Medikamente liegen im Lager einer Apotheke.
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Europas Pharmaindustrie setzt verstärkt auf eigene Produktionsstandorte. Die Krankenkassen werden aufgefordert, das zu berücksichtigen.

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    Spannungen mit China: Pharmabranche setzt auf neue Lieferketten

    Spannungen mit China: Pharmabranche setzt auf neue Lieferketten

    Der Pharma-Branchenverband Progenerika befürchtet eine Verschärfung der Lieferprobleme bei Arzneien, falls Konflikte des Westens mit China weiter zunehmen. Es gebe aber in Europa weiter eine gute Basis für sichere Lieferketten, erklärt der Verband.

    Deutschland sei in einer gefährlichen Abhängigkeit von Arznei-Lieferungen aus Asien, warnt der Geschäftsführer des Pharma-Branchenverbandes Progenerika, Bork Bretthauer. In dem Verband sind Firmen zusammengeschlossen, die Medikamente herstellen, bei denen der Patentschutz abgelaufen ist, in der Fachsprache heißen sie Generika. Nach Berechnungen seines Verbandes werden rund 60 Prozent der Arzneiwirkstoffe in Asien produziert, vor allem in China und Indien.

    Für den Fall, dass die Spannungen zwischen westlichen Regierungen und China zunehmen, etwa über den Status von Taiwan, könnten Arznei-Lieferketten abreißen, warnt Progenerika. Es könne eine ähnliche Entwicklung eintreten wie bei Gaslieferungen aus Russland. Der Vorstands-Chef von Progenerika, Peter Stenico, findet deshalb, es gebe trotz aller Alarmmeldungen über aktuelle Lieferengpässe "noch zu wenig Panik im System".

    Vertrauen auf europäische Stärke

    Kai Rossen, Vorstand des französischen Arznei-Wirkstoff-Herstellers EUROAPI, plädiert gleichzeitig für mehr Selbstbewusstsein bei der Diskussion über die Zukunft der Pharma-Versorgung. Je nachdem, auf welche Kenngrößen man schaut, sei China keineswegs so dominant, wie es oft dargestellt werde, sagt Rossen. Wenn man etwa auch die die Umsätze als Maßzahl nimmt, zeige sich: "Norditalien ist der Ort, wo in der Welt die meisten Wirkstoffe hergestellt werden, mehr als in China."

    Die Produktionsverlagerungen der vergangenen Jahrzehnte seien auch die Folge unternehmerischer Entscheidungen, die bequem schienen. In vielen Vorstandsetagen habe die Devise gegolten: Das können wir auch einkaufen. Warum sollen wir das selbst herstellen?

    Sein Unternehmen, das erst vor kurzem vom Großkonzern Sanofi abgespalten wurde, bemühe sich, auch in Europa so effizient und kostengünstig wie möglich zu arbeiten, erklärt Rossen: "Wir führen im Moment ein Verfahren ein, das das effizienteste Verfahren sein wird, mit dem Vitamin B12 irgendwo in der Welt hergestellt wird."

    Kritik an Kostendruck

    Der Progenerika-Chef Peter Stenico, der auch die Deutschland-Sparte des Pharmaunternehmens Sandoz leitet, kritisiert gleichzeitig den Kostendruck, der vor allem in Deutschland herrsche. Firmen, die Exklusiv-Verträge mit gesetzlichen Krankenkassen abschließen wollen, müssten ihren Abnehmern sehr hohe Rabatte gewähren: "Entweder man ist der Günstigste oder man ist 'raus." Neben dem Preis sollte deshalb stärker auch berücksichtigt werden, wo Medikamente hergestellt werden, fordert Stenico.

    Österreich als Vorbild

    Es gebe auch Vorbilder staatlicher Förderung von Pharma-Produktion, betont der Verbandschef, etwa in Österreich. In Kundl in Tirol hat Sandoz eine der weltweit größten Produktionsstätten von Antibiotika, auch dank staatlicher Zuschüsse. Das Sandoz-Werk in Kundl müsse allerdings mit immer höheren Kosten kämpfen, stellt Stenico fest. Und er warnt, dass die Konzentration von Produktion an einem einzelnen Standort auch Risiken berge. Beim Antibiotikum Amoxicilin beispielsweise kämen 70 Prozent aller Lieferungen für den deutschen Markt aus Kundl. Wenn dieses Werk ausfalle, seien die Folgen unabsehbar, warnt Stenico.

    Aber auch er zeigt sich zuversichtlich, dass Europas Pharma-Produktion sich im weltweiten Wettbewerb und auch unter den Bedingungen der Energiekrise behaupten kann: "Europa ist stark genug, um das zu schaffen. Wir schaffen es im Schulterschluss."

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