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Kämpft für mehr Barrierefreiheit: VdK-Präsidentin Verena Bentele unterwegs in München.
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Barbara Fuß
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Kämpft für mehr Barrierefreiheit: VdK-Präsidentin Verena Bentele unterwegs in München.

München im Winterkleid: Für Verena Bentele eine echte Herausforderung. Lange war Schnee für die ehemalige Spitzensportlerin ihr Element. Auf Skiern hat sich die blinde Biathletin Olympiasiege und Weltmeistertitel erlaufen. Seit Mai letzten Jahres ist die 36-Jährige Präsidentin des Sozialverbands VdK - und vertritt deutschlandweit die Interessen von fast zwei Millionen Menschen. Und sie weiß, wovon sie redet, wenn sie in München bei Schnee unterwegs ist:

"Ich mag den Schnee auf der Skipiste oder der Loipe total gerne, aber hier in der Stadt ist er manchmal ein Problem. Geräumt wird halt nur ein kleiner schmaler Weg, und den muss man als Blinder erst mal finden." Verena Bentele, VdK-Präsidentin

Mangelnde Sensibilität bei Software-Programmierern?

Gerade in der Arbeitswelt sind in den letzten Jahren Dank der Digitalisierung einige Barrieren gefallen. Mit Hilfe von Computern und spezieller Sprachsoftware können Menschen mit Handicap den Arbeitsalltag leichter bewältigen. Trotzdem stellen manche digitalen Angebote immer noch unüberwindbare Hindernisse dar, betont Bentele. Software-Programmierern fehle es oftmals an der notwendigen Sensibilität, wenn es darum gehe, Geräte zu entwickeln: Sie würden die bessere Optik der barrierefreien Nutzung vorziehen.

"Ich habe beispielsweise die Bank gewechselt, weil es bei meiner Bank nicht mehr möglich war, mich selbstständig einzuloggen. Es ist so: Wenn ich mit der Bildschirmauslesesoftware, mit dem Screenreader, über den Bildschirm gehe, wird der Programmpunkt "Login" immer übersprungen. Und das bringt mir dann natürlich nichts mehr." Verena Bentele, VdK-Präsidentin

Seit fünf Jahren pendelt Bentele bereits zwischen München und Berlin. Schnell und unkompliziert an Geld zu kommen, ist für sie wichtig. Doch wo früher ein Bankmitarbeiter helfen konnte, stehen heute fast nur noch Automaten. Und bei diesen vermisst Bentele eine blindengerechte Bedienmöglichkeit:

"Ich würde gerne Geld abheben. Da ich aber den Automaten nicht kenne, weiß ich nicht, ob ich erst die Geheimnummern eingeben muss oder erst auf Auszahlung drücken muss. Da fehlt leider eine blindengerechte Bedienmöglichkeit durch einen Kopfhörer, den ich anschließen kann." Verena Bentele, VdK-Präsidentin

Fortschritte durch mobile Apps

Ohne Audioguide bleiben blinde Menschen in vielen Kontexten chancenlos. Beim Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund laufen solche Probleme täglich auf. In Internetforen und Techniktreffs tauschen sich die Mitglieder darüber aus, wo es barrierefreie Bankautomaten gibt oder wie man Barcodes auf Produkten besser erkennt. Mitarbeiter wie Aleksander Pavkovic geben dann Auskunft, welche App etwa die Striche auf den Verpackungen am besten findet. Wenn Mitglieder technische Barrieren entdecken, fordert er im Namen des Vereins die Hersteller solcher Produkte auf, diese für Blinde besser nutzbar zu machen. Doch allzu oft finde er kein Gehör:

"Die Selbsthilfe gerade im Sinne von Erfahrungsaustausch von Strategien, wie gehe ich mit einer bestimmten Situation um, das wird immer wichtig bleiben. Wobei das größte Manko immer noch ist: Die Privatwirtschaft wird immer noch nicht zur Barrierefreiheit verpflichtet." Aleksander Pavkovic, Bayerischer Blinden- und Sehbehindertenbund e.V.

Mobilitäts-Apps mit Sprachausgabe sind für Blinde ein großer Fortschritt. Mit ihnen ist Verena Bentele mittlerweile viel selbstständiger mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. An immer mehr U- und S-Bahn-Stationen wurden Barrieren für Rollstuhlfahrer abgebaut. Und auch hilfreiche Ansagen in Zügen und an Bahnhöfen sind jetzt vielerorts Standard. Doch manchmal fehlt es nur an Kleinigkeiten:

"Was total schön wäre, wenn am Geländer eine kleine Markierung in Brailleschrift wäre, wo draufsteht: Das ist jetzt eine Straße sowieso, das ist jetzt hier der Marienplatz mit dem Ausgang zum Kaufhof zur Theatinerstraße, zur Kaufingerstraße. Das wäre super." Verena Bentele, VdK-Präsidentin

Gesetzliche Regelung für private Anbieter gefordert

Bentele fordert mehr barrierefreie Haushaltsgeräte, die sehbehinderten Menschen zu mehr Selbständigkeit im Alltag verhelfen. Wie zum Beispiel Waschmaschinen mit akustischen Signalen. Das Problem: Blinde Menschen scheinen aus Sicht vieler Hersteller keine relevante Zielgruppe zu sein, da zu wenige. Für Bentele wäre deshalb eine gesetzliche Regelung angebracht:

"Mein Größter Wunsch ist tatsächlich, dass durch eine gesetzliche Änderung endlich auch die privaten Anbieter von Dienstleistungen und Produkten zur Barrierefreiheit verpflichtet werden. Dass jeder Hersteller sich über Barrierefreiheit Gedanken machen muss. Und das nicht nur als freiwillige Leistung macht oder als Add-on, sondern dass wirklich immer Barrierefreiheit mitgedacht wird. Dann sind wir einen großen Schritt weiter." Verena Bentele, VdK-Präsidentin

Außerdem wünscht sich Verena Bentele eine App, die die Umgebung erkennt. Die ihr sagt: Links steht ein Fahrrad. Rechts ist ein Schneehaufen. Damit sie auch im Winter zielsicher unterwegs sein kann.