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Streit um Arznei-Lieferengpässe spitzt sich zu | BR24

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In letzter Zeit sind Medikamente viel häufiger nicht lieferbar als noch vor fünf Jahren. Über die Gründe wird gestritten. Auch über die Frage, wie sich Engpässe bekämpfen lassen, streiten Pharmaverbände und Krankenkassen. Die Politik sucht Lösungen.

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Streit um Arznei-Lieferengpässe spitzt sich zu

In letzter Zeit sind Medikamente viel häufiger nicht lieferbar als noch vor fünf Jahren. Über die Gründe wird gestritten. Auch über die Frage, wie sich Engpässe bekämpfen lassen, streiten Pharmaverbände und Krankenkassen. Die Politik sucht Lösungen.

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Im Jahr 2014 wurden beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) 30 Lieferengpässe bei Medikamenten gemeldet. Derzeit sind es 268, also neunmal so viele. Darin sind die Lieferschwierigkeiten bei Impfstoffen nicht eingerechnet. Ein Lieferengpass ist in der Fachsprache dabei die Stufe vor dem Versorgungsengpass. Beim Lieferengpass ist das Präparat eines Herstellers in einer bestimmten Dosierung zeitweise nicht verfügbar, Apotheken können aber versuchen, auf andere Produkte auszuweichen. Beim Versorgungsengpass müssen gegebenenfalls Behandlungen unterbrochen werden, weil ein Medikament fehlt.

Herstellerverbände kritisieren Preispolitik

Ein Hauptgrund für die Lieferschwierigkeiten liegt nach Ansicht des Branchenverbandes Progenerika in den Preisen für Arzneien, die nicht mehr unter Patentschutz stehen. Für patentgeschützte Arzneien können die Hersteller hohe Preise verlangen. Bei Medikamenten ohne Patentschutz, den Generika, seien die Preise, die sich in Deutschland erzielen lassen, immer weiter gesunken, argumentiert der Verband. Deshalb würden weltweit tätige Firmen ihre Ware oftmals lieber in andere Länder liefern, wo sie höhere Preise erzielen können.

"Es herrscht ein hoher Kostendruck auf Generika, die in Deutschland die gesamte Grundversorgung darstellen." Bork Bretthauer, Geschäftsführer Progenerika

Besonders kritisch sehen die Hersteller die Rabattverträge, bei denen seit dem Jahr 2007 gesetzliche Krankenkassen mit Herstellern besonders günstige Preise vereinbaren können. Dabei liefert der jeweilige Hersteller exklusiv die Arzneien für die Versicherten der jeweiligen Kasse. Nach Berechnungen der Apothekerverbände summieren sich die Einsparungen der Kassen durch die Rabattverträge insgesamt auf deutlich mehr als vier Milliarden Euro jährlich. Der Verband Progenerika fordert, dass bei Rabattverträgen nicht mehr nur ein Hersteller den Zuschlag erhalten soll, sondern mindestens drei.

Generika: Gleicher Wirkstoff – anderer Name

Besonders stark von Lieferengpässen betroffen sind Generika, also Medikamente, für deren Wirkstoff der Patentschutz abgelaufen ist. In der Regel gelten Patente für Arzneien 20 Jahre. So lange dürfen Firmen, die einen neuen Wirkstoff entwickeln, ihn alleine vermarkten. Während dieser Zeit nutzen die Pharmaunternehmen in der Regel ihr Monopol, um hohe Preise zu verlangen – mitunter extrem hohe Preise.

Nach dem Ablauf des Patentschutzes stellen in der Regel auch mehrere andere Firmen den Wirkstoff her und bieten ihn deutlich günstiger an. Diese Generika enthalten chemisch gesehen dieselben Moleküle wie das Originalpräparat. Dieser identische Wirkstoff wird allerdings, je nach Hersteller, in verschiedenen Tablettenformen und unterschiedlichen Verpackungen abgegeben.

© Claudia Grimmer/BR

Lieferengpässe bei Medikamenten sind ein Dauerthema. Und werden es wohl auch noch eine länge Zeit bleiben. Für viele Patienten bedeutet das nicht nur Warten auf benötigte Medikamente, sondern auch ein ständiges Gerenne zwischen Arzt und Apotheke.

Kassen weisen Kritik zurück

Nach Einschätzung der gesetzlichen Krankenkassen ist die Preispolitik in Deutschland aber nicht der eigentliche Grund für die Lieferengpässe. Vielmehr habe eine Entwicklung, die seit Jahrzehnten anhält, dazu geführt, dass es bei vielen Wirkstoffen weltweit nur noch eine Handvoll Hersteller gebe, erklärt der Arzneimittel-Experte der AOK Bayern, Wolfgang Adolf. Diese Produzenten haben ihre Fabriken großteils in Asien und versuchen für den gesamten Weltmarkt so günstig wie möglich zu produzieren.

Dadurch komme es immer wieder zu technischen Problemen und Qualitätsmängeln, die dann weltweit zu Lieferschwierigkeiten führten, stellt Adolf fest. Wenn die Kassen an die Hersteller höhere Preise zahlen, ändere sich an dieser Grundkonstellation erst einmal nichts, glaubt er.

"Wenn man statt einem Euro jetzt 1,50 Euro zahlt, dann verdient halt jemand in der Lieferkette 50 Cent mehr. Das heißt nicht, dass er dann seine Produktion verteuert. Er wird weiterhin darauf achten, so günstig wie möglich zu produzieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben." Wolfgang Adolf, Arznei-Experte AOK Bayern

Bayerns Gesundheitsministerin will gegensteuern

Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) fordert auf Bundesebene und auch europaweit Initiativen, damit Produktion nach Europa und Deutschland zurückverlagert wird. So wünscht sie sich neue Regeln, damit Arzneiwirkstoffe nur dann in die EU eingeführt werden können, wenn die Hersteller bei der Produktion europäische Sozial- und Umweltstandards einhalten.

Und bei der Entscheidung von Krankenkassen, mit welchen Firmen sie Rabattverträge schließen, soll nach dem Willen der bayerischen Gesundheitsministerin nicht nur der Preis eine Rolle spielen, sondern auch der Produktionsstandort.

"Es sollen regelhaft ein Anbieter den Zuschlag für einen Arznei-Rabattvertrag erhalten, wenn er den Wirkstoff aus einer EU-Produktionsstätte bezieht." Melanie Huml, Gesundheitsminister Plan

Maßnahmen auf Bundesebene

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat angekündigt, die Bundesregierung werde "alles tun, um Lieferengpässe von Medikamenten künftig zu vermeiden". So soll es für Apotheker leichter werden, bei Medikamenten, für die Rabattverträge gelten, auch Produkte anderer Hersteller abzugeben, wenn die vertragsgebundenen Arzneien nicht lieferbar sind. Die zuständigen Bundesbehörden sollen Pharmafirmen und Großhändlern bei bestimmten Arzneien Vorgaben machen dürfen, welche Mengen sie in ihren Lagern vorrätig haben müssen.

Kassen fordern mehr Transparenz

Bei den Krankenkassen gibt es allerdings Zweifel, ob Gesundheitspolitiker in Deutschland wesentlichen Einfluss darauf haben, wo internationale Pharmakonzerne ihre Produktionsstandorte ansiedeln. Der Arzneimittel-Experte der AOK Bayern, Wolfgang Adolf, setzt daher vor allem auf eine Maßnahme, die auch von vielen Gesundheitspolitikern unterstützt wird: Es müsse mehr Transparenz geschaffen werden, an welcher Stelle im Produktions- und Lieferprozess Schwierigkeiten auftreten.

"Die Hersteller müssten verpflichtet werden, frühzeitig zu melden, wenn es ein Problem gibt, damit man auf nationaler Ebene etwas tun kann, um dieses Problem zu managen." Wolfgang Adolf, Arznei-Experte AOK Bayern

Folgen der Corona-Epidemie unklar

Über die Frage, ob die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus in China die Arznei-Lieferengpässe weiter verschärft, gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Der Pharma-Spezialist der Beratungsgesellschaft Roland Berger, Morris Hosseini, hat vor einer Zuspitzung der Lieferengpässe gewarnt, wenn wegen der Corona-Epidemie zu Pharma-Fabriken in China länger geschlossen bleiben. Der Branchenverband Progenerika hält es hingegen noch für zu früh für solche Warnungen. Es lasse sich derzeit nicht einschätzen, welche längerfristigen Ausfälle es in der chinesischen Pharmabranche gebe, sagt der Progenerika-Geschäftsführer Bork Bretthauer: "Dazu kann im Moment niemand eine seriöse Einschätzung geben."

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