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Vier Jahre Dieselskandal: Stress, Ärger und Verluste | BR24

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Brennpunkt Diesel: Für Autofahrer bedeutet das auch Stress, Ärger und Verluste

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Vier Jahre Dieselskandal: Stress, Ärger und Verluste

Im September 2015 gab VW Manipulationen von Abgaswerten zu. Seitdem gibt es Klagen, Rückrufe, Dieselgipfel und es drohen Fahrverbote. Auch andere Autobauer sind betroffen. Klar ist: Weitere Verzögerungen sind für Millionen Kunden kaum vermeidbar.

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Dass VW seinen Diesel-Kunden eine rasche und problemlose Lösung präsentieren würde, davon war auch direkt nach Bekanntwerden des Abgasskandals nicht auszugehen. Zu groß waren und sind die technischen, regulatorischen und juristischen Herausforderungen für Hersteller, Handel, Zulassungsbehörden und Gerichte.

Software-Updates langsam abgearbeitet

Software-Updates zur Abgasminderung wurden den Kunden - soweit technisch möglich - als Sofort-Maßnahme angeboten und von Behörden teils sogar zwangsweise angeordnet. Im Rahmen der verpflichtenden Rückrufaktion EA 189 zu Fahrzeugen des Volkswagen-Konzerns wurden mehr als 99 Prozent umgerüstet, teilte die Bundesregierung Ende Juni 2019 mit.

Von den ursprünglich im Rahmen des Nationalen Forum Diesel gemeldeten 5,3 Millionen Fahrzeugen sind 85 Prozent umgerüstet. Die Software-Updates für die restlichen 15 Prozent der deutschen und internationalen Hersteller sollen in der zweiten Jahreshälfte 2019 durchgeführt werden.

Probleme bei der Abwicklung

Allerdings hat es innerhalb des Volkswagen-Konzerns in der Umsetzung Unterschiede zwischen Dachmarke und VW-Töchtern gegeben: Vor allem Audi-Kunden wurde viel Geduld wegen Verzögerungen abverlangt. Bei der ebenfalls betroffenen Daimler AG wurden bislang europaweit eine von drei Millionen Autos mit neuer Software ausgestattet. Volkswagen und Daimler sprechen von einem erfolgreichen Verlauf, Kundenbeschwerden lägen im Promillebereich.

Beweislast beim Kunden

BR-Recherchen bei deutschen Automobilclubs und in den Werkstätten des Kraftfahrzeuggewerbes ergaben ein etwas anderes Bild. Kunden bemängelten teils verwirrende und verunsichernde Anschreiben, in denen Hersteller vor technischen Folgeschäden nach Updates warnten.

Tatsächlich beschwerten sich Betroffene immer wieder über eingetretene Defekte. Die Hersteller zeigten sich nach Angaben von Verbraucherschützern dabei nicht immer sehr großzügig, insbesondere wurden seitens der Hersteller keine Garantien gegeben.

Mit Verweis auf das Fahrzeugalter und die hohe Kilometerzahl lag die Beweislast dann regelmäßig beim Kunden. Laut ADAC waren solche Mängelmeldungen aber eher die Ausnahme. Mehrere Untersuchungen hätten zudem gezeigt, dass der Ausstoß an Stickoxiden durch die Updates signifikant gesenkt werden konnte, ohne dass der Verbrauch messbar ansteigt.

Hardware-Nachrüstung als Alternative

Nach langer Wartezeit können Besitzer von Diesel-Pkw mit der Abgasnorm Euro 5 in bestimmten Fällen ihre Autos mit einer Hardware nachrüsten, um so Fahrverbote zu vermeiden. 67 Prozent der Dieselfahrer sind zu einer solchen technischen Nachrüstung bereit, ergab eine aktuelle repräsentative Umfrage der deutschen Automobiltreuhand.

Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) erteilte kürzlich die ersten Genehmigungen (Allgemeine Betriebserlaubnis ABE) zur Dieselnachrüstung – aktuell für 60 Fahrzeugmodelle des VW-Konzerns sowie für einige Mercedes- und Volvo-Modelle, nach Angaben des ADAC bald auch für Fahrzeuge von BMW.

Rund 3.300 Euro Einbaukosten

Die Umrüstung zum Beispiel für einen Golf-Diesel 1.6 TDI BlueMotion (Zulassung 2014/ 77 kW) soll nach Angaben des Herstellers Baumot rund 3.300 Euro kosten, die zunächst der Kunde zahlt. Die Autobauer wollen unter bestimmten Voraussetzungen Nachrüstkosten bis zu 3.000 Euro brutto erstatten. Dazu haben Volkswagen und Daimler offiziell gültige Informationen ins Internet gestellt.

Demnach liegt das technische Risiko einer solchen Nachrüstung allein beim Kunden:

"Der Vertrag zur Nachrüstung Ihres Fahrzeugs kommt ausschließlich zwischen Ihnen und dem gewählten Drittanbieter zustande. Dementsprechend können wir auch keine Gewährleistung oder Garantie gemäß unseren Garantiebedingungen für die Einbauten Dritter übernehmen. Daimler AG steht in keinem vertraglichen Verhältnis zu dem Drittanbieter der Nachrüstlösung." Daimler AG
"Die Vor- und Nachteile einer Nachrüstlösung muss jeder Kunde für sich abwägen. Die Volkswagen AG hält weiterhin andere Maßnahmen für sinnvoller und effizienter. (...) Die Verantwortung für den Einbau und die Funktionsweise liegt ausschließlich bei den Herstellern der Nachrüstlösungen." Volkswagen AG

Autobauer gehen auf Distanz

Zudem wird von den Kunden verlangt, zunächst eine Nachrüstung auf eigene Kosten vorzunehmen, bevor ein Antrag auf Erstattung gestellt und geprüft werden kann. Daimler bezeichnet seine Internetinformation ausdrücklich als "unverbindliche Vorprüfung", für die keine Haftung übernommen werde.

Eine Reihe von Herstellern solcher Hardwarenachrüstungen wird mit Neuigkeiten in den kommenden Wochen auf den Markt kommen. Dabei fallen merkwürdige Meinungsunterschiede zwischen Herstellern und Nachrüstern auf. VW zum Beispiel hält den prämiengeförderten Neukauf seiner Modelle für "sinnvoller und effizienter". Der VW-Nachrüster Baumot hingegen rechnet vor, dass sich die Betriebskosten nach Einbau lediglich um weniger als ein Cent pro Kilometer erhöhen.

BMW und Volvo lehnen Zuschüsse für Hardware-Nachrüstungen ab und verweisen auf die alleinige Haftung der Nachrüster bei Folgeschäden.

Bemängelt wird von Fachleuten, dass eine mögliche Kostenbeteiligung nur für sogenannte von der Bundesregierung definierte Schwerpunktregionen gilt.

"Das ist nicht ausreichend, es muss eine flächendeckende vollständige Kostenübernahme geben. Denn den Schaden haben die Hersteller verursacht!" Christoph Wenzel, Sprecher Verband des Kraftfahrzeuggewerbes Bayern

Kostenbeteiligung in Bayern nur für Schwerpunktregion München

In Bayern ist momentan lediglich München eine solche Schwerpunktregion. Bezuschusst wird, wer dort oder in den angrenzenden Landkreisen wohnt oder in einem Radius von maximal 100 Kilometern pendelt.

Wichtig dabei: Fahrverbote sind keine Bedingung für die Förderung, das heißt Anträge auf Förderung sind ab sofort möglich. Interessierte Dieselfahrer müssen jedoch geduldig sein, bis ihre Nachrüstung erfolgt. Der Vorgang dauert nur etwa einen halben Tag, aber Produktion und Wartelisten können sich bis weit ins kommende Jahr hinziehen.

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Für diese Marken sind Hardware-Nachrüstungen gerade zugelassen worden oder Zulassungen werden erwartet

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Vier Jahre Dieselskandal: Stress, Ärger und Verluste / Jürgen Seitz

Zeitwertverluste beim Diesel nehmen ab

Die Furcht der Diesel-Halter vor Wertverlust scheint berechtigt. Die aktuellen Juli-Zahlen des DAT-Dieselbarometers, einer Gebrauchtwagen-Marktanalyse der Deutschen Automobiltreuhand, zeigen: Drei Jahre alte Benziner haben noch einen durchschnittlichen Restwert von 56,9 Prozent des Neupreises, Diesel hingegen nur 52,3 Prozent. Benziner stehen mit durchschnittlich 80 Tagen auch 13 Tage weniger beim Händler als gebrauchte Diesel.

Weil jedoch allmählich unbelastete Diesel mit der neuen Schadstoffnorm Euro 6d auf den Markt kommen, ist anzunehmen, dass sich das Verhältnis wieder angleicht. Im März 2018 hatten nur noch elf Prozent der Autokäufer vor, ein Dieselfahrzeug zu kaufen. Im Juli 2019 ist dieser absolute Tiefpunktwert wieder auf 17 Prozent gestiegen. Besitzern alter Euro 5 Diesel nutzt das allerdings nichts. Sie erleben unverschuldet einen überproportionalen Wertverlust und müssen eingeschränkte Mobilität durch mögliche Fahrverbotszonen fürchten.

Spiel auf Zeit vor Gericht

Seit Beginn des Abgasskandals wird auch der Rechtsweg von betroffenen Fahrzeughaltern beschritten. Sie fordern in der Regel Erstattung des Kaufpreises gegen Rückgabe ihrer Autos oder alternativ eine Weiternutzung und Teilerstattung des Kaufpreises als Entschädigung. Bislang gab es 37.500 Urteile, 63.000 Verfahren sind nach Angaben von VW noch anhängig. Vor Oberlandesgerichten seien 47 von 54 Urteilen zugunsten von Volkswagen oder der Händler ausgefallen. Gegenwärtig ist vor dem Bundesgerichtshof ein Verfahren gegen die Volkswagen AG anhängig, das in beiden Vorinstanzen zugunsten von Volkswagen entschieden wurde. Eine erste mündliche Verhandlung vor dem Bundesgerichtshof wird voraussichtlich noch in diesem Jahr stattfinden.

Musterfeststellungsklage noch bis 29.9.2019 offen

Wer nicht rechtsschutzversichert ist, das finanzielle Risiko oder den Aufwand einer Individualklage scheut, kann sich noch bis 29.9.2019 der Musterfeststellungsklage der Verbraucherzentralen anschließen. Wichtig zu wissen: Wer sich bis dahin eingetragen hat, verwirkt sein Recht auf Individualklage.

Der Nachteil dabei ist die vermutete Prozessdauer. Ein abschließendes Urteil wird frühestens 2023 erwartet. Sollten die Kläger dann Recht bekommen, müssten sie erneut vor Gericht ziehen, um ihre individuelle Entschädigung zu erstreiten. Juristen erwarten eine Klagewelle, die viele weitere Jahre dauern könnte.

"Es wird deutlich, dass Volkswagen auf Zeit spielt. Denn eine Vielzahl von Gerichten entscheidet, dass nicht der volle Kaufpreis zu erstatten ist, sondern für die gefahrenen Kilometer ein sogenannter Nutzungsersatz in Abzug gebracht werden muss. Und das bedeutet natürlich, dass ein langes Verfahren Volkswagen in die Hand spielt". Ronny Jahn, Verbraucherzentrale Bundesverband e.V.

Unterdessen verlieren die betroffenen Fahrzeuge immer mehr an Wert.