BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite
© picture alliance/dpa | Oliver Dietze
Bildrechte: picture alliance/dpa | Oliver Dietze

Symbolfoto einer Impfung gegen das Coronavirus

112
Per Mail sharen

    Überschüssige Impfstoffdosen: Aufbrauchen oder wegwerfen?

    In jeder Phiole ist mehr Corona-Impfstoff enthalten, als zugelassen ist. Doch wie mit diesen überschüssigen Dosen zu verfahren ist, darüber herrscht große Unsicherheit: Wegwerfen oder verimpfen – gar gemixt aus Resten unterschiedlicher Ampullen?

    112
    Per Mail sharen
    Von
    • Jeanne Turczynski
    • BR24 Redaktion

    In Bayern wurden bisher über 5,6 Millionen Impfdosen verabreicht. 9,2 Prozent der Menschen sind vollständig gegen Corona geimpft, also gut 1,2 Millionen Menschen. Das Impfen geht allmählich schneller, aber noch nicht schnell genug.

    Immer noch landet Impfstoff im Müll

    Deshalb wird inzwischen ein kürzerer Impfabstand empfohlen, etwa bei den Impfungen von Astrazeneca. Und deshalb wird auch darüber diskutiert, warum eigentlich immer noch Corona-Impfstoff im Müll landet. Das passiert, weil in den Impffläschchen, den Phiolen, mehr Impfstoff enthalten ist, als offiziell zugelassen bzw. angegeben. Ministerpräsident Markus Söder hat kürzlich dazu erklärt, die zusätzlichen Dosen könnten verimpft werden.

    Was passiert mit dem restlichen Impfstoff aus den Ampullen?

    Theoretisch ist die Sache eindeutig. In jedem Fläschchen Impfstoff von Biontech sind offiziell sechs Dosen enthalten. Die Praxen bekommen ein Konzentrat geliefert, das vor Ort mit Kochsalzlösung verdünnt wird.

    Tatsächlich kann mit den richtigen Spritzen aber mehr aus einer Flasche gewonnen werden, sagt die Münchner Hausärztin Ulrike Siegmund: "Wir machen das inzwischen so, dadurch dass wir mehr Routine haben, dass wir aus Biontech sieben Impfdosen aus einem Fläschchen und bei Astrazeneca elf pro Flasche bekommen. Wir planen daher so, dass wir bei vier Fläschchen Biontech an einem Tag zwei Zusatzpatienten auf jeden Fall fest mit einplanen." Für die Medizinerin ist schon seit Wochen klar: Eine vollständige Impfdosis darf nicht vernichtet werden. Sie befindet sich damit in guter Gesellschaft. Viele ihrer Kollegen machen es ähnlich.

    Bisher gibt es keine offizielle Regelung zur Mehrentnahme

    Allerdings bewegte sie sich damit bisher in einer rechtlichen Grauzone, erklärt Ulrich Weigeldt, der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands. "Geregelt ist, dass sechs Dosen entnommen werden können, weil die Firma Biontech das beantragt und genehmigt bekommen hat. Wir diskutieren jetzt über die siebte Dosis. Sechs oder sieben Dosen macht einen Unterschied, ob ich elf Prozent Menschen mehr impfen kann oder nicht. Insofern sind wir natürlich sehr hinterher, dass wir tatsächlich alles nutzen, was sie an Impfstoff bei der Knappheit haben, die es gibt. Und: Wir haben keine offizielle Regelung. Allerdings ist es so, dass daran gearbeitet wird, den Rechtsschutz für die Ärztinnen und Ärzte zu sichern."

    Bayern will vollständigen Verbrauch zulassen

    Inzwischen hat sich auch der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek für eine fachgerechte Verwendung der überzähligen Impfdosen ausgesprochen. Das soll nun auch in Bayern so gemacht werden, erklärte Ministerpräsident Markus Söder und berief sich dabei auch auf das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit LGL.

    "Laut unserem LGL ist es ganz klar und völlig in Ordnung, aus der Ampulle die letzte Spritze zu ziehen." Ministerpräsident Markus Söder

    In den Impfzentren herrscht Verunsicherung

    Hausärztevertreter Ulrich Weigeldt sagt, besonders in den Impfzentren gebe es viel Verunsicherung. Dort würde immer noch Impfstoff weggeschmissen. "In manchen Impfzentren gibt es allerdings Apotheker, die dann den Zeigefinger wegen der Zulassung heben. Das ist der Schwachpunkt an der Regelung, dass es eben nicht in der Zulassung direkt drinsteht."

    Auch Reste aus den Ampullen werden zusammengemischt

    Bisweilen bleibt in den Biontech-Ampullen auch keine vollständige Dosis Impfstoff übrig, allerdings ein großer Rest. Einige Ärzte haben inzwischen öffentlich geäußert, dass sie auch Reste des Impfstoffs mischen, um dann eine vollständige Dosis zu erhalten, die verimpft werden kann.

    Aus Sicht des Mediziners Ulrich Weigeldt kein Problem. "Eigentlich kann da gar nicht viel passieren, wenn die Impfung ordentlich durchgeführt worden ist. (…) Das Problem, was manchmal diskutiert wird, sind eventuelle Impfschäden nach einer erfolgten Impfung, die aber generell in der Pandemie-Zeit durch den Staat abgedeckt sind." Entscheidend ist die gleiche Charge des Impfstoffs.

    Ständige Impfkommission warnt vor Poolen von Impfstoffresten

    Der Infektionsimmunologe Christian Bogdan von der Friedrich-Alexander Universität Erlangen Nürnberg sieht das anders. Er ist Mitglied der Ständigen Impfkommission und warnt: "Das Poolen von Impfstoffresten aus verschiedenen Mehrdosisgefäßen ist weder aus arzneimittelrechtlichen noch aus hygienischen Gesichtspunkten statthaft."

    Rein rechnerisch sind seit dem Beginn der Impfungen Ende Dezember bis zu 15 Prozent der möglichen Biontech-Dosen verworfen worden. Weltweit wären das weit über eine Million Impfdosen. Hausärztin Ulrike Siegmund verimpft jedenfalls weiter ihr zusätzlichen Impfdosen, "damit keine Dosis verfällt oder im Müll landet."

    Grafik: Diese Impfstoffe sind für Deutschland zugelassen

    © BR24
    Bildrechte: BR24

    Die Covid-19-Impfstoffe, ihre Wirksamkeit, die Altersempfehlung und der Impfabstand

    "Darüber spricht Bayern": Der BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!