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Desaströs, perspektivlos, einfach schlimm - so bezeichnen bayerische Schweinehalter ihre derzeitige Situation. Aktuell bekommen sie nur 1,25 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht und zahlen drauf. Einige denken ans Aufhören.

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Verzweifelte Schweinehalter: Preise im Sinkflug

Desaströs, perspektivlos, einfach schlimm - so bezeichnen bayerische Schweinehalter ihre derzeitige Situation. Aktuell bekommen sie für ihre Tiere nur 1,25 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht - so wenig wie noch nie. Viele denken ans Aufhören.

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Von
  • Birgit Fürst

Die Schweinehalter sind verzweifelt. Denn sie arbeiten derzeit nicht nur umsonst, sondern zahlen sogar drauf. Um ihre Kosten zu decken, bräuchten sie 1,40 Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht statt 1,25 Euro. Und um Kredite für Ställe abzubezahlen oder etwas zu verdienen, wären 1,60 Euro nötig. Doch solche Preise sind nicht in Sicht, solange Deutschland wegen der afrikanischen Schweinepest vom Export nach China abgeschnitten ist.

Sollte es noch länger bei dem niedrigen Preis bleiben, müssen 20 bis 30 Prozent der Schweinehalter in Bayern aufgeben, prognostiziert Stephan Neher, Vorstandsvorsitzender der Ringgemeinschaft Bayern, des Dachverbandes aller Schweinehalter.

Afrikanische Schweinepest löste Preisverfall aus

Begonnen hatte der Preisverfall vor genau einem Jahr, als im September 2020 das erste an Afrikanischer Schweinepest (ASP) verendete Wildschwein auf deutschem Boden in Brandenburg entdeckt wurde. Deutschland galt nicht mehr als ASP-frei und mehrere Länder stoppten die Importe für deutsches Schweinefleisch, allen voran China. Nach China gingen bis dahin vor allem die in Deutschland unverkäuflichen Teile wie Köpfe, Ohren, Pfoten oder Innereien, etwa 10 Prozent der deutschen Schweineproduktion.

Auch Corona hat Auswirkungen

Zum Exportstopp kam auch noch Corona. Weil Gaststätten und Kantinen geschlossen waren und keine Feste stattfanden, ging der Fleischabsatz nach unten. Und weil wegen infizierter Beschäftigter Schlachthöfe zeitweise zusperren mussten, kam es 2020 zu einem Schweinestau. Das heißt, die schlachtreifen Schweine in den Ställen wurden immer schwerer und fetter. Für schwerere Tiere werden die Landwirte aber schlechter bezahlt.

Zwischendurch leichte Entspannung

Trotzdem entspannte sich die Situation im Lauf der vergangenen Monate leicht. Schweinefleisch wurde in großen Mengen eingefroren, in der Hoffnung, es im Sommer 2021 zu besseren Preisen wieder verkaufen zu können. Länder wie Thailand oder Vietnam erlaubten wieder, dass frisches Schweinefleisch aus ASP-freien deutschen Regionen eingeführt werden durfte.

Schlechte Grillsaison

Doch seit ein paar Wochen ist der Schweinepreis wieder im freien Fall. Einer der Gründe dafür ist die wegen des schlechten Wetters weitgehend ausgefallene Grillsaison. Derzeit werden etwa 20 bis 30 Prozent weniger Schweine in Deutschland geschlachtet als noch vor einem Jahr. Eine Million pro Woche waren es früher. 700.000 bis 800.000 sind es jetzt. Trotzdem entspannt sich der Markt nicht, denn es gibt keinen deutschen oder europäischen Fleischmarkt mehr, sondern nur noch einen globalen Markt.

Europäische Konkurrenz

"Jedes Kilo, das wir in Deutschland weniger produzieren, wird in Spanien oder Dänemark mehr produziert“, sagt Franz Beringer von der Erzeugergemeinschaft Südbayern. Diese Länder haben die Schweineproduktion ausgeweitet und liefern vor allem Edelteile günstig nach Deutschland. Auch in China werden inzwischen mehr Schweine produziert, so dass dort die Preise gefallen sind. Für spanische Unternehmen ist es also lukrativer, das Fleisch nach Deutschland anstatt nach China zu transportieren.

Lebensmitteleinzelhandel unterstützt Schweinehalter

Doch es gibt kleine Lichtblicke. Mehrere Lebensmitteleinzelhandelsunternehmen unterstützen in der derzeitigen existenzbedrohlichen Krise mittlerweile Vertragslandwirte, die mit ihnen Lieferverträge abgeschlossen haben. Rewe zahlt beispielsweise Preise wie vor Ausbruch der afrikanischen Schweinepest plus Zuschläge für die Initiative Tierwohl, für gentechnikfreie Fütterung und für die Teilnahme am Programm "Geprüfte Qualität Bayern". Auch Edeka hat derartige Verträge. Kaufland und Aldi haben ebenfalls angekündigt, Mindestpreise zu zahlen.

Doch nur ein Drittel des Schweinefleischs landet im Lebensmitteleinzelhandel. Der Rest geht zu Fleischverarbeitungsunternehmen und zu Metzgern. Vertreter der Schweinehalter wie Stephan Neher fordern deshalb einen Rettungsschirm mit Mindestpreisen, die den freien Fall der Schweinepreise aufhalten.

Einige Schweinehalter werden zusperren

Sollten sich die Preise nicht erholen, ist damit zu rechnen, dass nochmals 20 bis 30 Prozent der Schweinehalter in Bayern aufgeben werden. Schon in den vergangenen zehn Jahren haben etwa ein Drittel der Betriebe kapituliert. Derzeit gibt es 4.200 Schweine-haltende Betriebe mit mindestens 50 Schweinen oder mindestens zehn Zuchtsauen in Bayern.

Kommt das Fleisch dann aus dem Ausland?

Für Stephan Neher ist der Rückgang der Schweinehalter ein gesellschaftliches Problem: "Die große Gefahr ist, dass sich viele Landwirte aus der Schweineproduktion verabschieden und wir dann Schweinefleisch von irgendwo in der Welt zukaufen, wo nicht die hohen Standards gelten wie in Deutschland. Auch die CO2-Bilanz sieht schlechter aus, weil der Transport noch hinzukommt. Damit wird Familienbetrieben die Existenz entzogen, während die industrielle Landwirtschaft wächst".

Landwirte fordern Rettungsschirm

Die Schweinehalter hoffen jetzt auf die Politik, die einen staatlichen Rettungsschirm aufspannen soll. Sie appellieren aber auch an die Verbraucherinnen und Verbraucher: Wenn sie gezielt bayerisches Schweinefleisch kaufen würden, wäre das hilfreich. Am Mittwoch, den 15. September, veranstaltet das Bundeslandwirtschaftsministerium ein Branchengespräch zum Thema Schweinemarkt und Afrikanische Schweinepest.

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