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Sparzinsen falsch berechnet? Klage gegen Sparkasse | BR24

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36 bayerische Sparkassen haben Sparzinsen von Verbrauchern falsch berechnet, sagen Verbraucherschützer. Immer mehr Betroffene melden sich, um ihre Sparverträge prüfen zu lassen. Letztendlich werden die Gerichte entscheiden müssen.

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Sparzinsen falsch berechnet? Klage gegen Sparkasse

Sparer verlieren ihr Vertrauen in die Sparkassen: Laut Verbraucherzentrale sollen auch bayerische Sparkassen bei alten Prämiensparverträgen die Zinsen zum Nachteil der Sparer berechnet haben. Nun klagt ein Kunde gegen die Stadtsparkasse München.

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Als Körperschaft des öffentlichen Rechts soll die Sparkasse die breite Bevölkerung zum Sparen anregen. Damit Geld da ist, wenn man es braucht, im Alter beispielsweise. Dafür bot das Geldinstitut in den Neunziger und Zweitausender Jahren ihren Kunden sogenannte Prämiensparverträge an. Laut Sascha Straub von der Verbraucherzentrale Bayern sei so ein Vertrag ein risikoarmes Investment gewesen, etwas für konservative Anleger. Jetzt werden diese Verträge massenhaft gekündigt. Doch damit nicht genug:

"Über 600 Fälle haben wir bereits berechnen lassen und können dazu sagen: In all diesen Fällen ist zu Ungunsten der Sparer gerechnet worden." Sascha Straub, Verbraucherzentrale Bayern

Hohe Prämie, niedrige Zinsen

Franz Vogl bekommt 2003 bei einem Banktermin bei der Stadtsparkasse München einen Flyer in die Hand gedrückt. Es ist ein Angebot für den Vertrag "Prämiensparen flexibel": unbefristete Laufzeit, variable Zinsen, dafür aber eine attraktive Prämie. Für Familie Vogl ein gutes Angebot, um später ihre Rente etwas aufzustocken. 600 Euro zahlten sie monatlich ein, 2018 wird ihnen zum ersten Mal die Höchstprämie ausbezahlt: 3.600 Euro. Franz und Ursula Vogl freuen sich, bis sie auf einen Artikel von der Stiftung Warentest stoßen. Darin wurde beschrieben, wie Kunden mit ähnlichen Sparverträgen Zinsen nachteilig berechnet wurden. Franz Vogl will Klarheit und schickt seine Unterlagen der Verbraucherzentrale.

Diese lässt den Sparvertrag von dem Kreditsachverständigen Dieter Voigt prüfen. Das Ergebnis: Über 8.200 Euro an Zinsen seien ihm laut dem Gutachten zu wenig berechnet worden. Franz Vogl kann es nicht glauben.

So kommt der Zinsunterschied zustande

Das Besondere bei den Prämiensparverträgen ist der variable Kundenzins. Am Ende des Jahres wurden den Sparern die Zinsen gutgeschrieben, laut Vertrag von Franz Vogl galt "der am Preisaushang bekanntgegebene Zinssatz". Wie dieser Zinssatz errechnet wurde, sei laut Verbraucherzentrale bis heute nicht bekannt.

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Laut einem Gutachten im Auftrag der Verbraucherzentrale hat die Stadtsparkasse München Franz Vogl über 8000 Euro zu wenig Zinsen ausbezahlt.

Der Kreditsachverständige Voigt hingegen zieht einen Kundenzins (grüne Linie) heran, der sich an dem sogenannten Referenzzins (blaue Linie) für zehnjährige Anleihen orientiert. Dieser Referenzzinssatz wird laut Europäischer Zentralbank (EZB) von einer unabhängigen Stelle ermittelt, regelmäßig aktualisiert und ist öffentlich einsehbar. Dieser Referenzzins ist im Lauf der Jahre gesunken, damit müsste sich auch automatisch die Berechnungsgrundlage des Kundenzinses ändern.

Franz Vogl startete mit einem Kundenzins von 2,75% seinen Sparvertrag, das waren 46% des damaligen Referenzzinses in Höhe von 5,94%. Dieser sogenannte relative Zinsabstand, im Fall von Franz Vogel die 46%, müsse laut Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) von 2010 über die komplette Vertragsdauer bestehen bleiben. Laut dem Gutachten von Dieter Voigt sei dies nicht passiert. Er kommt zu dem Ergebnis: Franz Vogl seien niedrigere Zinsen (rote Linie) ausbezahlt worden, damit seien ihm über 8.200 Euro entgangen.

Streit um die richtige Zinsberechnung

Franz Vogl will die Stadtsparkasse München konfrontieren und schreibt einen Brief an den Vorstand seiner Bank. Er vermutet ein individuelles Versehen und er fordert die laut Gutachten entgangenen Zinsen zurück. Doch die Bank weist alle Rechenfehler von sich. Auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks bezieht die Stadtsparkasse Stellung:

"Die von uns verwendete Methode zur Zinsberechnung erfüllt alle rechtlichen Anforderungen. Somit werden auch die höchstrichterlichen Vorgaben erfüllt." Stadtsparkasse München

Welche Berechnungsmethode nun rechtens ist, muss vor Gericht geklärt werden. Franz Vogl will Klarheit und hat Klage gegen die Stadtsparkasse eingereicht. Die Verbraucherzentrale ist auf seiner Seite.

Was tun bei einer Kündigung?

In einem Urteil im Mai 2019 entschied der BGH, dass ein Kreditinstitut einen Prämiensparvertrag nicht vor Erreichen der höchsten Prämienstufe kündigen kann. Dies sei laut Verbraucherzentrale der Startschuss für die darauffolgende Kündigungswelle der Prämiensparverträge gewesen.

Im Fall einer Kündigung rät Sascha Straub von der Verbraucherzentrale Bayern im ersten Schritt Einspruch dagegen einzulegen. Anschließend sollte man seinen Sparvertrag nachrechnen lassen.

In Bayern seien hauptsächlich Sparkassen, vor allem in Nürnberg, München und Regensburg betroffen. Die Kunden der Sparkasse Leipzig und Erzgebirge haben bereits Musterfeststellungsklagen gegen ihre Banken eingelegt.

Angst vor Negativzinsen

Die Zinsen auf Sparguthaben sinken in den letzten Jahren kontinuierlich. Schuld daran ist auch die Niedrigzinspolitik der EZB. Schon seit 2014 verlangt sie Strafzinsen für kurzfristige Einlagen von Banken. Immer mehr Anleger müssen sich daher auf Negativzinsen einstellen, weil Banken ihre Kosten an die Privatkunden weitergeben. Die alten Sparverträge mit hohen Prämienversprechen werden zunehmend zu einer Last für die Banken.