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Stolperstein: Homeschooling für Kinder mit Handicap | BR24

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Yvonne und ihre Schwester Juliane werden von ihrer Mutter zuhause unterrichtet

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Stolperstein: Homeschooling für Kinder mit Handicap

Für viele Schüler beginnt nach und nach wieder der Schulalltag. Für Kinder mit Behinderung ist das nicht so, denn sie gehören häufig zur Corona-Risikogruppe. Das Lernen zu Hause ist da eine ganz besondere Herausforderung.

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Die zehnjährige Yvonne und ihre kleine Schwester Juliane haben im Garten gerne zusammen Spaß, wenn sie eine Unterrichtspause mit ihrer Mutter Agnieszka Dinnebier einlegen. Seit die Schulen geschlossen sind, lernen die Mädchen aus Dachau zuhause. Yvonne erledigt ihre Aufgaben selbstständig. Bei ihrer Schwester Juliane ist das anders, denn die Achtjährige hat das Down-Syndrom. "Juliane lernt nur, wenn ich jede Minute bei ihr sitze und sie dabei unterstütze", erklärt ihre Mutter Agnieszka Dinnebier. "Sobald ich weggehe, fällt die Motivation runter."

Schulbegleitung als wichtige Stütze fehlt

Normalerweise lernt Schulbegleiterin Doreen mit Katharina. Seit Wochen geht das aber nur mühsam per Skype. Die Schulbegleitung ist Julianes persönliche Assistenz. Durch diese individuelle Betreuung kann das Mädchen statt einer Förderschule die Waldorf-Schule besuchen. Auch das Homeschooling würde Doreen gerne übernehmen, aber sie darf nicht. Denn ihr Arbeitgeber, ein Wohlfahrtsverband, hat sie in Kurzarbeit geschickt und das, obwohl sie dringend gebraucht wird.

Noch ist die Mutter der beiden Mädchen selbst in Kurzarbeit. Ab kommender Woche muss die Betriebswirtin aber wieder ins Büro. Ab dann ist es ohne die Unterstützung von Julianes Schulbegleiterin nicht mehr möglich, Job und Kinderbetreuung gleichzeitig zu bewältigen. So muss sich Agnieszka Dinnebier wohl ab Montag von der Arbeit freistellen lassen.

Unterricht zuhause und keine Therapie

Sabine Ludwig aus München ist allein erziehend. Auch ihre Tochter Sophie hat das Downsyndrom. Die Förderschule der 13-Jährigen hat gleich zu Beginn der Corona-Pandemie zugemacht, also vor über acht Wochen. Seitdem denkt sich Sabine Ludwig alle möglichen Beschäftigungen für ihr Kind aus. Bei keiner einzigen kann sie Sophie alleine lassen.

Von der Förderschule bekommt Sabine Ludwig regelmäßig Arbeitsblätter für den Unterricht zuhause. "Ich finde es wichtig, dass sie nicht komplett rauskommt", sagt die Mutter. "Die Kinder tun sich eh viel schwerer, überhaupt etwas zu lernen und es zu behalten. Wenn wir gar nichts machen, dann fängt sie bei null an."

Auch alle Therapien fallen derzeit aus. "Man ist ja in der Situation prinzipiell allein gelassen, weil sich keiner für behinderte Menschen interessiert, sich keiner wirklich kümmert und das ist jetzt natürlich noch schwieriger", sagt Sabine Ludwig.

Corona-Lockerungen können beängstigend sein

Familie Walser aus Königsdorf bei Bad Tölz betreibt eine Landwirtschaft. Sohn Simon hat Mutter Sonja endlich einmal für sich. Bei seiner schwerbehinderten Schwester Katharina ist gerade der Pflegedienst.

Als kleines Homeschooling-Projekt darf Simon reiten lernen. "Das ist schon super, wenn wir das zusammen machen können", sagt Mutter Sonja Walser. Simon ergänzt stolz: "Alleine kann ich auch schon im Schritt reiten."

Vater Peter arbeitet tagsüber auf dem Hof, deshalb kümmert sich meistens Sonja Walser zusammen mit dem Pflegedienst um die vierjährige schwerbehinderte Tochter Katharina. Wegen einer Mehrfachbehinderung ist Katharina Risikopatientin und die ganze Familie muss besondere Schutzvorkehrungen treffen, damit das Kind vor dem Virus geschützt bleibt.

Die Lockerungen der Corona-Beschränkungen machen Sonja Walser Angst. "Von uns wird ja dann auch erwartet, dass wir uns mit öffnen in gewisser Weise", sagt sie. Sie wird wieder in die Arbeit gehen, ihr Sohn in die Schule und ihr Mann wird wieder mehr Kontakt haben in der Arbeit. Sonja Walser befürchtet, dass manche "gar nicht verstehen, wieso man jetzt Abstand halten oder eine Maske tragen soll."

Sie selbst arbeitet in Teilzeit als Sozialpädagogin und muss zusätzlich das Homeschooling übernehmen. "Wenn man genau hinschaut und hin spürt, dann ist man eigentlich am laufenden Band am Limit", beschreibt sie die Situation.

"Es ist tatsächlich so, dass wir immer kämpfen um Freiräume. Dass ich etwas für mich tun kann, das ist ganz schwierig und war auch schon vor Corona schwierig. Jetzt ist es nochmals schwieriger, weil ja auch Simon da ist und die Ängste da sind, da könnte man natürlich oft in Tränen ausbrechen." Sonja Walser

Arbeit und behindertes Kind unter einen Hut bringen

In München nutzt Sabine Ludwig jede freie Minute für ihre Arbeit als Buchhalterin. Sie ist nicht in Kurzarbeit und muss Sophie und ihren Job ständig koordinieren. Es sei eine wahnsinnige Belastung. "Wenn man dann wirklich etwas machen muss, wo man sich sehr stark konzentrieren muss, dann ist das nahezu unmöglich", erzählt die Alleinerziehende. Dann mache sie die Arbeit, wenn ihre Tochter im Bett sei eben in Nachtschichten. "Das geht dann nicht anders", sagt Sabine Ludwig.

Vor Corona konnten Tochter und Mutter unter der Woche kaum Zeit miteinander verbringen. Somit hat die Krise auch etwas Positives für Sabine Ludwig. "Ich habe mein Kind komplett neu wieder kennen gelernt, neu lieben gelernt und eigentlich haben wir auch eine ganz tolle Zeit", sagt sie. Die Wochen des Homeschoolings sind nun aber vorbei. Denn Sophie kann in eine Notbetreuung.

Spielerisch Hygieneregeln lernen

Bei den Dinnebiers in Dachau steht Maskennähen auf dem Homeschool-Stundenplan. Schon seit Wochen werden die achtjährige Juliane und ihre Schwester Yvonne spielerisch mit dem Mund-Nasen-Schutz vertraut gemacht. Das ist für die ganze Familie besonders wichtig. Denn Juliane gehört aufgrund ihres Herzfehlers und ihrer Immunschwäche zur Risikogruppe. "Sie ist sehr oft krank, hat oft Mittelohrentzündung, zweimal Lungenentzündung und daher sind wir besonders vorsichtig und haben viel Respekt vor dem Virus", erklärt Mutter Agnieszka Dinnebier.

Seit dieser Woche sind Schutzvorkehrungen noch wichtiger. Denn für Viertklässlerin Yvonne hat der Unterricht wieder begonnen. Sie trägt eine große Verantwortung. Zum Schutz ihrer Schwester muss sie in der Schule die Hygieneregeln ganz genau einhalten.

Ganz langsam kehrt ein Stück Normalität ins Leben von Familie Dinnebier zurück. Nicht nur Yvonne hat ihren Schulalltag wieder, auch Julianes Schulbegleiterin Doreen darf sie wieder zuhause und mit Vorsicht unterstützen.

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