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Flagge von EU und China auf rotem Grund
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Flagge von EU und China auf rotem Grund

Der 18. Mai 2016 markiert einen Wendepunkt in den Beziehungen zwischen China und Deutschland. An diesem Tag teilte ein chinesischer Konzern mit, dass er den Roboterhersteller Kuka kaufen möchte. Das Augsburger Unternehmen ist eine Perle der deutschen Wirtschaft, Vorreiter der Industrie 4.0, weltweit führend im Bau von Robotern.

Vorstandschef Till Reuter, der seit 2009 Kuka leitet, setzt sich damals engagiert für den chinesischen Interessenten ein. Heute hält der Midea-Konzern 95 Prozent der Kuka-Aktien. Midea produziert Waschmaschinen, Küchengeräte und Klimaanlagen für den chinesischen Markt. Und Reuter verlässt nun das Unternehmen, über die Hintergründe wird spekuliert.

Chinesische Unternehmen auf Einkaufstour

Kuka ist nur ein Beispiel von vielen. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung zeigt: Zwischen 2014 und 2017 haben sich chinesische Firmen an insgesamt 26 Unternehmen in Bayern beteiligt. Vergangene Woche kam noch der Chemiefaser-Hersteller Cordenka aus dem Landkreis Miltenberg hinzu, der für 240 Millionen Euro in chinesische Hände wanderte.

Hinter vielen dieser Zukäufe steckt dieselbe Frage wie im Fall von Kuka: Warum übernimmt ein Unternehmen wie Midea eine deutsche High-Tech-Ikone?

Chinas Strategie: "Made in China 2025"

Die Antwort liefert Chinas Staatsführung. Vor der spektakulären Kuka-Übernahme stellte sie den Fahrplan für die nächsten Stufen der wirtschaftlichen Landesentwicklung vor. Die traditionellen Fünfjahrespläne zeigen, wie die kommunistische Volksrepublik bis zum 100. Jahrestag ihrer Gründung zur industriellen Weltmacht heranwachsen soll.

Ein Zwischenziel: Spätestens 2025 erwartet die politische Führung, dass Chinas Industrie im globalen Maßstab "stark" sein wird. Westliche Konkurrenten sollen bis dahin abgehängt werden, chinesische Unternehmen zu globalen Champions heranwachsen. Genau dazu braucht es eben den Aufkauf von Firmen wie den Augsburger Roboter-Champion. Automatisierung ist eine Schlüsseltechnologie.

Deutschland immer abhängiger von China

"Die ganze Mechanik im Systen hat sich verändert" Mikko Huotari, Mercator Institut for China Studies (MERICS)

Wirtschaftliche Stärke durch führende Technologie: Dieses deutsche Erfolgsmodell will China jetzt nicht mehr einfach nur kopieren, sondern in den kommenden Jahren ablösen. In Berlin sitzt MERCIS, eines der weltweit größten Forschungsinstitute für die gegenwartsbezogene und praxisorientierte China-Forschung.

Sein stellvertretender Direktor Mikko Huotari hat den Paradigmenwechsel wissenschaftlich herausgearbeitet. Die alte Logik, wonach China Deutschland brauche, stimme so nicht mehr. Es sei jetzt eher umgekehrt. Deutschland gerate immer stärker in Abhängigkeit von China. Die Volksrepublik werde zum globalen Innovationstreiber. "Die ganze Mechanik im System hat sich verändert", sagt der China-Experte.

Wachstums-Potential oder Technologie-Transfer?

Noch-Kuka-Chef Reuter malte den Verkauf an Midea bisher in den schönsten Farben: "Wir sehen da Riesen-Potentiale", erklärte er etwa am Rande der Hannover-Messe. Als chinesisches Unternehmen könne man weit stärker wachsen als bisher. Roboter könnten bald chinesische Handys zusammenbauen oder in Krankenhäusern eingesetzt werden.

Klar ist: Es gelten auch nach dem überraschenden Ausscheiden Reuters die vereinbarten Garantien für die Mitarbeiter am Standort Augsburg und für den Schutz des geistigen Eigentums von Kuka. Andererseits: Der Produktionsschwerpunkt wird Zug um Zug nach China verlagert. Dort werden bald die neuen Roboter hergestellt.

Ist die Verlagerung von Forschung und Entwicklung also nur noch eine Frage von wenigen Jahren? Die Angst vor dem Bedeutungsverlust des Standorts Augsburg bleibt. Auch weil die Region in letzter Zeit mit Ledvance und Fujitsu gleich zwei Rückschläge verkraften musste.

Ex-Kuka-Vorstand Stefan Söhn

Ex-Kuka-Vorstand Stefan Söhn