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Trillerpfeifen der IG Metall
© dpa-Bildfunk/Werner Bachmeier

Autoren

Norbert Steiche
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Trillerpfeifen der IG Metall

Marianne Firsching hat ihren warmen Fleece-Pullover mitgebracht, den sie vor 25 Jahren mit im Rucksack hatte. Die eingefleischte SPD-Frau und Gewerkschafterin war damals beim Kugellagerproduzenten SKF beschäftigt. Dass sie im Kampf für den Erhalt von Arbeitsplätzen und für staatliche finanzielle Unterstützung für die von Arbeitslosigkeit gebeutelte Stadt Schweinfurt mit nach Bonn laufen wird, das war für sie von Anfang an klar.

"Die Angst war natürlich groß, denn in kurzer Zeit sind ja über 12.000 Arbeitsplätze weggefallen. Für die jungen Leute und auch für die Älteren war das ganz schlimm. Wir hatten ja in Schweinfurt so viele Arbeitsplätze wie Bewohner und plötzlich war ja fast jede zweite oder dritte Familie betroffen. Man kannte ja die Leute und da musste man sich solidarisieren." Marianne Firsching

Angst vor Schweinfurt als Armenhaus

Acht Tage laufen sie. Jeden Tag im Schnitt 40 Kilometer. Fast jeden Tag regnet es. Marianne Firsching hat sich Wanderschuhe geliehen, weil sie keine eigenen hat. Neue kaufen wollte sie nicht, weil sie Angst hatte, irre Blasen zu bekommen. Gewerkschaftssekretär Jens Öser war damals als ganz junger Mann dabei.

"Ich war einer derjenigen, die am am zweiten oder dritten Tag gerne das Handtuch geschmissen hätten, aber das ging mit den Bonn-Marschiereren nicht. Ich war junger Familienvater und ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, was aus der Stadt wird, wenn diese große Anzahl an Arbeitsplätzen verloren geht." Jens Öser

Egon Friedel dachte damals, dass er als Marathon-Läufer den Marsch nach Bonn locker meistern wird.

"Es war eine Riesenherausforderung und sehr anstrengend. Aber wir haben halt befürchtet, dass Schweinfurt zum Armenhaus wird und ausstirbt, wenn die Arbeitsplätze wegfallen. Ich denke, es hat sich gelohnt und es gab danach ja auch gewisse Fördermittel, die sonst wahrscheinlich nicht geflossen wären." Egon Friedel

Engagement lohnt sich

Der Marsch nach Bonn der Schweinfurter Gewerkschafter vor 25 Jahren sorgt für ein bundesweites Medienecho. Der BR-Hörfunk berichtet regelmäßig. Die Kollegen vom Fernsehen liefern Beiträge für die Tagesschau oder den ARD-Brennpunkt zu. Jetzt schaut die Politik in die Industriestadt, in der die Menschen Existenzsorgen haben.

Peter Kippes, heutig erster Bevollmächtiger der IG Metall in Schweinfurt, organisierte den Bonn-Marsch mit. Er machte als Student zu der Zeit gerade ein Praktikum bei der Gewerkschaft.

"Das ist eine der zentralen Herausforderungen meines bisherigen Arbeitslebens gewesen, und ich kann nur die Jüngeren ermutigen, dass sie es nicht aus dem Blick verlieren, dass Dinge nicht von alleine kommen und nicht von alleine weggehen, sondern dass es an den Menschen liegt, wie die Bedingungen für uns alle sind." Peter Kippes, IGM Schweinfurt

Blasen und Feldbetten

Sie übernachten damals auf Feldbetten. Ein Arzt versorgt jeden Abend die wundgelaufenen Füße. Und nur drei der 42 Bonn-Marschierer, wie sie genannt werden, kommen nicht an.

"Das war eine Dynamik, wir wollten das einfach schaffen. Viele hatten Blasen oder waren krank, aber wir haben uns verstanden. Das Ziel war klar und das einigt dann, Und ich möchte das auch nicht missen in meinem Leben. Das war ein durchgreifendes Ereignis." Marianne Firsching

Kampfgeist bis heute

Der Kampfgeist für den Erhalt von Arbeitsplätzen und für gute Arbeitsbedingungen ist bis heute in Schweinfurt geblieben. Sobald die Gewerkschaft Wind davon bekommt, dass in einem Bereich Arbeitsplätze gestrichen werden könnten, bringt sie regelmäßig tausende Menschen auf die Straße. Und nicht nur unmittelbar Betroffene kommen. Vielfach sind es Beschäftigte aus anderen Betrieben. Zum Teil reisen sie auch mit Bussen aus der Umgebung an.

"Ich bin überzeugt, dass das ein Ergebnis dieses gemeinsamen Marsches ist. Und das wird auch so sein, dass man das ständig pflegen muss. Es kommen neue Generationen, es kommen neue Herausforderungen auf uns zu. Aber was ich gelernt hab, ist, dass man gemeinsam ganz viel erreichen kann. Viele Menschen glauben ja, dass sie als einzelne Person nichts erreichen können. Dem möchte ich ganz klar widersprechen: Wenn jeder Einzelne was macht, dann kommt es zur Gemeinsamkeit." Jens Öser

Heute wenig Arbeitslose in Schweinfurt

Schweinfurt ist aus der Krise gut rausgekommen. Heute geht es der Stadt richtig gut. Die Arbeitslosenquote hat einen historischen Tiefststand erreicht.

Autoren

Norbert Steiche

Sendung

Bayern 2 am Samstagvormittag vom 13.10.2018 - 09:05 Uhr