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Tag und Nacht auf der Straße: Leben als LKW-Fahrerin | BR24

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Trotz Dauerstress: Sarah Klepsch mag ihren Job als LKW-Fahrerin

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    Tag und Nacht auf der Straße: Leben als LKW-Fahrerin

    Immer mehr Güter werden über die Straße transportiert. Auch LKW-Fahrerin Sarah bekommt die Folgen zu spüren: Zeitdruck, Stress und viel zu wenig Parkplätze. Protokoll einer LKW-Tour durch Deutschland.

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    Eine Molkerei in Bissingen bei Donauwörth, es ist kurz vor halb elf am Vormittag. Eigentlich hätte Sarah Klepsch schon vor fünf Stunden hier sein sollen. Doch bei ihrem letzten Kunden gibt es Probleme.

    Sie schickt eine Sprachnachricht: "Die haben im Lager wohl keinen Platz, deshalb muss ich wieder warten. Das läuft heute leider nicht so gut.“

    Sarah sollte frische Lebensmittel an das Zentrallager eines großen Discounters liefern und dann weiter zur Molkerei nach Bissingen fahren.

    Sechs Stunden Verspätung - keine Seltenheit

    Mittlerweile ist es halb zwölf: Sechs Stunden später als geplant kommt Sarah an. Doch ihr Arbeitstag ist noch nicht vorbei: Zuerst muss sie ihren LKW neu beladen – dann ist endlich Feierabend.

    15 Stunden hat sie gearbeitet. Ihre Pause verbringt die 27-Jährige im LKW. Ihr Bett befindet sich hinter Fahrer- und Beifahrersitz. Darüber ihr Name als pinker Neonschriftzug. Im Bettkasten befindet sich ihr Kühlschrank. Während die Molkerei-Mitarbeiter in die Mittagspause gehen, macht sich Sarah bettfertig. Duschen kann sie in der Molkerei, dort gibt es extra Duschräume.

    Von Donauwörth nach Hamburg

    Neun Stunden später, um 20.30 Uhr, beginnt Sarahs nächste Schicht. Ihr LKW ist beladen mit Milchprodukten. Erstes Ziel: Ein Discounter in der Nähe von Hamburg - gut 700 Kilometer entfernt. Zwischen sieben und acht Uhr morgens soll sie beim Kunden ankommen – wenn es gut läuft.

    "Ich hab‘ auch mal geguckt im Verkehr: Im Moment sind vier Kilometer Stau – also ich hoffe, da tut sich noch eine bisschen was." Sarah Klepsch, LKW-Fahrerin

    Aber erst einmal muss sie es zur Autobahn schaffen.

    "Die ersten zehn Kilometer sind ein bisschen eng. Die sind eigentlich gar nicht so für LKW-Verkehr ausgelegt. Da müssen wir ein bisschen vorsichtig fahren." Sarah Klepsch, LKW-Fahrerin

    Ein Traktor kommt ihr entgegen, sie muss stehen bleiben. All das kostet Zeit. Obwohl Sarah viel Stress hat – LKW-Fahren ist ihr Traum-Job. Mit vier Jahren ist sie das erste Mal mitgefahren.

    "Mein Papa ist LKW-Fahrer – von dem hab‘ ich das Ganze. Und dann immer, wenn ich Zeit hatte in den Ferien, hat er mich mitgenommen." Sarah Klepsch, LKW-Fahrerin

    Weniger als zwei Prozent der LKW-Fahrer sind weiblich

    Als LKW-Fahrerin ist Sarah eine Ausnahme: Nicht mal zwei Prozent der Brummi-Fahrer sind weiblich. Das liegt auch an den Arbeitsbedingungen, glaubt Sarah. Neben dem permanenten Zeitdruck ist der Job manchmal auch sehr einsam.

    Auch Sarahs Freund Robin fährt LKW – meist sehen sich die beiden nur am Wochenende. Und auch sonst ist es nicht leicht, Freundschaften zu pflegen. Selbst telefonieren ist schwierig, weil sie immer nachts arbeitet.

    "Die müssen schon sehr viel Verständnis haben. Auch das man am Wochenende keine Lust mehr hat noch was zu machen." Sarah Klepsch, LKW-Fahrerin

    Größtes Problem: Parkplatzsuche

    Ein einsamer Job. Doch an diesem Abend gibt es eine unverhoffte Begegnung. Sie überholt einen LKW von der gleichen Spedition - ein befreundeter Kollege. Über Funk verabreden sie, dass sie an der nächsten Raststätte rausfahren und gemeinsam Pause machen. Doch schon als Sarah die Ausfahrt nimmt, zeigt sich: es gibt ein Problem.

    "Wenn du anfängst abends nen Parkplatz zu suchen, da bist du verloren in Deutschland. Einfach, weil es so viele Lkw sind." Sarah Klepsch, LKW-Fahrerin

    Deswegen stellen sich Sarah und Daniel direkt an die Tankstelle – da wo normalerweise die Autos zum Tanken stehen. 15 Minuten ratschen mit dem Kollegen: Für Sarah und Daniel eine willkommene Abwechslung im nächtlichen Arbeitsalltag.

    Es geht weiter. Sarah und Daniel kommen mit ihren LKW kaum vom Parkplatz runter, weil auch hier alles zu geparkt ist.

    "Die scheinen da schon wieder geparkt zu haben, wie die letzten Völker! Wie kann man sich so hinstellen?! Es gibt einfach keinen Platz zum Parken und zum Schlafen, weil es einfach viel mehr LKW gibt als Parkplätze." Sarah Klepsch, LKW-Fahrerin

    Immer mehr Unfälle durch LKW

    Und das kann tödliche Folgen haben. Im Juni blockiert ein Lastzug auf der A5 nahe Karlsruhe eine Parkplatzeinfahrt. Ein mit 40 Menschen besetzter Fernbus kann nicht mehr ausweichen und fährt auf den Lastwagen auf. Sieben Menschen werden zum Teil schwer verletzt. Weitere Folgen: Vollsperrung, lange Staus und hoher Sachschaden.

    Kein Einzelfall: Im vergangenen Jahr waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 8611 Lastwagen auf Autobahnen an Unfällen mit Verletzten und Toten beteiligt. Wie oft ein voller Parkplatz Ursache war, verrät die Statistik nicht. Experten sehen da allerdings einen Zusammenhang.

    "Vollgestellte Rastplätze an Autobahnen sind ein bundesweites Thema, vor allem an den großen Transitautobahnen." Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer

    Bis zu 40.000 LKW-Parkplätze fehlen

    Brockmann ist sich sicher: Das geschieht nicht aus Bequemlichkeit. "Lkw-Fahrer machen das aus purer Verzweiflung", so Brockmann. Sie müssen nach Stunden am Steuer ihre gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten einhalten. Das heißt: Nach spätestens viereinhalb Stunden müssen sie eine Pause einlegen.

    Der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung schätzt, dass bundesweit zwischen 35.000 und 40.000 Lkw-Stellplätze fehlen.

    Fracht abladen in der "Pause"

    Mittlerweile ist es hell. Sarah ist immer noch knapp dran. Und je später es wird, desto dichter wird der Verkehr.

    Um viertel nach acht kommt Sarah bei ihrem ersten Kunden an: das Zentrallager eines großen Discounters. Hier muss sie die Ware selbst ausladen – eigentlich gehört das nicht zu ihrem Job. Einige große Discounter verlangen das trotzdem – selbst, wenn die Trucker ihre gesetzlich zulässige Lenkzeit bereits erreicht haben und sie eigentlich Pause machen müssten.

    Damit Sarah ihre Lenkzeit nicht überschreitet, muss sie sich beeilen. Denn sie muss gleich noch zu einem weiteren Kunden: eine große Spedition in der Nähe von Lübeck. Nach gut 13 Stunden ist ihr Arbeitstag zu Ende.

    "Manche können sich gar nicht dran gewöhnen. Aber ich bin ein Nachtmensch, mir gefällt das nachts zu fahren." Sarah Klepsch, LKW-Fahrerin

    Deswegen wird sie wieder aufbrechen: Um 23 Uhr beginnt ihre nächste Tour – Richtung Westen.