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Städte an Flüssen leben ganz gut vom Flusskreuzfahrttourismus. Dann kam Corona und die Saison ist gelaufen, bevor sie begonnen hat. Die Verluste bei Reedereien und Städten betragen mehrere Millionen Euro. Doch des einen Leid ist des anderen Freud.

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Vom Over- zum Undertourism: Flusskreuzfahrten bleiben aus

Städte an Flüssen leben ganz gut vom Flusskreuzfahrttourismus. Dann kam Corona und die Saison ist gelaufen, bevor sie begonnen hat. Die Verluste bei Reedereien und Städten betragen mehrere Millionen Euro. Doch des einen Leid ist des anderen Freud.

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Als Irene Lautenschlager ihre Gäste letztes Jahr noch durch die mittelalterlichen Gassen der Regensburger Altstadt geführt hat, war Platz Mangelware: An jeder Ecke, vor dem Dom, in der engen Tändlergasse oder an der Steinernen Brücke stauten sich schon mal die Touristengruppen. Ein Stimmengewirr aus Englisch oder Chinesisch überlagerte die Plätze und Gassen.

Keine Schiffe, kein Geschäft

Dieses Jahr ist das Bild ein anderes: Die Altstadt ist wesentlich leerer, die dominierende Sprache Deutsch. Nur eine Person fällt auf: Irene Lautenschlager steht vor dem Alten Rathaus, in dem früher der Immerwährende Reichstag tagte. In der Hand hält sie einen Selfie-Stick. Sie spricht über die reiche Geschichte Regensburgs. Ihr Smartphone überträgt die Führung ins Internet. 25 Leute schauen ihr live zu. Trotzdem fehlt was. "Normalerweise blicke ich in 25 Gesichter. Da kann ich sofort sehen, gefällt es ihnen und kann reagieren", sagt Lautenschlager, die seit über zehn Jahren für die Veranstaltungsfirma Stadtmaus GmbH arbeitet.

Einen großen Teil ihres Geschäfts machen Führungen mit Kreuzfahrttouristen aus, gut 1.000 Gruppen im Jahr. Dabei ist die Veranstaltungsfirma im Vergleich noch ein kleiner Anbieter. "Das ist schon ein herber Verlust. Diese Einnahme war eine sichere Bank. Und die existiert jetzt einfach nicht mehr", sagt Thomas Ruhfass, Geschäftsführer der Stadtmaus. Geldbringende Alternativen gibt es bisher nicht. An der Führung via Livestream werden Ruhfass und seine Mitarbeiter kein Geld verdienen. Es ist nur kostenlose Werbung. Mehr nicht.

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Irene Lautenschlager, Stadtführerin

Millionenverluste und stillgelegte Flotten

Verluste in zweistelliger Millionenhöhe schreiben derzeit vor allem die Reedereien, die Flusskreuzfahrten auf den deutschen Strömen Rhein, Main und Donau anbieten. "Einerseits fehlen den Reedereien die Einnahmen von Passagieren und Reiseveranstaltern, andererseits laufen die Betriebskosten weiter", schreibt der Branchenverband IG River Cruise auf Nachfrage. Zwar stehen auch Reedereien wie Reiseveranstaltern staatliche Hilfe in den jeweiligen Ländern zur Verfügung, unter deren Flagge die Schiffe fahren. Im Gegensatz zu anderen Tourismuszweigen ist aber unklar, wann der Flusskreuzfahrttourismus wieder Fahrt aufnehmen kann. Solange sind Flotten stillgelegt. Einigen Besatzungsmitgliedern wurde gekündigt.

Flusskreuzfahrten ab Juli?

Einige Schiffe wollen ab Juli wieder starten, so IG River Cruise. Allerdings nur "zaghaft", mit deutschen und europäischen Gästen. Das Hauptgeschäft machen aber Gäste aus Übersee aus, gut 45 Prozent. Wann die Touristen aus Australien und den USA wiederkommen, hängt von der dortigen Corona-Lage und den damit einhergehenden Reisebeschränkungen ab. Frühestens ab September, schätzt der Branchenverband vorsichtig optimistisch. "Wenn überhaupt."

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Regensburg ohne Flusskreuzfahrten

Häfen: Sicherheitskonzepte notwendig

Eine immer noch offene Frage ist, an welchen Häfen die langen, meist weißen Kastenschiffe überhaupt anlegen können. Bisher würden nicht alle Häfen mitziehen. Das schränke die Reiseroute ein, so der Branchenverband. Dabei machen derzeit auch Landepunkte wie Regensburg ein Verlustgeschäft. Sind es sonst im Schnitt 1.000 Anlandungen mit einem Umsatz von einer Million Euro im Jahr, hat 2020 noch kein einziges Flusskreuzfahrtschiff an der Donaulände angelegt, so das zuständige Stadtwerk Regensburg. Ist die Saison also gelaufen? Vereinzelt gebe es einzelne Anfragen für den August.

"Bis dahin werden wir auch ein entsprechendes Konzept erarbeiten, welche Anlandungen unter Berücksichtigung sämtlicher Sicherheitsaspekte wieder ermöglichen sollen." Martin Gottschalk, Pressesprecher das Stadtwerk Regensburg

Flusskreuzfahrttourismus: Kosten-Nutzen umstritten

Laut einer Studie bringt der Flusskreuzfahrttourismus allein der Donau-Region einen jährlichen Mindestumsatz von 110 Millionen Euro. Während Veranstalter, Gaststätten oder Souvenirläden daher klagen, dass das gewinnbringende Geschäft mit den Flusskreuzfahrttouristen dieses Jahr ausbleibt, freuen sich Altstadtbewohner wie Umweltaktivisten. In Regensburg wie auch im 120 Kilometer flussabwärts gelegenen Passau ist der "overtourism" durchaus ein Thema. Souvenirläden und Gastronomie leben davon, auch wenn die Urlauber meist nur wenige Stunden in Passau verbringen und von Stadtführern im Schnelltempo durch die malerische Altstadt geschleust werden. Letztes Jahr legten über 2.700 Mal große Donau-Kreuzer mit insgesamt über 360.000 Touristen an Bord in der Altstadt an. Verantwortliche aus Verwaltung und Tourismus sagen: Passau verträgt diese Anzahl von Schiffsgästen. Man setze auf Qualität statt Quantität.

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Kreuzfahrttouristen in Passau.

Altstadtbewohner: "Deutlich entspannter"

Doch es gibt Zweifler. Menschen, die dem Fehlen der Kreuzfahrtschiffe durchaus Positives abgewinnen können. Karl-Heinz Hasenöhrl zum Beispiel wohnt mit seiner Familie nur ein paar Meter von den Anlegestellen entfernt. "Im Jahr gehen normalerweise hunderttausende Touristen durch die Gassen oder stehen hier mit ihren Stadtführern. Das ist halt jetzt ein gravierender Unterschied." Es sei nicht so, dass man keine Touristen hier haben wolle, betont der 52-Jährige. Aber es sei schon "deutlich entspannter".

Kabinenschiffe verantwortlich für Luftverschmutzung

Die Luft ist ohne Kreuzfahrtschiffe besser geworden, behaupten Donau-Anwohner. Bernd Sluka vom Verkehrsclub Deutschland will das belegen können. Er führt Schadstoffmessungen in der Nähe der Donau durch. Sluka wischt über sein Tablet, zeigt auf ein Diagramm.

"Wir haben die Einzelereignisse, wann die Feinstaubbelastung über 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft steigt, verglichen: Sie sind heuer überall zurückgegangen. In der Altstadt besonders stark, um über 20 Prozent. Man merkt, dass die Kreuzfahrtschiffe nicht da sind." Bernd Sluka, Verkehrsclub Deutschland
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Umweltwerte der Stadt Passau 2020.

Sauberere Donau: Venedig-Effekt?

Anton Hartl ist einer der letzten Donaufischer in Passau. Auch der 78-Jährige vermisst den großen Schiffsverkehr nicht unbedingt. Am Wochenende holt er mit seinen Netzen Nasen, Huchen und andere Fische aus dem Fluss. Dabei kommen ihm und seinem kleinen Fischerboot höchstens kleine Enten in die Quere. Sonst sind es riesige Kreuzfahrtschiffe.

"So schön wie jetzt war das Fischen schon lange nicht mehr. Das Wasser ist sauberer. Man hat nicht so viel Mist in den Netzen, den die großen Kreuzer aufwirbeln." Anton Hartl, Fischer in Passau

Zwiespältiges Verhältnis zu Flusskreuzfahrten

Trotz der positiven Effekte: Das Verhältnis der Passauer und Regensburger zum Flusskreuzfahrttourismus bleibt zwiespältig: Kaum jemand ist hier grundsätzlich gegen den Kreuzfahrttourismus. Die Pandemie könne aber Anlass sein, diese Form des Fremdenverkehrs zu überdenken. "Vielleicht ist Corona die Chance, dass wir einen anderen Fremdenverkehr bekommen", hofft Karl-Heinz Hasenöhrl. "Wir werden, glaube ich, mittelfristig diese Art von Tourismus mit jährlich über 2.000 Anlandungen und Hunderttausenden, die sich durch die Gassen zwängen, nicht mehr haben. Unmöglich."

Erste Anfragen zur Anlegung

Die Stadt Passau teilte jetzt mit, dass es erste Anfragen zur Anlegung an den Schifffahrtsländen gebe - wie bekannt wurde, dürfen die Kreuzer ab dem 15. Juni mit Öffnung der Grenzen wieder fahren. Das sei allerdings nur unter strengen Auflagen möglich, heißt aus dem Rathaus. Oberbürgermeister Jürgen Dupper (SPD): "Wir sagen ja zum Start der Kreuzschifffahrt auch in Passau, aber nur unter strikter Einhaltung strenger Maßnahmen."

So benötigten Kreuzfahrschiffe weiter eine Ausnahmegenehmigung von der Stadt Passau zum Anlegen. Die Zustimmung erfolge durch das Gesundheitsamt. Die Reiseveranstalter müssten zudem ein Konzept vorlegen, wie mit auftretenden Corona-Verdachtsfällen, Kontaktpersonen und positiv getesteten Personen verfahren werde. Notwendig sei zudem ein umfangreiches Hygienekonzept an Bord. So dürfe es zum Beispiel keine Ansammlungen beim Betreten oder Verlassen des Schiffes geben, Mund- und Nasenschutz seien zu tragen und Abstände einzuhalten. Zudem gelten Vorschriften zur Entsorgung von Müll und Küchenabfällen.

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