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Studie: Atomkraft zu teuer für den Klimaschutz | BR24

© BR / Dirk Vilsmeier

Atomkraft rechnet sich nicht. Auch nicht als vermeintlich klimaschonende Art der Stromerzeugung. Zu diesem Ergebnis ist jetzt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung gekommen. So genau hat das bislang noch niemand nachgerechnet.

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Studie: Atomkraft zu teuer für den Klimaschutz

Atomkraft rechnet sich nicht. Auch nicht als vermeintlich klimaschonende Art der Stromerzeugung. Zu diesem Ergebnis ist eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) gekommen. So genau hat das bislang noch niemand nachgerechnet.

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Fünf Milliarden Euro Verlust macht ein durchschnittliches Atomkraftwerk in seiner gesamten Laufzeit. Und das ist lediglich die betriebswirtschaftliche Rechnung, die die Endlagerung des Atommülls noch gar nicht berücksichtigt. Deshalb warnt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) davor, neue Atomkraftwerke zu planen.

Deren Bau wird derzeit weltweit auch damit begründet, dass die Kraftwerke CO2-freien Strom herstellten. Das lohne sich wegen der hohen Kosten und der Umweltrisiken aber nicht, so das DIW.

DIW: Atomkraft ist eine irre kostspielige Technologie

Entgegen der ursprünglichen Erwartungen ist der Bau und Betrieb von Atomkraftwerken, so die Berechnungen des DIW, nicht günstiger geworden, sondern deutlich teurer. In der Anfangszeit der Atomkraft war die Branche noch davon ausgegangen, dass es sich noch nicht einmal lohnen würde, den Stromverbrauch zu messen. "To cheap to meter" wird als Ausspruch in der Studie zitiert.

"Wir sehen eben, dass nur der Bau dieser Anlagen mittlerweile drei bis 10-mal so teuer ist, als man es in der Vergangenheit kalkuliert hat." Claudia Kemfert, Leiter der DIW-Energieabteilung

Im Schnitt sind es zwischen zwei und neun Milliarden Euro, die die 674 Atomkraftwerke, die seit 1951 gebaut wurden, Verlust machen oder gemacht haben, so das DIW. Zu keinem Zeitpunkt hätten dabei privatwirtschaftliche oder wettbewerbliche Investitionen eine Rolle gespielt. Es sei eine "irre kostspielige Technologie", so die DIW-Abteilungsleiterin Energie, Claudia Kemfert. Die betreibe man weder um Klimaschutz zu machen, noch um Energie herzustellen.

"Was wir in unserer Studie festgestellt haben, wird Atomenergie eben genau deswegen nicht gebaut oder genutzt, sondern zu militärischen Zwecken." Claudia Kemfert, Leiterin der DIW-Energieabteilung

Im Vordergrund stand immer der militärische Nutzen

Schon in der Frühphase, vor 1950, sei die Entwicklung vom sich abzeichnenden Kalten Krieg geprägt gewesen. Atomkraftwerke wurden demnach als "Plutoniumfabriken mit angehängter Stromproduktion" geplant.

Auch danach hätten die Spannungen zwischen den USA und der Sowjetunion die Weiterentwicklung bestimmt. Nachdem die Bemühungen gescheitert waren, die Verbreitung von spaltbarem Material zu kontrollieren, habe es einen Wettlauf gegeben, bei den jeweiligen Partnern die eigene AKW-Technologie zu verbreiten.

Lediglich in wenigen Ländern, wie in Deutschland, konnten dabei privatwirtschaftliche Energieunternehmen für den Betrieb der Anlagen gewonnen werden. Allerdings nur mit Hilfe hoher Subventionen. Parallel dazu seien Atomprogramme in Indien, Pakistan und Israel entstanden.

Später seien noch andere Länder dazugekommen. Eine wirtschaftliche Nutzung der Atomkraft durch private, nicht staatlich gestützte Investitionen, finde aber in keinem der Atomländer statt, so die DIW-Studie.

Kein tauglicher Klimaschutz mit Atomkraftwerken

Die betriebswirtschaftlich nicht zu rechtfertigenden Kosten und die Gefahren für die Umwelt seien damit auch der Hauptgrund, warum Atomkraftwerke nicht wirksam zum Klimaschutz beitragen könnten.

Das Narrativ "Atomkraft für Klimaschutz" sei alt, aber nach wie vor nicht zutreffend, so die Autoren der Studie. Die Beschreibung der Atomkraft als “saubere Energie“ ignoriere die erheblichen Umweltrisiken und die nicht zu vernachlässigenden Emissionen, darunter auch CO2, über die gesamte Prozesskette.

Betrachte man folglich Kosten und Umwelteinflüsse der Atomkraft, sei es deutlich günstiger, auf anderen Wegen Klimaschutz und CO2-Einsparungen zu erreichen.

DIW rät vom weiteren Bau von Kernkraftwerken ab

Der Bundesregierung legt das DIW deshalb nahe, sich in der EU und anderen Organisationen mit deutscher Beteiligung gegen die Meinung zu stemmen, Atomkraft schütze das Klima. Vor allem gegen Neubauten spricht sich das DIW aus. Budgets für Forschung an neuen Reaktortypen sollten gestrichen werden, so die Empfehlung.

Das Fazit der Studie: Atomkraft ist zu teuer und zu gefährlich. Deswegen sei sie keine Option für eine klimafreundliche Energieversorgung.

Kernkraftbefürworter kritisieren Studie

Kritik an der Methodik der Studie kommt von Nuklearia, einem Verein, der sich als partei-und konzernunabhängig beschreibt, Kernenergie als eine wesentliche Säule der Energieversorgung einschätzt und eine Kombination von Erneuerbaren Energien mit Kernenergie für den richtigen energiepolitischen Weg hält.

Demzufolge sei selektives Vorgehen bei der Literatur- und Quellenwahl ein Hauptmerkmal der Studie. Würde das DIW dieselbe Rechnung für Wind- und Solarkraft aufmachen, wären diese Anlagen unter rein marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten ebensowenig „rentabel“ wie die Kernenergie.

Zudem seien Datenauswahl und Berechnungsmethoden angreifbar. Als Belege dafür nennt die Nuklearia –Vorstandsmitglied Anna Wendland:

- Das DIW hätte den „Stromgestehungspreis“ berechnen müssen. Der liege für Kernkraftwerke ungefähr auf dem Niveau der Braunkohle, mit rund 4 Ct/KWh, und weit unter diversen Erneuerbaren

- Die angenommene Reaktorlaufzeit sei mit 40 Jahren willkürlich und entspreche nicht dem Stand der Technik. Für moderne KKW-Neubauten würden heute Laufzeiten von 60 Jahren und mehr angesetzt, viele alte Anlagen würden nachgerüstet und laufzeitverlängert, sodass sie weit über 40 Jahre laufen könnten.

Auch träfe die Unterstellung des DIW nicht zu, dass Kernenergie nur zu militärischen Zwecken genutzt und deswegen staatlich gefördert werde.

Nuklearia fragt auch, warum die DIW-Studie nicht –wie bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen Standard-einer kritischen, doppelt-blinden Begutachtung unterworfen wurde ,sondern nur im hauseigenen Journal erschien.

Energieversorger E.ON ohne direkte Stellungnahme

E.ON, einer der größten Energieversorger Deutschlands, will sich auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks nicht direkt zur DIW-Studie äußern.

Die Frage, ob eine Investition in Atomkraft auch gut für den Klimaschutz sein kann, stelle sich für E.ON nicht. Und die klare Forderungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung an die Politik, von der Atomkraft als nachhaltige Energieversorgung abzulassen? Nur so viel:

„Der Beschluss der Politik, bis 2022 das letzte Kernkraftwerk vom Netz zu nehmen, wird von E.ON selbstverständlich mitgetragen“. Alexander Ihl, Communications & Political Affairs bei E.ON

Aktuell betreibt die E.ON-Tochter PreussenElektra in Deutschland noch drei Kernkraftwerke: In Brokdorf (Schleswig-Holstein), Grohnde (Niedersachsen) und Isar 2 (Bayern).

Während in Deutschland bald auf Atomkraftwerke verzichtet werden soll, scheint E.ON währenddessen außerhalb Deutschlands verstärkt auf Kernkraft zu setzen:

Erst Ende vergangenen Jahres hat PreussenElektra in den Vereinigten Arabischen Emiraten einen Dienstleitungsvertrag mit dem Betreiber von vier neuen Kernkraftwerken unterzeichnet.