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Wenn Menschen sich teure Wochenendsitz kaufen und so die Preise hochtreiben, trifft das die, die seit Generationen dort wohnen und nicht so begütert sind. Darunter kann das Sozialgefüge leiden. Zugereiste können aber auch einen Mehrwert bringen.

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Tegernsee im Wandel: Wie neue Anwohner die Region verändern

Wenn Menschen sich teure Wochenendsitze kaufen und so die Preise hochtreiben, trifft das die, die seit Generationen dort wohnen und nicht so begütert sind. Darunter kann das Sozialgefüge leiden. Zugereiste können aber auch einen Mehrwert bringen.

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Von
  • Antonia Böhm

Der Tegernsee ist ein beliebtes Ausflugsziel, vor allem für Münchner. Aber die Region wird auch immer mehr belagert von Promis und Reichen. An kaum einem anderen Ort ballt sich mehr Wohlstand als am Tegernsee. Immobilienmakler, Topmanager und Fußballstars treffen hier aufeinander. Wer direkt am See ein Haus besitzt, darf sich vermögend nennen.

Evi Salzberger ist in Rottach-Egern am Tegernsee aufgewachsen, wohnt hier mit ihrem Mann Hans in dritter Generation. Günstigen Wohnraum gibt es kaum, das Angebot an Baugrund ist begrenzt. Wer wie die Salzbergers ein eigenes Haus geerbt hat, kann sich glücklich schätzen. Denn die Preise sind in den letzten Jahren explodiert. "Des ist halt schade, weil unsere Kinder finden hier schlecht bezahlbare Wohnungen, weil`s einfach zu teuer ist vom Grundstückspreis", sagt sie.

Das Geld verändert die Region

Vieles hat sich verändert in ihrem Ort: Alte Häuser wurden verkauft, Erbengemeinschaften aufgelöst. Dafür gibt es in direkter Nachbarschaft immer mehr Zweitwohnsitze, deren Besitzer nur wenige Wochen im Jahr da sind.

"Früher, wenn man durch den Ort gegangen ist, da hat man fast jeden gekannt, den Bäcker und den Metzger und die Leut halt, die da wohnen", erinnert sich Evi Salzberger. Jetzt sei es anders und fremd. Die Nachbarn von nebenan kenne man. Zwei, drei Häuser weiter und gegenüber auch noch, aber "dann ist es schon vorbei, weil des ist ja alles aufgekauft worden, neu gebaut worden, mit den Leuten hat man keinen Kontakt. Schon sehr schade und die Überfremdung ist schon deutlich zu spüren", findet Evi Salzberger.

Andere freuen sich über die "Zuagroasten", die ihr Geld an den Tegernsee bringen, egal ob als Touristen oder, um hier zu leben.

Erste Kapitänin auf dem Tegernsee

Auch die 42-jährige Najd Boshi ist am Tegernsee gestrandet. Im Jahr 2014 musste sie aus dem syrischen Aleppo fliehen. Jetzt hat sie sich am Tegernsee eine neue Existenz aufgebaut und etwas Besonderes geschafft: Sie ist die erste Kapitänin auf dem Tegernsee, bei der Bayerischen Seenschifffahrt. Bisher war das eine reine Männerdomäne.

Frauen als Fahrgäste reagierten immer positiv auf sie, sagt Najd Boshi. Manche Männer würden schon mal sagen "Frau am Ruder". "Aber die jungen Männer finden es auch cool und schön", sagt Najd Boshi.

Najd fühlt sich inzwischen wohl in Tegernsee. Mit Unterstützung der Gemeinde hat sie eine bezahlbare Wohnung für sich und ihre beiden Kinder gefunden. So kann sie es sich leisten, am Tegernsee zu wohnen und muss nicht wie viele andere Dienstleister jeden Tag pendeln.

"Es geht nicht um reich oder arm, es geht um Menschlichkeit", sagt sie. "Die Leute sind menschlich hier und sie haben ein gutes Herz, deswegen habe ich es hier geschafft."

Sternekoch aus dem Ruhrpott kocht am Tegernsee

Auch Christian Jürgens hat es geschafft, bis an die Spitze. Er ist Drei-Sterne-Koch und einer der Superstars der deutschen Spitzengastronomie. Seit zwölf Jahren arbeitet er im Gourmet-Restaurant "Überfahrt" in Rottach-Egern. Er hat wieder Schwung in die satt gewordene Szene gebracht.

In seinem Herzen ist der Mann aus dem Ruhrpott längst ein Tegernseer. Er fühle sich hier wahnsinnig geborgen, wahnsinnig wohl, sagt er. "Aber Sie können hier natürlich, wenn Sie durch den Ort gehen, auch so ein bisschen etwas erleben, was Sie vielleicht an der Côte d’Azur oder auch im Winter in St. Moritz sehen. Es kommt immer drauf an, auf was man den Fokus lenkt", sagt Christian Jürgens.

Ihm sei es eigentlich gar nicht so wichtig, welche Leute am Tegernsee seien, "sondern mir ist es für mich persönlich wichtig, dass ich hier einen Platz gefunden habe, an dem ich mich persönlich wohl fühle, und an dem ich in meiner Profession nachgehen kann".

Das macht er auf höchstem Niveau. Er kocht nicht einfach Gerichte. Es sind kleine Kunstwerke für den anspruchsvollen Gaumen.

Einkaufen in Tegernsee ist teuer

Evi Salzberger und ihr Mann bummeln gerne mal durch die Seestraße in Rottach-Egern. Außer edlen Boutiquen, Schmuck- und Dekoläden gibt es allerdings wenig. Einkaufen für den Hausgebrauch ist schwierig.

"Schaufenster schaue ich schon ganz gerne", sagt Evi Salzberger. Aber für sie seien die Sachen unerschwinglich. "Höchstens, wenn`s mal so Rabattaktionen gibt, kauf ich mir vielleicht mal was, sonst fahr ich nach München oder Rosenheim oder Holzkirchen, da ist es wesentlich günstiger."

Hohe Preise für Immobilien am Tegernsee

Selbst Drei-Sterne-Koch Christian Jürgens tut sich mit den Preisen rund um den See schwer. Er würde gerne für sich und seine Familie ein Haus bauen. Doch obwohl der 51-Jährige für die Oberschicht kocht, kann er sich das nicht leisten, zumindest nicht in See-Nähe.

"Die Grundstückspreise sind hier in den letzten Jahren explodiert und es ist nicht so einfach, dass ich jetzt hier losgehen kann und sage, jetzt möchte ich gerne ein Haus bauen", beschreibt Christian Jürgens. Er hat sich hier gefunden und möchte sich eigentlich gerne am Tegernsee dauerhaft niederlassen.

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