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The Great Reset – Szenarien für eine neue Wirtschaftsordnung | BR24

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Logo des Weltwirtschaftsforums in Davos

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    The Great Reset – Szenarien für eine neue Wirtschaftsordnung

    Unter diesem Motto steht das diesjährige Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos. Grundlage dafür sind die Thesen und Szenarien die WEF-Gründer Klaus Schwab und Thierry Malleret im Juni in einem gleichnamigen Buch veröffentlicht haben. Eine Analyse.

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    Von
    • Christine Bergmann

    "The Great Reset" – Der englische Originaltitel ist etwas irreführend. Er suggeriert, dass einfach jemand einen Knopf drückt und unser Weltsystem neu startet. Der deutsche Titel "Der große Umbruch" zeigt genauer, um was es darin geht.

    Zeitenwende

    Die Corona-Krise ist eine Art Zeitenwende, oder kann sie sein. Ein Punkt, an dem sich unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft, der Einfluss des Staates, die Zusammenarbeit der Nationen, die Unternehmen verändern können und nach Einschätzung der Autoren auch verändern werden.

    Schwab und Malleret zeigen in ihrem Buch Optionen auf, ziehen historische Vergleiche und analysieren mit großem Sachverstand und Wissen aus ihrer langen Lebenserfahrung die aktuelle Situation. Sie versuchen Szenarien zu entwickeln, in welche Richtung es gehen könnte.

    "Die durch Covid-19 verursachte weltweite Krise hat der Gesellschaft eine Zwangspause verordnet, um darüber nachzudenken, was wirklich von Wert ist. Jetzt da die wirtschaftlichen Notmaßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie in Kraft getreten sind, kann die Gelegenheit genutzt werden, um institutionelle Veränderungen in die Wege zu leiten und politische Entscheidungen zu treffen, die die Volkswirtschaften auf einen neuen Weg in eine gerechtere, grünere Zukunft führen." (Aus: Der große Umbruch, S. 64 f)

    Digitalisierung

    Ansatzpunkte dafür gibt es viele, die Autoren arbeiten einige durch. Mal mit überraschenden Ideen, mal mit Thesen, die wir derzeit von vielen Ökonomen hören. Eine davon ist, dass die aktuelle Krise den technischen Wandel, die Digitalisierung beschleunigt. Ein Trend, den Schwab und Malleret für unvermeidlich halten und sie verschweigen auch nicht, dass kurzfristig viele Arbeitsplätze dadurch verloren gehen können. Sie sehen aber mittel- und langfristig keine andere Wahl.

    Gerechtigkeit und die Rolle des Staates

    Eher überraschend sind die Ausführungen zur sozialen Gerechtigkeit und der Rolle des Staates dabei. Die Pandemie könnte, so Schwab und Malleret, den Neoliberalismus endgültig zu Tode tragen. Sie prangern die "Tyrannei des BIP-Wachstums" an. Sie plädieren dafür, neue Modelle einzuführen und grundsätzlich die Rolle der Märkte in Wirtschaft und Gesellschaft zu überdenken. Hierbei wird sich auch die Rolle des Staates verändern. Er sollte – so die Ansicht der Autoren - nicht nur die Grundregeln setzen und überwachen, sondern sie viel mehr gestalten. Die Vorschläge werfen einige alteingesessene Theorien über den Haufen – was nicht allen Managern und Politikern gefallen dürfte, die auch auf dem WEF – und damit mit Schwab und Malleret – verkehren.

    Auch die Ausführungen zur Geldpolitik sind eher überraschend – wenngleich auch diese Vorschläge in der Ökonomie nicht ganz neu sind. Die Aufhebung der Grenze zwischen Geld- und Fiskalpolitik, sprich: die absolute Unabhängigkeit der Notenbank wird in Frage gestellt. Allerdings halten sich Schwab und Malleret hier zurück - eine Wertung, einen Wunsch äußern sie nicht, sie stellen nur die allgemein diskutierten neuen Wege dar.

    Grüne Wirtschaft

    Eine grünere Wirtschaft – auch das wird in der Krise von vielen Seiten diskutiert. Haben wir jetzt die Chance, dorthin zu kommen? Wenn, wie die Autoren fordern, unser gesamtes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem auf dem Prüfstand steht, dann könnten jetzt die Weichen dafür gestellt werden. Mit einem aktiveren Staat und innovativen Unternehmen könnte das gelingen – das hat die Politik ja bereits erkannt. Die EU versucht genau das mit ihrem "European Green Deal".

    Unternehmen

    Den Unternehmen empfehlen Schwab und Malleret, umzudenken. Weg vom alten Shareholder Value, der sich allein am Gewinn orientiert und das Wohl des Eigentümers im Blick hat. Hin zum Stakeholder Value, der auch alle gesellschaftlichen Gruppen, die von der Unternehmenspolitik betroffen sind, berücksichtigt. Diesen Ansatz propagiert Klaus Schwab schon lange. Und viele Unternehmen haben da auch bereits umgeschwenkt. Dieser Trend könnte sich aber durch Corona weiter verstärken, vor allem dann wenn der Druck der Verbraucher oder der Investoren zunimmt. Viele Investmentfonds zum Beispiel fordern heute schon von den Unternehmen, dass sie weiterdenken - sonst bekommen sie kein Geld.

    Fazit

    "Der große Umbruch" zeigt, wo wir neu nachdenken könnten. Und in welche Richtung. Das Buch gibt zum Teil überraschende Denkanstöße, zum Teil wiederholt es, was schon länger breit diskutiert wird. Es sind keine revolutionären Ideen, aber genau das macht sie interessant. Denn sie bleiben realistisch. Vieles davon ließe sich umsetzen, für manches aber braucht es auch noch einen breiten gesellschaftlichen Dialog und eine wieder stärkere internationale Zusammenarbeit.

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