopfen. (...) Wer so mit dem Golf spielt, spielt auch mit den Arbeitsplätzen der Beschäftigten."

    Produktions- und Bestellstopp auf breiter VW-Front

    Doch die IT-Probleme reißen nicht ab. Gerade kamen Funktionsstörungen beim elektronischen Notrufassistenten hinzu. VW droht ein Rückruf, mindestens auch der Tochter Skoda. Mögliche Ursache: eine fehlerhafte Datenübertragung am Steuergerät, für den Golf und Octavia gilt ein Lieferstopp. Dabei können Hersteller anschwellende Lagerbestände überhaupt nicht gebrauchen, die Absatzflaute ist in der Corona-Krise groß genug. Für den Tiguan soll es einen Bestellstopp geben. Nicht gerade vertrauensfördernd war zudem, dass das Management angeblich im Windschatten des Lockdowns das komplette Schichtsystem ändern wollte.

    Wie es in der Golf-Fertigung offenbar zugeht, zeigen auch zusätzliche Details, über die das Online-Wirtschaftsmagazin "Business Insider" unter Berufung auf Daten aus der VW-Qualitätskontrolle berichtete. Demzufolge sollen etwa an einem Beispieltag im März weniger als 40 Prozent der Golf-8-Exemplare einwandfrei das Band verlassen haben. Es falle "sehr viel Nacharbeit" an, ist aus dem Werk zu hören. Die Zahl der festgestellten Mängel liege weit jenseits der Toleranzschwelle.

    Wäre das unter Ex-Chef Martin Winterkorn auch passiert?

    Unabhängig von Winterkorns Rolle im Dieselskandal und anderen heiklen Themen glauben einige: nein. Es könnte also enger werden für Diess. Auch wenn sich Betriebsrat und IG Metall beeilten zu versichern: An Gerüchten über einen Umsturzplan gegen den im Sommer 2015 von BMW gekommenen Manager sei nichts dran.

    Nach dem Golf gibt es auch beim ID.3 Software-Probleme

    Der aktuelle Chef müsse den Golf jetzt endlich und tatsächlich zur Chefsache machen. Die Problemlösung dürfe nicht immer nur an zwischengeschaltete Ebenen und die bereits zahlreichen Taskforces delegiert werden. Und mit dem Golf 8 ist bei Weitem nicht das Ende der Problemliste von Volkswagen erreicht. Mit dem ID.3 als zweites Großprojekt hat der weltgrößte Autobauer eine komplett neu konzipierte E-Auto-Reihe gestartet, die VW ins Elektro-Zeitalter bringen soll. Auch hier gibt es Verzögerungen und einen zunächst abgespeckten Funktionsumfang. Grund: die Software.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!